In diesem Kochbuch steckt viel Gefühl. Lust auf Essen und Olivenöl, Freude an leichtfüßigen Texten und schönen Fotos, und Mutterliebe. Maria Luisa Scolastra hat ihr Kochbuch der mamma gewidmet, und sich der umbrischen Küche mit einer Leidenschaft verschrieben, die für anderes in ihrem Leben keinen Platz zu lassen scheint. Sie "kann nicht anders", behauptet jedenfalls der Buchtitel.

In Kapitel eins lerne ich die Köchin kennen: Stimmt es, was Judith Stoletzky über sie schreibt, dann hat Maria Luisa nur den Genuss ihrer Gäste im umbrischen Palazzo im Sinn. "Sie selbst sieht man nie essen." (Warum das gut für die Figur ist, dazu später mehr.) Die meist schwarz-weißen Fotos zeigen eine vergnügte Frau in weißer, knapper Kochjacke. Mit Verve rührt sie süße Cremes mit der Hand, weil die "Maschine nicht so gut ist", steckt die Nase tief in den Topf. Zutaten pflückt sie im eigenen, riesigen Gemüsegarten, die Nachbarin plündert für Maria Luisa ihre Obstbäume, die Schweinchen dürfen sich an Eicheln aus den Wäldern der Umgebung satt futtern, bevor der Vater der Köchin sie in offenbar köstliche Würste verwandelt.

Ach, das Lob des Regionalen . Ohne geht es in der Genuss-Branche ja kaum noch. Auch Maria Luisa Scolastra huldigt den heimischen Produkten. Wie praktisch, liegt der Trüffel doch so nah. Der Plattlinse wird gar ein eigenes Kapitel gewidmet. In weiteren tragenden Rollen: das Land, das Olivenöl, die Pinienkerne und die Rinder, der Hausheilige, die Kohlenhydrate und Teo, der Haushund. Der Hummer betritt in diesem Lokalstück eher überraschend die Bühne, liegt Umbrien doch gar nicht am Meer. So muss es wenigstens "der beste Fischhändler Italiens " sein, der aus Rom nach Foligno liefert.

Ist das alles auf etwa 150 Seiten lebendig erzählt und gezeigt auf Fotos, die nicht selten das Italien der fünfziger Jahre beschwören, beginnt das Jahr im Frühling, der Rezeptteil ist nach Jahreszeiten geordnet. Die Anleitungen sind knapp und verständlich geschrieben. Ein schöner Service ist die Weinempfehlung zu jedem Gericht: Colle Martani Grechetto aus Umbrien zum Spinat-Souflé mit gebackenen Kartoffelscheiben und Spinatsauce, ein Amarone aus Valpolicella zum Perlhuhn mit Kastaniensauce und Kartoffel-Steinpilz-Törtchen, Villa Fidelia Bianco zur Wirsingroulade mit Rindfleischfüllung und Polenta.

Die Wahl zum Probekochen fällt auf die Möhrensuppe mit Ricottaklößchen und Zucchini-Blüten aus dem Sommer-Kapitel. Und damit erreiche ich auch schon die Grenzen der regionalen Küche. Denn selbst auf dem sehr gut sortierten Isemarkt in Hamburg sind Zucchini-Blüten nicht aufzutreiben – höchstens auf Bestellung. Möhren , Lauch, Kartoffeln, Pilze, Schalotten, Schweineknochen, roher Schinken, Kräuter, Ricotta und Parmesan , sind dagegen schnell beisammen und rasch geschnippelt. Warum das Gemüse in zwei Abteilungen gedünstet werden muss, bleibt das Geheimnis der Köchin, wird doch später alles zusammen püriert. Beim Olivenöl habe ich ein wenig gegeizt. Das Rezept verlangt mehr als einen Viertelliter Öl für vier Teller Suppe. In der Küche der Villa Roncalli sollen es 20 Liter ausschließlich umbrisches Öl sein, die wöchentlich in Töpfe und auf Teller fließen.

© Becker Joest Volk Verlag

Stichwort fließen: Die Suppe tut nichts dergleichen, sie ähnelt eher einem Brei. Die kräutersatten Ricottaklößchen sorgen zwar für angenehme Frische als Kontrast zum kräftig-salzigen Grundtenor, nicht aber für Leichtigkeit. Ein spontaner Aufbruch gen Italien ist nach diesem Essen leider ausgeschlossen, Bleischwere zwingt aufs Sofa. Nochmal im schönen Kochbuch blättern.