Guide MichelinJeder Gast ein Restaurantkritiker

Der Restaurantführer Guide Michelin startet ein Online-Portal, auf dem jeder die Sterneküche beurteilen darf. Das Ende? Eher Rettung in letzter Minute. von 

Revolution! Das Volk auf den Barrikaden! Panik in den Palästen! So geht das mindestens einmal pro Jahrhundert in Frankreich , und auch heute wurde wieder eine Bastille gestürmt: Der Guide Michelin , das einflussreichste rote Buch der Welt. Seine Herausgeber haben nämlich die Beta-Version einer Website freigeschaltet, auf der sich jeder, der dazu Lust hat, über die vom Guide empfohlenen Restaurants ausbreiten kann.

Ende des vergangenen Jahres hatten sich die Mandarine des Restaurantführers mit den berühmtesten Köchen des Landes an einen besternten Tisch gesetzt, um das neue Konzept zu erklären. Den Chefs blieben die edlen Bissen im Halse stecken. Wie jetzt, das Volk soll das Wort erhalten? Der Eklat war so gewaltig, dass die Website noch einmal überarbeitet wurde: Die Kommentare sollen nun rigoros moderiert werden, und wer seine Meinung zu einem Restaurant kundtut, muss angeben, wann er dort gegessen hat. Vernünftig.

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Mit alledem kommt der Michelin ziemlich spät. Vielleicht sogar zu spät. Denn er ist eine Institution im Untergang. Die Auflage stürzt in sich zusammen, und mehr noch, das jährlich erscheinende Druckwerk hält mit der neuen Zeit nicht Schritt, denn allenthalben und besonders in Paris entstehen und sterben unausgesetzt Restaurants, wie die Sternschnuppen. Ein Dampfer wie der Michelin ist da einfach zu schwerfällig. Dem französischen Restaurantnomaden , dem es nicht genügt, irgendwo Stammgast zu sein, wird der dicke Führer einfach nicht gerecht.

Und der Gastronomie selbst leider auch nicht. Stimmt schon, dass seine Testesser allesamt ausgebildete Köche sind, dass sie anonym bleiben und ihre Rechnungen bezahlen, das ist der einmalige Vorzug des Michelin. Über 100 sollen es weltweit sein, ­ aber es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, von ihnen zu verlangen, Jahr für Jahr alle beschriebenen Restaurants gleich mehrfach zu testen, allein in Frankreich sind es 3.500. Mehr noch, kein Unternehmen könnte diese Spesen tragen. So erklären sich manche Irrtümer, etwa die Bewertungen von Restaurants, die es nicht mehr gibt. Oder sogar: noch nicht gibt. Ist vorgekommen!

"Cool" kommt von können

Es muss hinzugefügt werden, dass der Michelin ganz offenkundig das Dekor im Speisesaal zu hoch bewertet; wer ein Drei-Sterne-Restaurant führen will, muss daher Unsummen für Inneneinrichtung, Teller, Gläser und Besteck ausgeben. So werden aus Restaurants spekulative Geldanlagen; schon manch ein Koch, der am Herd eher zu Hause ist als am Schreibtisch, ist daran gescheitert.

Michelin-Bashing ist beliebt geworden. Und der mediale Populismus züchtigt zur Freude des missgünstigen Publikums die Sterne-Restaurants gleich mit. Die seien plüschig, steif, unpersönlich, langweilig heißt es dann, längst nicht so supertoll wie die Szeneläden. Saure Trauben eben.

Zugegeben, das gibt es. Oft aber verhält es sich anders. Erstklassige Restaurants haben Arroganz nicht nötig. Hier müssen sich weder Gast noch Gastronom etwas beweisen, "cool" kommt von können, "angesagt" hingegen von anstrengend. Doch Obacht: Wer selbst stocksteif, etepetete oder gar hochnäsig daherkommt, dem zahlt es der Service mit gleicher Münze heim. Sind eben keine Domestiken! Schon seit 1789 nicht mehr.

Nun also Erneuerung im Netz. Das ist gut, vielleicht wird es auch fein. Ein Gegengewicht womöglich zu den Schwächen der gedruckten Fressbibel. Wenn da nicht, wie so oft, die Finanzierungsfrage wäre. Werbung also. Ließe sich ertragen, die Welt muss ja hier hässlich sein, um dort schön sein zu können. Die Grenze zum Skandal allerdings streift die Website für Michelinfans der alten Art dort, wo Restaurants sich kostenlos einen Platz auf der Website reservieren können, auch wenn der gedruckte Michelin sie keiner Bemerkung würdigt. Na und? Wenn sie nichts taugen, werden die User das schon zu sagen wissen. Und wenn sie sich zensiert vorkommen, ziehen sie zu anderen Websites weiter. Wir dürfen also vermuten: Das wird noch sehr unterhaltsam werden.
 

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Leserkommentare
  1. Ohne jede Überprüfung, ohne Faktencheck, daher oft
    ohne Belang!

  2. hoffentlich besuchen dieses Portal nicht zu viele kulinarisch interessierte Zeitleser. Wenn ich mir die Kommentare zu entsprechenden Rubriken hier durchlese.....

    3 Leserempfehlungen
  3. Revolution in den Palästen...vielleicht. Der französche Durchschnitts-Bürger, mit seinem spärlichen Durchschnittseinkommen, muss eh schon seit Jahren ohne die rote Bibel auskommen. Selbst so ein kleines, nettes Ein-Sterne-Restaurant übersteigt - bei permanent sinkender Kaufkraft - die finaziellen Möglichkeiten vieler Leute.
    Und wenn man dann auch noch in einer Stadt lebt, in der es, alles in allem, gerade mal fünf Sterne gibt, muss ma eben auf die verschiedenen Webesites zurückgreifen, die es nämlich schon eine ganze Weile gibt; und über die man auch teilweise wirklich exzellente Restaurants findet, die es wahrscheinlich sowieso nie bis in den Michelin geschafft hätten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Den zweiten Teil Ihrer Einlassungen kann ich gut nachvollziehen, im Grunde macht es ja auch Spaß ohne Scheuklappen neue Wirte und Ihre Leistungen zu finden. Welch Wohltat einen "Geheimtipp" (vermeintlich) teilen zu können.

