Die AusleserBrandspur auf der Zunge

Fabian und Cornelius Lange probieren in der Hofburg die besten Rotweine Österreichs. Unter vielen Kraftprotzweinen müssen sie lange nach etwas feinfühligem suchen.

Glas für Glas trinken sich die Weinverkoster durch das Programm der Messe Vievinum.

Glas für Glas trinken sich die Weinverkoster durch das Programm der Messe Vievinum.

Ob die Wiener Fiakerfahrer eine Sonderabgabe an die Stadt Wien leisten müssen? Auf der Straße vor der Hofburg haben die Hufeisen der vorbeitrabenden Pferdegespanne tiefe Furchen in Asphalt und Granitpflaster getrieben. Klack klack klack geht es im Minutentakt der Landauer und Kaleschen, mit denen sich die Touristen durchs sommerliche Wien kutschieren lassen. Mit jedem Hufschlag geht es tiefer in den Straßenbelag hinein. In ein paar hundert Jahren werden sie sich so weit eingegraben haben, dass nur noch die Pferdeohren aus dem Einschnitt herausragen, und natürlich die Bowlerhüte der Fiaker.

Am Josefsplatz im Herzen Wiens dominieren im Zeitalter der Benzinkutschen immer noch die Pferde und olfaktorisch also alles tierische. Die Hofreitschule lässt sich schon von Weitem geruchlich lokalisieren, mit ihrem über die Jahrhunderte tief ins Mauerwerk eingesickerten Stallgeruch und einer strengen Ammoniaknote: Pferde, Pferde, Pferde. Und Touristen mit nichts als Lippizanerhengsten im Sinn. Nur ein paar Freaks haben hier Rotwein im Kopf.

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Vievinum heißt die wichtigste Weinmesse Wiens und mein Bruder und ich durften als deutsche Vertreter innerhalb des internationalen Kritikerteams vorab an die Raufe, um Rotwein zu probieren bis uns der Hafer sticht. Laut Einladungstext sollen es die besten österreichischen Roten aus dem Super-Jahrgang 2009 sein. Die Probe findet in der Hofburg statt, im quadratmeterweise vergoldeten Redoutensaal. Konzentriert beugen sich die Weinkritiker in endlosen Reihen über ihre Laptops und iPads, um ihre Eindrücke für die Nachwelt zu dokumentieren. Das bringt mich auf eine Idee: Wann wird es wohl die erste App zur Weinverkostung geben? Mit Trichter am USB-Stick, in den der Juror den gegurgelten Wein spuckt.

Aber noch ist so eine Verkostung harte Arbeit, die Liste der rund 200 Probenweine fläzt sich als fetter Wälzer vor uns auf dem Tisch, geordnet nach den wichtigsten österreichischen Rotweinsorten. Die heißen Zweigelt, Blaufränkisch, Sankt Laurent. Eine weitere Rubrik hält Cuveés aus diesen und internationalen Sorten für uns bereit. Cornelius standen die Schweißperlen auf der Stirn. "Du willst hier doch wohl nicht alle Weine probieren?", fragt er. "Ich will heute Abend vom Fiakergulasch noch was schmecken."

Ich ließ mir ungerührt den ersten Flight, vier Gläser mit Zweigelt bringen. Cornelius' Stirn legte sich in Sorgenfalten, als er an den Weinen roch. Was war das? Eine dichte Wolke Eichenholz hing über den Kristallgläsern, breitete sich schwerfällig aus und als ich nippte, ahnte ich so langsam, was auf mich zukommen würde. Holz, Tannin und Farbstoff. Das fing ja gut an. Derartige Holzpakete kannte ich bisher nur aus Italien, wo sich insbesondere Newcomer-Regionen mit dem sogenannten "internationalen Stil" einen Namen machen wollen: überreife Trauben, maximale Tannin- und Farbextraktion bei der Maischegärung und eine Überdosis Eichenholz bei Lagerung und Reifung.

So etwas ist ganz nach dem Geschmack von Robert Parker, dem Weinpapst aus Maryland. Wenn er Höchstnoten für seine Rotweinboliden zückt, sind den Winzern Ruhm, Ehre und ein leergekaufter Keller sicher. Bis jetzt hat Robert Parker Österreich noch nicht als seine Traumdestination entdeckt, aber man weiß ja nie – seine Freude hätte er bei dieser Probe jedenfalls gehabt.


