ErnährungWie es ist, ein Tier zu schlachten

Dass man Tiere isst, erschien dem Autor Moritz Honert immer normal. Bis er merkte, dass er Fleisch für ein Supermarktprodukt hielt und beschloss, selbst zu töten. von Moritz Honert

© Reuters/Herwig Prammer

Ich habe getötet. Es war keine emotionale Kurzschlusshandlung. Es passierte nicht im Affekt. Es war reife Überlegung, die mich dazu brachte, ein Leben zu beenden. Ich wollte wissen, was es bedeutet, was es in mir auslöst – ob ich es kann.

Die Erkenntnis traf mich im Supermarkt. Ich stand vor dem Regal mit den Nudeln. In einer Hand eine Schachtel Spaghetti, in der anderen eine Packung eingeschweißtes Hackfleisch. Ich hatte wenig Zeit, in einer Stunde sollten Leute zum Essen kommen. Doch statt Parmesan zu suchen, stand ich plötzlich bewegungslos da. Was war noch mal der Unterschied zwischen Fleisch und Nudeln? Ich wusste es nicht.

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Eines der Produkte in meiner Hand hatte mal gemuht, fiel mir ein. Wenn ich in mich hineinhorchte, machte das jedoch überhaupt keinen Unterschied. Beide Lebensmittel erschienen mir wie Gebrauchsgegenstände – und mit einem Mal fühlte sich das falsch an. "Ich habe keine Ahnung, was es bedeutet, dass ein Tier sterben muss, bevor ich Fleisch kaufe", gestand ich mir ein. Sechs Wochen später nahm ich ein Beil und schlug einem Perlhuhn den Kopf ab.

Vegetarier sein, das kam für mich lange nicht infrage. Als ich aufwuchs, aßen in meiner Familie alle Fleisch. Unser Haus stand am Waldrand. Manchmal beobachteten wir Kaninchen, die zwischen den Bäumen hervorhoppelten. Aber ich hatte nie so viel Mitleid mit ihnen, als dass mir ihr Fleisch nicht mehr geschmeckt hätte. Als kleiner Junge war ich mit meinem Vater ab und zu angeln. Ich erinnere mich, dass es mir Spaß gemacht hat, den Fischen auf den Kopf zu hauen. Dass man Tiere isst, erschien mir immer normal. Löwen fraßen Antilopen, Menschen eben Schweine. Der Kreislauf des Lebens.

Die Idee in die Tat umzusetzen, war schwierig

Die Fragen kamen später. Es war kurz nach der Jahrtausendwende, ich war Anfang 20 und ging viel auf Konzerte. Metal, Punk, später fast nur noch Hardcore. Laut, schnell, brutal. Herausgebrüllte Gesellschaftskritik, zu der man sich beim Tanzen vor der Bühne gegenseitig Hämatome zufügte. In der Szene gab es viele Vegetarier oder Veganer, und irgendwann hatte auch ich in meinem Freundeskreis jede Menge Leute, die kein Fleisch aßen. Es war nie so, dass mich jemand missionieren wollte. Doch die ständige Konfrontation mit Menschen, die sagten, "Nein, das esse ich nicht", setzte Gedanken in Gang. Ich zweifelte nicht am Fleischessen an sich. Aber ich begann darüber nachzudenken, was es überhaupt bedeutet, Tiere zu essen.

Natürlich hatte auch ich Filme über Schlachthöfe gesehen und die Tiertransporte auf der Autobahn. Ich wusste, dass man eigentlich nicht Steak, sondern Kuh bestellt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Wissen und Begreifen und das Begreifen ereilte mich eben dort zwischen den Supermarktregalen. Es forderte eine Entscheidung. "Ich muss verstehen, was es bedeutet, Tiere zu essen", sagte ich mir. Und um zu begreifen und nicht nur zu wissen, dass Hackfleisch und Nudeln eben nicht dasselbe sind, musste ich töten. Ich wollte weiter Fleisch essen, aber nur, wenn ich selbst in der Lage wäre, es vom Stall auf den Teller zu bringen.

