Die AusleserHinten am Stausee der Riesling

Deutscher Wein in allen Ehren, aber der Riesling ist längst auch in anderen Ländern zu Hause. Fabian und Cornelius Lange haben ihn am Kap der Guten Hoffnung aufgespürt.

Rund um diesen Stausee im südafrikanischen Elgin, Provinz Westkap, baut Paul Cluver Riesling an.

Rund um diesen Stausee im südafrikanischen Elgin, Provinz Westkap, baut Paul Cluver Riesling an.

Als wir an einem heißen Frühlingstag im November Paul Cluvers Jeep bestiegen, zog der blonde Mann ein beigefarbenes Stoffkäppi auf den Kopf, wie es in unseren Breiten die Kleinkinder aufgesetzt bekommen, um sie vor bösem UV zu schützen. Sein Geländewagen war nicht so ein hochglanzpolierter SUV wie ihn die Mütter bei uns zum Abliefern des Nachwuchses in der Schule nutzen, sondern richtig schön ausgetreten. Vom Rücksitz aus sah ich Cluvers Gesicht im Spiegel – und die zwei dürren Textilfäden, die er unter dem Kinn zusammengebunden hatte, damit ihm der ewige Kapwind, den sie hier in Südafrika Capedoctor nennen, das Hütchen nicht vom Kopf wehte. Eitel war der Mann weiß Gott nicht. Aber er schien ziemlich genau zu wissen, was er wollte. Riesling anbauen. Am Kap der Guten Hoffnung. Ausgerechnet Riesling.

Der Winzer Paul Cluver

Der Winzer Paul Cluver

Cluver war still. Er schien zu jener Sorte Mensch zu zählen, die, auch wenn sie reden, wortkarg wirken. Seine Stimme modulierte nicht, seine Mimik war beim Sprechen starr, und so zwang er sein Gegenüber zu einer Entscheidung – Sympathie oder Antipathie. Cornelius fixierte den Mann am Steuer, der so spröde war wie die Landschaft, die an den Jeepfenstern vorbeizog. Cluver ging gnadenlos mit dem Toyota um, er zwang ihn über jeden Stein, durch jede Mulde, immer weiter den Berg hinauf, mitten in die gottverlassene Wildnis hinein, rechts Gestrüpp, links Gestrüpp. Mit knurrenden Zylindern wand sich der Wagen auf dem tief ins Gelände gefurchten Trampelpfad himmelwärts. Dabei zählte er die lateinischen Pflanzennamen der Vegetation auf. Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte er die ächzende Maschine zum Halt und ließ seinen schlanken Körper aus dem gefährlich zur Seite geneigten Vehikel auf die Erde gleiten, an einem Punkt mitten im Nirgendwo.

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Cluver hielt sich die Spiegelreflexkamera vor seine bleiche Nase und drückte scheinbar wahllos ab. Mehrfach, als würde er damit einen imaginären Springbock erlegen wollen. Dann bückte er sich und pflückte eine Blume. "Das sind wilde Strohblumen. Die hat mein Großvater vor hundert Jahren im großen Stil sammeln lassen und mit dem Frachter nach Europa exportiert. Damals konnte man damit Geld machen." Cluver sprach ein makelloses Deutsch, doch durch seinen kapholländischen Akzent klang es angenehm weich. Nach einer Weile sagte er: "Ich habe in Göttingen Medizin studiert." Lange Pause. "Dann bin ich wieder nach Südafrika und habe als Chirurg gearbeitet." Wieder Pause. "Als mein Vater starb, habe ich die Farm übernommen." Noch eine Pause. "Und mich entschlossen, in dieser Gegend als erster Wein anzubauen."

Die Autoren
Die Autoren

Fabian und Cornelius Lange sind immer auf der Suche nach nach ultimativen Weinen. In der Kolumne "Die Ausleser" schreiben sie über Entdeckungen und Begegnungen in aller Welt, singen ebenso inbrünstig ein Loblied auf die Segnungen der Globalisierung wie sie die Qualität eines regionalen Weins aus der Literflasche beschwören. Mehr über die beiden Autoren erfahren Sie hier.

