Vegetarische ErnährungFleisch aus Schrot und Korn

Würstchen aus Weizeneiweiß, Lachsfilet auf Sojabasis: Wer vegetarisch essen möchte, muss auf nichts verzichten. Das sagen zumindest die Hersteller fleischfreier Kost. von Julia Stelzner

Eine Auslage auf der Messe VeggieWorld: Fleischimitate für jeden Geschmack

Eine Auslage auf der Messe VeggieWorld: Fleischimitate für jeden Geschmack  |  © Julia Stelzner

Mit dem Bioboom in den nuller Jahren fing es an: Der Konsument wurde kritisch, hinterfragte nicht länger nur den Preis, sondern auch die Produktionsverhältnisse von Lebensmitteln und, nach Dioxin- und Gammelfleischskandalen, insbesondere die Herkunft von Fleisch. Seither steigt die Zahl derjenigen, für die die Lösung des Problems im Verzicht liegt. Tiere essen von Jonathan Safran Foer und Anständig essen von Karen Duve hießen vor zwei Jahren die Begleitbücher zum neuen Mode-Vegetarismus . In beiden schildern die Autoren, wie sie selbst vom Fleischverzehr abkamen.

Nicht nur der Erfolg der Bücher belegt, dass die Lust auf eine vegetarische Ernährung immer größere Teile der Gesellschaft erfasst. "Wir haben unsere Mitgliederzahlen in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt", sagt Silke Bott vom Deutschen Vegetarierbund (VEBU). Es gibt vegetarierfreundliche Hotels, fleischfreie Donnerstage in Kantinen und vegetarische Gerichte auf den Tageskarten der meisten Spitzenköche. Das neue Vegetariertum, es ist für alle da – indem es sich manipulativ gibt.

Anzeige

Den Beweis dafür liefert VeggieWorld, eine vom Vegetarierbund initiierte Messe mit dem klangvollen Untertitel Für nachhaltiges Genießen . Am vergangenen Wochenende fand sie zum zweiten Mal statt, über 21.000 Messebesucher kamen und fast doppelt so viele Aussteller wie im Premierenjahr 2011. Neben vegetarischen Kochbüchern, tierversuchsfreier Kosmetik und Biokisten-Abonnements präsentierte die Messe vor allem Nachbauten tierischer Lebensmittel: Entenfilet, Chicken Nuggets, Leberkäse.

Am Veganversand -Stand von Alf Waibel beispielsweise greifen die Besucher beherzt nach veganen Krakauern und loben deren "echten Fleischgeschmack". Die Umsatzzahlen des österreichischen Unternehmens haben in den letzten zwei Jahren stark zugelegt, sagt Waibel. Nachdem sich bereits die pflanzlichen Schnittkäsevarianten gut verkaufen, ist sein neuester Clou ein Streichkäse auf pflanzlicher Basis. In zwei Wochen ist Markteinführung.

Falsche Ente im Einweckglas: So wollen Hersteller vegetarischer Lebensmittel auch bei Fleischessern Anklang finden.

Falsche Ente im Einweckglas: So wollen Hersteller vegetarischer Lebensmittel auch bei Fleischessern Anklang finden.   |  © Julia Stelzner

Auch Alles Vegetarisch , ein Onlineshop aus dem oberpfälzischen Nabburg, hat reichlich Fleisch- und Käse-Imitate im Angebot. Weil der bekehrte Konsument auf nichts verzichten müssen soll, kommen hier sogar Fischliebhaber auf ihre Kosten. Wer früher gerne Thunfisch oder Tintenfischringe gegessen hat, kann es auch weiterhin. Wie die Fleischimitate besteht der falsche Fisch aus einer Mischung aus gepresstem Weizen- und Sojaeiweiß , verschiedenen, häufig nicht näher bezeichneten, Gewürzen und Farbstoff. Schmeckt nicht so wie das Original. Aber Abstriche beim Genuss machen ja die Karmapunkte wieder wett.

Folgt man den Lebensmittelherstellern auf der Messe, verwandelt sich das neue Vegetariertum zudem schon bald in ein neues Veganertum , dessen Moral sich bis in die Kuh- und Hühnerställe ausdehnt. Frischmilch zum Kaffee oder ein Stück holländischer Gouda? Ein Anachronismus in den Augen derjenigen Produzenten, die dafür schon die pflanzliche Variante entwickelt haben. Und davon wird es in Zukunft immer mehr geben.