Ich warf das Hackfleisch zurück in die Kühltheke und schnitt stattdessen Gemüse in die Tomatensoße. Am nächsten Tag griff ich zum Telefonbuch.

Die Idee in die Tat umzusetzen, gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht. Schlachthöfe gab es 2003 in Berlin nicht mehr. Tiere essen , Jonathan Safran Foers Bestseller-Plädoyer für Vegetarismus, war noch lange nicht geschrieben, und Mark Zuckerberg , der heute angeblich auch nur noch isst, was er selbst erlegt, hatte damals weder Facebook gegründet noch einen Jagdschein gemacht. Metzger, die ich fragte, runzelten die Stirn, Geflügelzüchter, die ich anrief, reagierten mit Misstrauen. Laut dem Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft gibt es zwar kein Gesetz, das das Selberschlachten von Hühnern generell verbietet, gerne sieht das Veterinäramt das allerdings nicht. Nach ein paar Wochen schließlich fand ich ein Ehepaar in Brandenburg , die sagten, ich könne gerne vorbeikommen. Sie hätten ein paar Tiere, die sie sonst auf der Grünen Woche verkaufen wollten.

Leserkommentare
    • PigDog
    • 21. März 2012 22:54 Uhr

    Die Unterschiede zwischen einem Kalb und einem Karöttchen sind mir durchaus bekannt.
    Sie hindern mich keineswegs daran, beide mit Genuß zu verzehren!

    Daran wird auch Ihr dogmatisches Gehabe nichts ändern!

    Immerhin, wenn es Ihr Selbstwertgefühl steigert, sich mir moralisch überlegen zu fühlen, ist mein Fleischkonsum ja doch nicht ganz unnütz... ;-)

    Übrigens - Warum sollte ich mir einen Finger abschneiden?

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    Antwort auf "@30 pigdog"
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    damit sie einmal ein bisschen etwas von dem empfinden, was diesen Tieren angetan wird, bevor sie auf Ihrem Teller landen?

  1. ob auch Tiere leiden völlig abstrus und kann wirklich nicht nachvollziehen, wie jemand das bezweifeln kann! Ich habe mich sogar schon oft gefragt, ob sie nicht sogar in Gefangenschaft noch mehr leiden, als Menschen, weil sie sich nicht auf ein abstraktes Denken zurückziehen können. Wir haben ja z.B. als Ventil den sog."Galgenhumor", der wahrscheinlich oft verhindert, daß wir durchdrehen. Ich empfinde zumindest die Säugetiere als warm- und weichherziger als die Menschen.

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    Antwort auf "auch ohne C. Darwin"
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    eher bereichernd als unkritische und pauschale Statements.

  2. damit sie einmal ein bisschen etwas von dem empfinden, was diesen Tieren angetan wird, bevor sie auf Ihrem Teller landen?

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  3. waren im Antiken Griechenland schon insofern gleichberechtigt, als es rechtlich als Mord galt, sie zu töten und auch so geahndet wurde. Die Wissenschaft weiß ja heute, daß Delphine zu den einzigen(oder wenigsten?) Lebewesen gehören, die auch eine Großhirnrinde entwickelt haben wie wir Menschen.

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    Antwort auf "und dann"
  4. eher bereichernd als unkritische und pauschale Statements.

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    ich hätte Sie damit kritisieren wollen, dann haben Sie mein Komment falsch verstanden. Der Urheber dieser Frage war ja ein ganz anderer!