    Zum ersten Teil: Sehe ich mir richtig gute Restauration an, dann sehe ich kaum freie Plätze (ob sich ein Stern für den Wirt lohnt ist eine andere Frage, dies ist nämlich selten der Fall. Lohnend wird es erst im 2 oder gar 3 Sterne Segment.
    Aber die gehobene Restaurantklasse finde ich, in Städten und auf dem Lande, doch oft und gern von Kunden besucht.
    Zudem ist nun Sterneküche ja nicht das Wichtigste im Leben eines Kleinverdieners, da haben doch andere Dinge (Kinder etc.) zum Glück Vorrang, gutes Essen geht auch ohne Stern.

    Ich finde es aber eher beachtlich wie doch die Preise seid der Euro Einführung im "normalen" Segment stiegen. Ein Steakhaus-Besuch mit zwei Kindern? Da glüht die Karte!
    Ich denke hier sind sicher mittlerweile Einbußen zu spüren. Dafür boomt die Kaffee-Kultur...

  4. Bedenken:

    1. Eine Kontrolle der Beiträge auf Wahrheit ist unmöglich.
    2. Das Portal wird dann, wie übrigens bestehende Portale auch, zum Marktplatz. Das Signet "Michelin" macht es dann bedeutender.
    3. Agenturen "versorgen" solche Portale längst mit "Bewertungen" (siehe Hotels), übrigens auch mal im Auftrag eines Gegners.
    4. Ich habe oft den Eindruck, Menschen die Zeit haben im Netz zu posten machen dies entweder aus Geltungsdrang oder es finden sich überproportional die Gegner und Personen mit Kritik.
    5. Die Anonymität sorgt, auch bei der ZEIT, immer wieder zu bösen Tönen, zu Beiträgen von Menschen, die sonst mit zum Teil kruden subjektiven Sichtweisen kein Gehör finden.
    6. Die Beiträge lassen eine Verbesserung der Leistungen oft unbeobachtet.

    Andererseits:
    - Auch die Profi-Kritiker können manipuliert sein, einen "alten" Geschmack haben und Ihrer Darstellung und Interessen frönen. Das Label "ein großer Kritiker2 muss oft nichts heißen.
    - Manchmal gibt es auch eine Art Selbstkontrolle im Netz

    Am Ende bliebt dem Gast nur eins: Der Gang in das Restaurant, um seinen eigenen Anspruch zu finden. Aber "unterhaltsam" finde ich die Online-Kriege in Foren selten, die Flut und das Sondieren kann einen schon nerven...

    Guten Appetit!

    2 Leserempfehlungen
  5. Den zweiten Teil Ihrer Einlassungen kann ich gut nachvollziehen, im Grunde macht es ja auch Spaß ohne Scheuklappen neue Wirte und Ihre Leistungen zu finden. Welch Wohltat einen "Geheimtipp" (vermeintlich) teilen zu können.

    Zum ersten Teil: Sehe ich mir richtig gute Restauration an, dann sehe ich kaum freie Plätze (ob sich ein Stern für den Wirt lohnt ist eine andere Frage, dies ist nämlich selten der Fall. Lohnend wird es erst im 2 oder gar 3 Sterne Segment.
    Aber die gehobene Restaurantklasse finde ich, in Städten und auf dem Lande, doch oft und gern von Kunden besucht.
    Zudem ist nun Sterneküche ja nicht das Wichtigste im Leben eines Kleinverdieners, da haben doch andere Dinge (Kinder etc.) zum Glück Vorrang, gutes Essen geht auch ohne Stern.

    Ich finde es aber eher beachtlich wie doch die Preise seid der Euro Einführung im "normalen" Segment stiegen. Ein Steakhaus-Besuch mit zwei Kindern? Da glüht die Karte!
    Ich denke hier sind sicher mittlerweile Einbußen zu spüren. Dafür boomt die Kaffee-Kultur...

    Eine Leserempfehlung
  6. Früher war es tatsächlich so, dass der schöne Schein des Ambientes dem kulinarischem Sein auf dem Teller mindestens ebenbürtig zu sein hatte, um beim Michelin würdig für Höchstbewertungen zu sein. Aber das hat sich inzwischen geändert. Im XXXX Interview gibt Juliane Casper, Chefin des Guide Frankreich, dazu ein paar interessante Antworten.

  7. Der Michelin hat sich überlebt.
    Der heutige Trend führt in Richtung mediterraner (?), ehrlicher Restaurants, in den kein "Chichi" betrieben wird und die Weinflasche für den Gast auf dem Tisch erreichbar bleibt, ohne dass die Servicekräfte um einen herumwuseln müssen.
    Vor über 25 Jahren, als mir die Gallenblase entfernt werden sollte und ich dem Leben noch etwas Schönes abringen wollte, meinte ich, mit meiner Frau in das damalige Kölner Dreisterne-Restaurant "Goldener Pflug" gehen zu müssen. Welch ein Irrtum! Dann lieber zum Italiener um die Ecke, den man kennt.
    Diese ganze Gastrokritik ist natürlich Geschmacksache, über die man sich endlos auslassen kann.
    Der Michelin jedenfalls hat seine besten zeiten hinter sich.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Michelin | Gastronomie | Geldanlage | Inneneinrichtung | Populismus | Restaurantführer
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