New York : Die Freiheit, sich dick zu essen

Wer sagt mir, was ich konsumieren darf? Seit New Yorks Bürgermeister angekündigt hat, ein Verbot für XXL-Becher zu erlassen, tobt in der Stadt ein Lifestyle-Streit.
Wenn es um Fast Food geht, hebt New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg schnell den Zeigefinger, wie hier beim Hot-Dog-Essen mit David Cameron. (Archivbild 2010) © Oli Scarff/Getty Images

Vor dem Haus von Sarah Jessica Parker , bekannt als Darstellerin von Carrie Bradshaw in der Serie Sex and the City , hat sich eine Handvoll Demonstranten um einen grauen Plastik-Elefanten gesammelt. Es sind Anhänger der Republikaner, die gegen die Spendensammeltaktik von US-Präsident Barack Obama protestieren. Der diniert an diesem Abend in Manhattan mit Parker und Vogue-Chefin Anna Wintour . Doch Obama ist nicht der Einzige, der die Demonstranten nervt. " Bloomberg sucks! Bloomberg sucks! " rufen sie plötzlich. Bloomberg , unser Bürgermeister, nervt.
   
Denn Michael Bloomberg will durchsetzen, dass Coca Cola in Restaurants, Sportstätten und Kinos nicht mehr in Bechern ausgeschenkt werden darf, die mehr als 16 Unzen fassen, knapp einen halber Liter. Auch Pepsi, Sprite, SevenUp oder Dr. Pepper fallen unter das neue Verbot , das alle süßen Brausen umfasst, zudem gezuckerten Kaffee, nicht aber Fruchtsäfte oder Bier.

Ab 2013 in New York verboten: ein 32- und ein 64-Unzen-Becher © Andrew Burton/Reuters

Seit Bloomberg mit dieser neuen Idee zur Bekämpfung der auch in New York verbreiteten Fettsucht an die Öffentlichkeit ging, entfaltet sich ein Streit in der Stadt, in den sich das ganze Land einmischt: Was darf der Staat? Es ist ein klassischer amerikanischer Konflikt. Da sind die Libertären, die finden, die Regierung dürfe ihnen nicht vorschreiben, was sie essen, trinken und kaufen dürfen, auch wenn es dick macht oder auf andere Art gesundheitsschädlich ist. Andererseits gehört zur puritanischen amerikanischen Seele auch die Genussfeindlichkeit. Die USA sind das Land, in dem jahrelang die Prohibition herrschte, wo es normal ist, Schokolade für eine Sünde zu halten, und wo sich ehrgeizige Frauen noch dünner joggen als anderswo. Wer gegen das Coca-Cola-Verbot ist, setzt sich dem Verdacht aus, seine Triebe nicht zu beherrschen. Zudem sind nach Schätzungen der American Medical Association mehr als 60 Prozent der Amerikaner übergewichtig, ein Drittel gar fettsüchtig. Mehr als in jedem anderen Land der Welt. Die Folgen: Diabetes , Gicht, Herzkrankheiten.

Dass der Konflikt um den ungesunden Konsumstil in New York kulminiert, ist kein Wunder, denn Bloomberg gängelt die Stadt mit seiner Fürsorge schon seit zehn Jahren : Rauchen ist verboten, Bier auf Straßenfesten sowieso, Eiswagen dürfen keine Musik mehr machen. Der Fast-Food-Kette McDonald's hat der Bürgermeister vorgeschrieben, wie viel Salz sie auf ihre Pommes streuen und welches Fett sie verwenden darf. Und Starbucks muss angeben, wie viele Kalorien ein Mocca-Choco-Cinnamon-Cookie-Crumble-Frappucchino so hat, nämlich knapp zehntausend. Neulich dachte ein New Yorker Stadtrat schon mal laut über ein Verbot von Popcorn im Kino nach – das sei schließlich auch ein klassischer Dickmacher.