  5. "Wieso gibt es bei Ihnen einen Unterschied zwischen persönlichem Mitleid und Ethischer Moral?"
    Zuerst hielt ich die Frage für einen Witz, aber ich will trotzdem Versuchen sie zu beantworten:
    Einfach gesagt befasst sich die Ethik mit der Frage nach den allgemeinen Handlungsprinzipien und ob diese gut sind. Im Falle Vegetarismus unter ethischem Gesichtspunkt geht es also um die generelle Frage, ist es besser, keine Tiere für seine Ernährung zu töten oder ist es gleichwertig oder ist es schlechter. Hier bedeute allgemeingültig für die Allgemeinheit, also für jeden gültig.
    Meiner Meinung nach ist es unter ethischen Gesichtspunkten gleichwertig. Das heißt, dass es jedem überlassen ist, mit sich und seinem Gewissen zu vereinbaren, ob sie/er Tiere zum Zwecke seiner Ernährung tötet bzw. töten lässt oder eben nicht.
    Mitgefühl ist eine Emotion. Aus Emotionen allgemeine Handlungsprinzipien abzuleiten, die dann allgemeine Gültigkeit haben, halte ich für ausgeschlossen.
    Dass ich mich in meinem Handeln bis zu einem gewissen Grad von meinen Emotionen lenken lasse, halte ich für natürlich und legitim, solange ich mit meinem Handeln keinen anderen in seiner Handlungsfreiheit einschränke.

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  6. Und bitte beachten Sie, dass unter ethischen Gesichtspunkten die Motivation für eine Handlung entscheidend ist. Daher ist zwar jeder Mord eine Tötung, jedoch nicht jede Tötung ein Mord. Auch hier wäre es meine Meinung nach angebracht etwas genauer zu differenzieren in der Argumentation, insbesondere beim Zitieren Ihres Kronzeugen Leonardo da Vinci.

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    Sind Sie der Liebe Gott? Es gibt für mich ein persönliches
    ethisches Handeln, also meinen persönlichen Begriff von Ethik! Meine eigene Moral! Wenn ich mir die von irgendwelchen bestehenden Sitten nur abhängig mache, die gerade üblich sind und die als ethisch GELTEN, dann bin ich doch nur ein Sklave der bestehenden Konventionen, aber kein freier, kreativ denkender Mensch! Das hat für mich mit echter Ethik dann garnichts mehr zu tun, das nenne ich dann traditionalistisch angepasst.

    • kelim
    • 22. März 2012 0:35 Uhr

    “...Fragen sie einmal an, wie es bei kriegerischen Völkern war, die bestrebt waren jene Eigenschaften zu entfalten, die das Sich-Ausleben aus dem Physischen ermöglichten, und sie werden in der Regel eine Ernährung aus dem tierischen Reiche finden. Selbstverständlich sind Ausnahmen vorhanden.

    Dagegen werden sie finden, dass bei denjenigen Völkern, die vorzugsweise die Verinnerlichung der Charaktere entfaltet haben, (eine Art beschauliches Dasein) die Pflanzenkost entweder vorwiegend oder ausschließlich üblich war...

    ...Dass die Menschen immer dogmatischer werden, gerade nur das überschauen können, in das sie hineingewachsen sind seit ihrer Geburt, hängt stark zusammen mit dem übertreiben der tierischen Nahrung...

    ...Wenn der Mensch aber seine Nahrung aus den Pflanzenreiche entnimmt, wird er verinnerlicht und unabhängig gemacht, er wird Eigner über sein ganzes Wesen.
    Je mehr er sozusagen der Pflanzennahrung zuneigt, je mehr er in der Lage ist die Pflanzennahrung überwiegen zu lassen, desto mehr wird er imstande sein, seine innerlichen Kräfte überwiegen zu lassen, den Sinn für weite Gesichtskreise zu entwickeln...“

    (Ernährung und Bewusstsein: R. Steiner)

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    aber ich versteh die Überschrift nicht! Was meinen Sie genau damit?

    wusste gar nicht, dass der "olle Steiner" auch solche Sachen drauf hatte.

    Jaja, die Steiner- Jünger...

    "...Dagegen werden sie finden, dass bei denjenigen Völkern, die vorzugsweise die Verinnerlichung der Charaktere entfaltet haben, (eine Art beschauliches Dasein) die Pflanzenkost entweder vorwiegend oder ausschließlich üblich war...

    ....Dass die Menschen immer dogmatischer werden, gerade nur das überschauen können, in das sie hineingewachsen sind seit ihrer Geburt, hängt stark zusammen mit dem übertreiben der tierischen Nahrung..."

    möchte ich daran erinnern, dass der Vegetarismus gerade im D. nach dem ersten WK als Mittel zum *Volksneubau* stark propagiert wurde und das auch Hitler Vegetarier war.

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