© Bernward Bertram/VDP

Die Halle ist rappelvoll. Das sehe ich schon von Weitem durch die Glasfront. Plötzlich geht der Vibrationsalarm in meiner linken Hosentasche los und Fabian erzählt mir, er sei in Franken. Dabei sind wir doch in Mainz verabredet. "Herrgott nochmal!", rufe ich ins Telefon. Das passiert, wenn man sich auf seinen Bruder verlässt und glaubt, keine dritte und vierte Bestätigungsmail versenden zu müssen. "Ich bin natürlich nicht in Franken, sondern bei den fränkischen Weingütern!" Höre ich da einen leicht gereizten Unterton in seiner Stimme? Dann gehe ich rein in die Halle und werde vom Gewirr verschluckt.

Es ist Montag dreizehn Uhr und mir kommen schon eine Menge gerötete Köpfe entgegen. Rote Köpfe darf man um diese Uhrzeit in der Mainzer Rheingoldhalle haben, ja vielleicht muss man sie sogar haben, schöne rote Köpfe und manchmal auch einen Satz roter Ohren. Irgendwie gehören sie zum guten Ton unter den Profis, denn heute ist der zweite Tag der Mainzer Weinbörse 2012. Einige Köpfe haben sogar schon lustige rote Nasen. Die Weinbörse des Premium-Winzerverbandes VDP ist in der Weinwelt etwa so bedeutsam wie "Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht" in der Welt der Karnevalisten. In der Rheingoldhalle hat ja auch die Fastnachtsfernsehsitzung stattgefunden, bis sie ins kurfürstliche Schloss ein paar hundert Meter den Rhein runter abgewandert ist.

Die Profis, die sich hier von der Qualität des Jahrgangs 2011 ein Bild machen wollen und zu diesem Zweck an den 170 Ausstellern und ihren 1.378 Weinen vorbeidefilieren sind Händler, Gastronomen und Kommissionäre. Selbst wenn man nur einen Bruchteil der zur sensorischen Prüfung bereitstehenden Weine probiert und jedes einzelne Probeschlückchen sorgfältig in die bereitgestellten Kübel spuckt, hat man hier trotzdem ziemlich schnell einen sitzen – ob man nun Profi ist oder nicht. Das ist dem Alkohol völlig schnuppe.

Modern wie der Weinstil ist das Haus des Weinguts von Ludwig Knoll.

Hinter der Presseakkreditierungsstelle halte ich mich scharf links, dann noch mal links und dann ist da Franken und dahinter sehe ich die Stände der Winzer, die ihre Silvaner und Rieslinge aber auch Scheureben und Traminer aus traditionellen Bocksbeuteln ausschenken. Dafür brauchen sie eigens angefertigte Flaschenkühler. Von den Weinregalen daheim wollen wir lieber gar nicht reden, da passen die Bocksbeutel nämlich überhaupt nicht hinein. Fabian hat sich bei Knoll am Würzburger Stein festgebissen. Den mochte schon Goethe. Ich glaube, Fabian mag die Weine von Ludwig Knoll so gerne, weil die sich ein ganz besonders schickes Weingut gebaut haben, nicht so ein peinliches Pseudoteil mit Erkern, Zinnen, Wasserspeiern und einem Krüppelwalmdach obendrauf, sondern einen avantgardistischen, mutigen Entwurf, der die Umgebung in sich aufnimmt und gleichzeitig ein markantes Zeichen setzt. Genau wie ein guter Wein. "Ist doch eigentlich ganz einfach", meint Fabian. "Ich verstehe wirklich nicht, warum es in Deutschland kaum brauchbare Weingutsarchitektur gibt."

Weingut am Stein Ludwig Knoll, Würzburg

2011 Würzburger Stein Silvaner trocken
Modern ist in diesem Haus auch der Weinstil. Ein floraler Miniblütenkranz windet sich aus dem Glas und schlängelt sich mit einem ziselierten Fruchtspiel aus Birne und Apfelblüte meiner Nase entgegen. Am Gaumen folgt eine kraftvolle Welle, die die aromatische Potenz des Weines in die Länge zieht. Am Ende spüre ich eine leicht salzige Mineralität, die sich aus dem Geschmacksgeschehen löst. Sie stammt aus dem Muschelkalk und Keuper des Würzburger Steins.

2011 Würzburger Innere Leiste Scheurebe
Sie wird immer seltener, die Scheurebe stirbt langsam aus. Aber den meisten ihrer Weine weine ich keine Träne hinterher. Dieses Exemplar hier ist aber jegliche Gefühlsaufwallung wert: Die Reben haben präzise wie ein Laserstrahl die aromatischen Konturen von Maracuja, Lakritz, Anis, Kamille und sonnengetrocknetem Heu aus dem Muschelkalk gefräst. Der Duft ist ein Abbild idealer Exotik. Jeder Schluck ist mit einer minimalistischen Süße hinterlegt. Der Wein wollte nicht weiter gären. Ludwig Knoll hat ihm seinen Willen gelassen. Kluger Mann.

Ich hänge dem schönen Aquarellduft noch in Gedanken hinterher und Fabian? Der nächste Vibrationsalarm verrät seinen Standpunkt. "Ich bin im Rheingau bei August Kesseler . Du musst unbedingt vorbeikommen, ein Hammer das Zeug!" So gut kenne ich meinen Bruder, wenn er Hammer sagt, dann ist es wirklich gut.

August Kesseler hat auch einen roten Kopf, das kommt wahrscheinlich daher, dass er heute schon vielen Händlern seine Kollektion eingeschenkt hat. Er vibriert förmlich, fast so wie mein Telefon eben in der Hose. Ein Schluck Riesling passiert meine Lippen, sie werden in diesem Moment zur Schnittstelle zwischen äußerer und innerer Welt. Fabian und Kesseler schauen mich an. Sie wissen längst, was ich erst jetzt begreife.