Cornelius hatte Durst und ich gab Gas. Die Rebzeilen flogen an uns vorbei, wuppwuppwupp. Die A65 zerschnitt die Rebflächen, die sich von den Höhenzügen der Haardt bis in die Rheinebene hinunter zogen, wo von Zeit zu Zeit der eisige Spätfrost sein Unwesen treibt. Genau wie in jener Nacht vom 4. auf den 5. Mai 2011, als fünf Grad Minus ihre zarten Triebe mit leichter Hand zu Tode rang. In endlosen Reihen hatte das erste Grün schlapp und braun herab gehangen und so manchem Winzer ein Fünftel seiner Erntemenge geraubt. Wo sich die Autobahn heute durch den fruchtbaren Boden fräst, lagen früher Rübenäcker, denen konnte Väterchen Spätfrost nichts anhaben. Aber nach dem Krieg glaubten viele Winzer, dass sie mit den Segnungen von Mineraldünger, Herbiziden und modernem Pflanzenschutz auch das Klima austricksen könnten und so bepflanzten sie die Risikozone mit gewinnbringenderen Weinstöcken was das Zeug hielt. Pustekuchen!

Unsere Tour stand unter dem Zeichen der Suche nach dem Stoff für alle Tage, für Menschen die klare Antworten auf eine berechtigte Frage erwarten: Welcher Wein taugt für jeden Tag? Für Vielweintrinker. Für Genussverfeinerungsgegner. Für Leute, die sich am liebsten 365 Flaschen einer Sorte in den Kofferraum laden, um für jeden Tag gewappnet zu sein. Nicht die normalen Flaschen, sondern echte Minimagnums, dicke Buddeln, Literflaschen, Wonneproppen. Runde Sache das, ein Zehntausendstel eines Kubikmeters, es lebe der Urmeter, das französische System, was soll schon das krumme Nullkommasiebenfünf? Wer Durst hat, trinkt keine Dreiviertelsachen sondern ganze.

"Wissens, ich mache immer der Dopplertest", erklärte Peter Kubelka , lebende Ikone der Filmavantgarde und gnadenloser Kochtheoretiker bei einem langen und tiefgründigen Gespräch über das Kochen vor ein paar Monaten, "Der Doppler, des ist die österreichische Zweiliterflasche. Also, ich trinke die zum Test oabends, manchmal mit meiner Frau, und wenn ich am nächsten Tag koanen Kopf hab, da ist der Wein gut. Dann koafe ich mir den Vorrat fürs Jahr." Ehrliches Prinzip, die Leberspülung. "Wissens, dieses goanze Lifestyle-Getue, diese Genießer-Spießer, die hab ich g’fressen. Und ehrlich gesagt, nehmens mir net übel, oauch solche Leut wie Sie."

Aua, das tat weh, ein Stich ins selbstverliebte Herz. Aber vielleicht hat er ja Recht, der grantelnde alte Professor aus Wien ? Machen wir vielleicht zu viel Gedöns bei der Suche nach einer guten Flasche Wein? Sind das nicht selbst verursachte Luxusprobleme? Als gäbe es vor der Haustür nichts zu finden, das für unsere feinen Zungen wirklich gut genug ist? Darum machten wir die Probe aufs Exempel, mit der Fahrt ins Herz der deutschen Literflaschen-Szene, in die schnuckelige Pfalz . Dort gibt es erfahrungsgemäß immer noch eine große Auswahl an Weinen, die nicht nur keine Kopfschmerzen, sondern auch jede Menge Trinkvergnügen bereiten. Sagt man. Hört man. Dachten wir. Die trinkt man leider viel zu selten, vielleicht weil die Literflasche imagemäßig nur knapp oberhalb des Tetrapaks rangiert. Dabei kommt es doch eigentlich nur drauf an, was drin ist – und wenn es ein ganzer Liter guter Stoff ist, umso besser, oder?

"Du musst da hinten rechts abbiegen", sagte Cornelius bei der Einfahrt in den Ort. Böchingen ist ein kleines Pfälzer Nest vor den Toren Landaus, und mittendrin steht das Weingut von Heiner Sauer , einem Ökomann der ersten Stunde. Ruhiger Typ, gelassen und abgeklärt: "Ich war fest in der Öko- und Anti-AKW-Bewegung verwurzelt. Für den Bioweinbau habe ich mich schon interessiert als es nur eine Handvoll Leute gab, die so was in Deutschland praktizierten." Und so fuhr Heiner Sauer regelmäßig zu den Stammtischen, wo die Pioniere ihre Erfahrungen untereinander austauschten. "Zu der Zeit wurde uns Winzern noch eingetrichtert, ohne chemisch-synthetische Spritzmittel ginge nichts im Weinbau. Wir wurden für verrückt erklärt."

Cornelius rutschte schon etwas nervös auf seinem Stuhl hin und her. Und dann kam sie, die Flasche seiner Sehnsüchte: schön prall und dick. Oben ein Schrauber drauf und drinnen ein ganzer Liter ohne Kompromisse. Pure Freundschaft zum Satttrinken – und garantiert nichts für eitle Weinsnobs. Cornelius setzte das Glas an und trank.