Es wird interessant sein zu sehen, was dann mit den Urgesteinen der vegetarischen Bewegung geschieht. Die Speisekarte der Rohkostvertreter ist noch beinahe die gleiche wie vor 40 Jahren: Früchte, Nüsse, Blätter und Wurzeln werden bei nicht mehr als 42 Grad erhitzt. Bloß lassen sich mit den pikanten Nusspasten und getrockneten Fruchtkugeln eben nur wirklich ambitionierte Veganer begeistern. Der vegetarische Mainstream dagegen verlangt nach zugänglichen Gerichten, die bekannt sind und convenient zubereitet werden können, wie ein Seitangulasch oder eine Bolognesesoße mit Sojahack.

Felix Hnat von GV Nachhaltig erhofft sich von dieser Entwicklung Rückenwind für sein Anliegen. Als einer von über zwanzig Referenten stellte er auf der VeggieWorld sein Projekt vor, das Großküchen wie Kantinen und Mensen zu mehr fleischlosen Gerichten bewegen will. Auch Bernd Drosihn, Gründer von Tofutown, profitiert. Der vegetarische Unternehmer erzählt, wie er 1981 in Köln mit einem Startguthaben von 2.500 Mark heimlich Tofu produzierte, was damals als "Milchimitat" in der Bundesrepublik verboten war. Heute kennen, laut einer Umfrage von Tofutown und dem VEBU, drei Viertel der Deutschen den Begriff Tofu.

In Zukunft wird Drosihns Produkt immer weniger mit bleichen Würfeln beim Asiaten assoziiert werden, aber immer häufiger mit bissfesten Würstchen mit Räuchergeschmack. Und die vermeintlichen Pflanzenfresser genießen das beste aus beiden Welten. Zumindest optisch.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. aber nicht weil's vegane Mampfe gibt sondern wegen der Kommentare hier.

    Mal abgesehen davon, dass ihr das nich essen müsst, ist das für Menschen gedacht, die keine Leichenteile essen wollen aber trotzdem gerne Würstchen, Schnitzel, Döner wasweißich essen.

    Und so nebenbei, da gibts echt leckere Sachen bei.

    9 Leserempfehlungen
  2. Dass in Japan bereits aus menschlichen Exkrementen (genauer gesagt aus Klärschlamm inklusive Klopapieranteil) ein Fleischersatz entwickelt wurde, der nach "Hähnchen mit einem Hauch von Fisch" schmeckt (http://www.wasser-wissen.... ), ok. Aber gleich aus Menschenfleich...-Tss tss tss!

  3. 11. Umami

    .... wie der Japaner zu sagen pflegt ...

    mit kulinarischem Gruß

    Der mit dem Schnitzel flüstert

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Informieren Sie sich doch bitte, was Umami tatsächlich ist.

  4. ... jedes Probieren löst in mir eine mittlere Lachnummer aus!

    Eine Leserempfehlung
  5. Was, bitte, soll das bedeuten, das "neue Vegetariertum gibt sich manipulativ"?
    Nur weil mal Tofu in Würstchenform produziert wird?

    Manipulativ ist doch wohl das Gebaren der Fleischindustrie und der Metzgereibetriebe, die das Elend des Schlachtviehs mit Zeichungen von grinsenden Schweinen auf ihren Verpackungen und Preisschildern vergessen machen wollen.

    Manipulativ sind die Werbeplakate, die heile Weidewirtschaft vorgaukeln, wo in der Realität Massenhaltung und millionenfaches Tierelend ist, und wo in Südamerika mittlerweile eine ehemals von Buschland und Regenwald bewachsene Fläche so groß wie Sachsen(!) gerodet wurde, nur um Futtermittel für die deutsche Fleischproduktion anzubauen.

    Manipulativ ist die Fischindustrie, die uns mit "Käptn Iglo" und seinen Spießgesellen für dumm verkauft, damit wir nicht an die leergefischten Meere denken.

    Manipulativ sind die vorhersehbaren dummen Witze von Fleischessenden Zeit-Forumsschreibern, wie z. B. die Vegetarier "fressen ihrem Essen das Essen weg".

    Aber wenn jetzt einmal einige sagen wie es ist: daß Fleischessen unethisch ist und Produkte anbieten, mit denen man sich als Vegetarier abwechslungsreicher ernähren kann, dann ist das einfach die Wahrheit, aber sicher nicht manipulativ.