XXL-Becher weg, Joints her

Nun ist es so, dass viele Restaurants und Kinos ihre Portionsgrößen in den letzten Jahrzehnten verdoppelt und verdreifacht haben, nicht nur, was Coca Cola betrifft. Auch Pommes oder anderes Fastfood gibt es im XXL-Format, so lassen sich am einfachsten die Preise erhöhen. Gerade Kinos leben heute vom Cola-Verkauf und weniger von den Eintrittspreisen. Wer aber mehr hingestellt bekommt, so die Bloombergsche Logik, der isst und trinkt auch mehr. Studien legen nahe, dass das auch so stimmt.
   
Die New Yorker selbst sind, was das Verbot angeht, gespalten. Einerseits sonnen sie sich gerne in dem Image, mehr Widerworte zu geben als Bürger anderswo. Andererseits sind sie stolz darauf, dünner zu sein als ihre Mitbürger im "Heartland" der USA. Um Kritikern entgegenzukommen, hat sich Bloomberg wenige Tage nach seiner Cola-Einlassung einer Initiative des New Yorker Gouverneurs Andrew Cuomo angeschlossen . Cuomo will das Mitführen von kleinen Mengen Marihuana nicht mehr bestrafen. Das würde New York zu einer Stadt machen, in der große Colabecher verboten, Joints hingegen erlaubt sind (beziehungsweise nur noch eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat mehr).

Kommentare

96 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Na ja...

...Prävention ist es ja schon irgendwie.

Man sieht auch die gute Absicht dahinter. Allerdings ist ein Verbot so ziemlich der billigste Reflex, kommt am schlechtesten an und wird am leichtesten umgangen, was dann in immer neuen Verboten mündet. Ein halber Liter ist doch lächerlich und Fruchtsaft hat imho ähnlich viele Kalorien.

In D gibts ja (oder gab) ein ähnliches Gesetz, welches den Gastwirten vorschreibt, dass das billigste Getränk auf der Karte kein alkoholisches sein darf, oder so ähnlich. So eine Regelung fände ich besser.

Bedeutung

Evtl. unterschätzen sie die grundsätzliche Bedeutung des Themas: Diese Colabecherdiskussion ist ja nur ein Beispiel für den staatlichen Eingriff in Lebensbereiche die bisher noch im individuellen Verantwortungsbereich des Einzelnen lagen.

Man muss sich vor Augen führen dass das keine Phantasiegeschichte aus einer Bananenautokratie ist, sondern in einem Land passiert, welches kulturell für gewöhnlich auf die individuelle Freiheit des Bürgers großen Wert legt. (Ein Argument der Waffenobby für den Waffenbesitz ist z.B. immer noch, dass man sich im Revolutionsfall effektiver gegen den Staat erheben kann.)

Bei mir kommt der Eindruck auf, dass sich die New-Yorker hier in einer moralischen Zwickmühle zwischen ihrem generellen Misstrauen gegenüber dem Staat an sich und dem ebenfalls amerikanischen Tugend-Fetisch (siehe auch: http://www.zeit.de/2012/2... ) befinden.

Fastfood Cowboys

Man muss sich vor Augen führen dass das keine Phantasiegeschichte aus einer Bananenautokratie ist, sondern in einem Land passiert, welches kulturell für gewöhnlich auf die individuelle Freiheit des Bürgers großen Wert legt.

Und genau deswegen wird das Problem ernster sein als es uns auf Anhieb erscheinen mag. Die Amis würde sowas niemals auch nur andenken, wenn es nicht triftige Gründe gäbe.

Die USA haben ein riesen Problem die Fettleibigkeit und vorallem die Kosten dieser für das Gesundheitssystem weiter zu tragen. Es kostet einfach viel zu viel Geld, den Menschen Rollstühle (am Besten elektrische) zu finanzieren weil sie ihr Körpergewicht nicht mehr tragen können. Noch drastischer sind die gesundheitlichen Auswirkungen auf Kinder. Es können mittlerweile halbe Schulklassen nichtmehr am Sportunterricht teilnehmen. Sie können sich nichtmehr konzentrieren, weil sie nur Zuckerzeug essen.