Ohne Frage fand sich in der Probe alles, was Rang und Namen hat in der österreichischen Weinszene. Aber je weiter ich mich durch das Programm verkostete, desto öfter funkten die Papillen Notsignale. Diese Weine waren zwar alle gut gemeint, und nach internationalem Standard gut gemacht, aber eigentlich untrinkbar. Ein Glas und man ist satt. Wo aber waren sie, die delikaten, feinfühligen Blaufränkisch, die fruchtbombigen Zweigelt, die filigranen Sankt Laurent und eleganten Pinots, wie wir sie noch vor fünf Jahren hier fanden? In dieser Probe jedenfalls nicht.

Oder nicht ganz, denn ein Zweigelt war ein Ausnahmetalent: Der Schwarzrot vom Weingut Schwarz aus dem Burgenland. Kostenpunkt allerdings 43 Euro – für einen Zweigelt, wow! Dieser Coup sei Johann Schwarz gegönnt, einem sympathischen Metzgermeister aus dem Örtchen Andau am Neusiedlersee. Er nennt sich The Butcher! und verkloppt den wohl teuersten Zweigelt Österreichs.

Leserkommentare
    • essilu
    • 04.07.2012 um 15:45 Uhr

    ...allein der Artikeltitel.
    Danke, Kompliment und ein Lob auf die Sinne.

    • essilu
    • 04.07.2012 um 15:55 Uhr

    ...wie mit Blumen: Perfekt gewachsen, schön im Schein...doch ach, ihnen fehlt der "Duft". Willsagen...die "Seele".

    Eine Leserempfehlung
  1. Freier Autor

    Ja, ja, der gute alte Lemberger! Den hatten wir schon 1999 auf dem Kieker, als wir im Schweizer Hallwag Verlag das Buch "Die Rotweinelite Deutschlands" veröffentlichten. Damals war der deutsche Rotwein ja noch was für Exoten und Unverbesserliche - heute was für stolze Fans. Und in der Tat gibt es nicht erst seit 1999 in Württemberg ein paar herausragende Protagonisten für diese hierzulande unterschätze Sorte. Aber ehrlich gesagt, gefallen uns die Blaufränker aus Felix A. oft eine Spur besser mit ihrer unvermittelten Fruchtigkeit (sofern ihnen eine starke Holzfracht erspart bleibt).
    Nur beim deutschen Dornfelder, da hadern wir immer noch - eine Sorte wie der Zweigelt neigt zwar auch zur Einfachheit, ist dem deutschen Dornfelder aber in Eleganz und Ausdruck immer noch weit überlegen. Das beweisen ja auch die handvoll Winzer im Ländle, die sich am Zweigelt mit viel Geschick versuchen.

  2. ... aber bis jetzt sind unsere beiden Fratres in Baccho gegenüber dem selbstgefälligen Klimek (un-)selig die reine Offenbarung; die Weinkolumne ist wieder lesens- und die darin empfohlenen Gewächse wieder berücksichtigenswert. Danke und erssma weiter so.

    • cmling
    • 05.07.2012 um 4:37 Uhr

    Ich warte noch auf den ersten Blauen Portugieser, der mich beindruckt. Ich bin nicht zuversichtlich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    erwähnten "Alte Reben" von Markus Schneider. Man kann zu den Weinen von Herrn Schneider stehen wie man will. Es ist jedenfalls beeindruckend, was für einen Portugieser er regelmäßig abliefert (hat mit "allseits beliebten" Weißherbsten aus dieser Rebsorte und den dünnen Rotweinchen, die hier in der Pfalz ansonsten daraus gemacht werden, wenig zu tun).

    erwähnten "Alte Reben" von Markus Schneider. Man kann zu den Weinen von Herrn Schneider stehen wie man will. Es ist jedenfalls beeindruckend, was für einen Portugieser er regelmäßig abliefert (hat mit "allseits beliebten" Weißherbsten aus dieser Rebsorte und den dünnen Rotweinchen, die hier in der Pfalz ansonsten daraus gemacht werden, wenig zu tun).

  3. erwähnten "Alte Reben" von Markus Schneider. Man kann zu den Weinen von Herrn Schneider stehen wie man will. Es ist jedenfalls beeindruckend, was für einen Portugieser er regelmäßig abliefert (hat mit "allseits beliebten" Weißherbsten aus dieser Rebsorte und den dünnen Rotweinchen, die hier in der Pfalz ansonsten daraus gemacht werden, wenig zu tun).

    Antwort auf "Blauer Portugieser?"
  4. 15. Danke!

    Sehr guter Artikel! Diese verrauchten Fruchtbomben töten einem wirklich jeden (Geschmacks-)Nerv. Und wieso bestimmt der (plumpe) Geschmack eines Mannes aus Maryland die Geschmäcker der Weinwelt? Es ist schön zu sehen, dass Robert Parkers Einfluss immer noch auf einigen Widerstand stößt!

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