    18 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Soweit toller Artikel, aber das schlimmste und hässlichste an der Fleischproduktion ist dass sich kein Steuerzahler dagegen wehren kann. Die Verträge mit Südamerika machen nicht die Firmen sondern die Länder. Fleisch ist subventioniert ohne Ende. Wir Vegetarier zahlen die Krankheiten, die Umweltzerstörung und das Billigfleisch der fleischfressenden Verbraucher. Würde nicht mehr subventioniert werden, würde ein Stück Fleisch tatsächlich soviel Kosten wie es Schaden in der Welt anrichtet, wären wir (glücklicherweise) wieder beim Sonntagsbraten - wenn überhaupt.

    Also die größte aller "manipulativen" Aspekte beim Fleisch ist dass Fleisch billig ist - ein Produkt dass zehnmal soviel Soja pro Kalorie verschlingt wie Tofu. Lächerlich!

    • bayert
    • 02. März 2012 20:48 Uhr

    glauben Sie wirklich, dass in Wurst keine Aromastoffe, Gewürze, etc. vorhanden sind. Die Fleischzutaten zu einer Wurst möchte ich lieber nicht sehen.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Betrug"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Die Fleischzutaten zu einer Wurst möchte ich lieber nicht sehen"

    Haben Sie noch nie beim Schweineschlachten mitgemacht, die Borsten abgeschruppt, die Därme gewaschen, das Blut gerührt und den Blutwurstteig abgeschmeckt? War bei uns Brauch, die Hausschlachtung.

    Es ist alles drin vom Schwein in der Wurst, bes. die Reste kommen mit in die Leberwurst (die Schweineschnauze, die Ohren...), natürlich fein durch den *Wolf* gedreht. 5 Stunden nach dem Ableben des Schweines sind alle Würste im Kochkessel, der Speck und Schinken im Pökelfass.

    Es wird die beste Wurst, die man essen kann, keine Geschmacksverstärker, keine Farbstoffe. Geräuchert über Buchenholzspänen.
    Industriewurst, naja, da weiss ich nicht recht, die esse ich auch selten.

    • Zhara
    • 02. März 2012 21:03 Uhr

    Diejenigen, die sich abfällig über vegetarische Produkte äußern, die vom Geschmack und der Konsistenz Fleisch- und Wurstprodukten ähneln, sind oft Menschen, die sich nicht vegetarisch ernähren. Ich frage mich, warum dies so ist. Nur weil man aus moralischen oder anderen Gründen auf Fleisch, Wurst und Fisch verzichten möchte, so kann man doch trotzdem den Geschmack dieser Produkte mögen. Weshalb vegetarische Würstchen merkwürdig sein sollen, erschließt sich mir nicht. Auch nicht, weshalb ein „Lachssteak auf Sojabasis“ verlogen sein soll – jeder, der nicht nur auf das Bild des Produktes schaut, sondern liest, dass Soja die Grundlage ist, weiß doch, dass es sich hier nicht um ein herkömmliches Lachssteak handelt.
    Verlogen finde ich vielmehr, wenn Fleisch- und Wurstprodukte in Verpackungen angeboten werden, die Tiere auf einer Weide oder auf einem Bauernhof zeigen, obwohl die Tiere, von denen das Fleisch bzw. die Wurst stammt, in den meisten Fällen unter entsetzlichen Bedingungen gehalten und getötet werden.

    Erst kürzlich sind zu diesem Thema wieder zwei Artikel erschienen:

    http://www.zeit.de/2012/0...
    http://www.zeit.de/2012/0...

    18 Leserempfehlungen
    • Zhara
    • 02. März 2012 21:03 Uhr

    Mir kommt es nicht selten so vor, als ob sich fleisch-, wurst- und fischessende Menschen durch Artikel wie diesen in die Defensive gedrängt fühlen und meinen, ihre Ernährungsweise verteidigen zu müssen, indem sie die im Artikel vorgestellten Produkte abwerten. Mir persönlich schmecken viele dieser vegetarischen oder veganen Fleisch- und Wurstimitate sehr gut, einige weniger oder gar nicht. Wem es schmeckt, der kauft es, wem nicht oder wer diese Produkte aus anderen Gründen ablehnt, der lässt sie eben im Regal liegen.

    8 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Karen Duve | Messe | Köln
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service