Das sind ja alles Sachen die empirisch belegt werden können und den Amis langsam bewusst werden.

Meinetwegen können sie solche neuen Gesetze auch als Sozialismus bezeichnen und noch fetter werden bis ihre Pferde sie nichtmehr tragen können und die Wurstfinger keine Pistole mehr bedienen können. Mir egal. Die Warnungen waren rechtzeitig da. Ob man auch handelt ist eine andere Frage.

Kommentar zu Nr.17

Aber den Deutschen sollte demnach auch bewusst sein, wie schaedlich das Rauchen ist.
Das ist auch ein Riesen-Problem, auch fuer die deutschen Krankenkassen und den Staat.

Der erhobene Zeigefinger auf die eine oder andere Seite des Atlantiks bringt noch keine Aenderung, Verbote allerdings m.E. auch nicht.

Alles in Maszen waere mein Vorschlag. Nichts gegen eine gepflegte vereinzelte Zigarette nach dem Essen und ab und zu eine Coke mit Eis.

Erst wenn's an die Cola geht

schreien die Amerikaner auf?
Gegen die Gesetzesnovellen, die einem Amerikaner die Staatsbürgeschaft entziehen und ihn auf unbestimmte Zeit ohne recht auf rechtlichen Beistand inhaftieren können, gab's nur einen flauen Aufschrei. Die haben sogar mich als Nicht-Amerikaner tief erschüttert, denn so etwas ist einer Demokratie nicht würdig.

Und jetzt Coca Cola. Ja, ist auch wichtig, aber Amerika hat erschreckend größere Baustellen.

Irrtum, wenn erst einmal...

...die grosse 'Sozialversicherungskeule' (wir alle müssen doch die Kosten für deren Unvernunft tragen!) rausgeholt wird, ist's ganz schnell mit der persönlichen Freiheit aus, wie wir es ja vom Rauchverbot kennen!
Deswegen zweimal nachdenken bevor man jeder gutgemeinten Sozial- und Krankenversicherungsorgie zustimmt, denn der nächste Schritt kommt irgendwann zwangsläufig und endet in totaler Bevormundung!

Ich wage mal zu behaupten das große Colabecher...

...mehr Menschen umbringen als (kleine) Joints :-)

Andereseits bin auch ich der Meinung das es den Staat nichts angeht womit man sich vergiftet.
Man kann den Menschen nicht vor sich selbst retten.
Der Weg in die Hölle ist bekanntlich mit guten Absichten gepflastert, so auch in diesem Fall.
Aufklärung und der entsprechender Kaufpreis bringen wesentlich mehr als Verbote - hat ja in den letzten dreissig Jahren auch bei den Zigaretten funktioniert.

New York hat weniger Probleme mit Fettleibigkeit

A"ndereseits bin auch ich der Meinung das es den Staat nichts angeht womit man sich vergiftet.
Man kann den Menschen nicht vor sich selbst retten.
Der Weg in die Hölle ist bekanntlich mit guten Absichten gepflastert, so auch in diesem Fall.
Aufklärung und der entsprechender Kaufpreis bringen wesentlich mehr als Verbote - hat ja in den letzten dreissig Jahren auch bei den Zigaretten funktioniert."

Wenn der Staat dies über Aufklärung und entsprechende Kaufpreise regelt, mischt er sich ja doch ein, womit sich der Mensch vergiftet. Ich bin allerdings ähnlicher Meinung wie Sie. Verbote bringen wenig, die Steuerung über höhere Preise hingegen schon mehr.

Was den Artikel betrifft, hat New York weniger ein Problem, was Fettleibigkeit betrifft. Ich habe in New York wenig dicke Menschen gesehen. Typisch Großstadt eben.