Paul Cluvers erste Karriere machte einen bedeutenden Chirurgen aus ihm, seine zweite einen landwirtschaftlichen Pionier. "Weil ich Riesling mag und das Klima hier in der Region Elgin gut fünf Grad kälter ist als in Franschhoek hinter den Bergen, habe ich ihn hier gepflanzt." Dann hielt er Cornelius ein Fernglas hin. "Da unten, da wächst der Pinot Noir. Und da der Gewürztraminer. Und da hinten am Stausee Riesling." Wie exakt ausgebreitete Handtücher lagen die Parzellen in der unrasierten Landschaft. Also hier, quasi am Ende der Welt hat der Runaway aus Deutschland Asyl gefunden. Der Kühle aus dem Norden bei Paul Cluver aus Südafrika. Da haben sich zwei gefunden.

Weiter ging die Fahrt im ächzenden Toyota, schweigend schraubten wir uns höher. "Menschen, die Riesling pflanzen, egal wo auf der Welt, sind uns ja grundsätzlich sympathisch", unternahm ich einen Annäherungsversuch. Doch er reagierte nicht. Cluver bremste an einer Ruine und brummte: "Das war mal das Haus des Schäfers", sagte er, "aber mit der Schafzucht ist es bei uns schon lange vorbei. Jetzt ist das Land hier ein Naturreservat." Cluver verschwand im Dickicht. Cornelius und ich stolperten hinterher. Nach dreißig Metern öffnete sich ein Aussichtspunkt hoch über dem Ozean mit einem aus Brettern gezimmerten Tisch und zwei Bänken. Der Wind ging hier zum Glück nur milde. Cluver angelte drei Flaschen aus seinem Rucksack, zwei Rieslinge und einen Gewürztraminer. Wortlos entkorkte er und schenkte ein. Ich probierte. Cornelius trank in Zügen. Wir sahen uns an. Dann blickten wir zu Paul Cluver und nickten. Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite und der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Mehr war es nicht, aber es war das Lächeln eines Siegers.

Riesling und Gewürztraminer vom Weingut Paul Cluver

Riesling und Gewürztraminer vom Weingut Paul Cluver

Wir tranken also Riesling, dem dank des kühlen Standorts der Tod durch Verglühen unter der afrikanischen Sonnenglut erspart worden war. Ganz leicht und sanft schlich er sich an uns heran. Der erste Schluck hatte etwas Aufklärerisches, kleine Mineralkristalle funkelten zwischen Boskopstückchen, Renekloden und weißen Pfirsichschnitzen. Sanfte Säure, herbe Liebkosungen auf der Zunge waren das, feine Reflexe blendeten wie Gegenlicht. Das war genau einhundert Prozent Riesling. Und der trockene Gewürztraminer sang eine Ode an die Rose.

Hier in der Fremde, zwischen Atlantik und Pazifik, passierte etwas mit uns. Und mit Paul Cluver, dem Nachfahren eines protestantischen Pastors aus Verden an der Aller. Am Gaumen hat uns sein Wein zusammen gebracht – dieser Runaway-Riesling, von dem deutsche Weinpatrioten gerne sagen, dass diese Sorte nur in ihrer Heimat zu wahrer Größe aufläuft. Aber so ist die Welt nicht. Schon lange nicht mehr.

Paul Cluver: 2010 Riesling, Elgin
Ca. 10,50 Euro 

Paul Cluver: 2010 Gewürztraminer, Elgin
Ca. 10,60 Euro 

 
Leserkommentare
  1. Ein "Jeep" oder ein "Toyota"? Beides zugleich geht nicht. auch nicht in einem übertrieben manieristischen Oenolog.

  2. Riesling ist kein ausschließlich "deutscher" Wein, es gibt überall auf der Welt guten und schlechten Riesling. Das Gleiche ilt ja auch für den Gewürztraminer, der nicht nur in Tramin gut wird. Daher kann man beide Weine auch in Südafrika anbauen.

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  • Schlagworte Toyota | SUV | Südafrika | Geländewagen | Jeep | Europa
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