Traditionelles Silvestergetränk: Champagner © Philippe Huguen/AFP/Getty Images

"Ausgerechnet Champagner !" Cornelius schüttelt den Kopf. Über meine Idee, den König der Schaumweine für unsere Weinkolumne auszuwählen. "Die Leser halten uns sowieso schon für Snobs!", knurrt er.
"Dann stell du doch an Schaumweinen vor, was du für richtig hältst. Ich bin Anfang des Jahres in der Champagne gewesen, um was wirklich Originelles ausfindig zu machen." "In Deutschland gibt es doch auch kleine Sektkellereien, die richtig guten Sekt zu bezahlbaren Preisen anbieten, dagegen sieht so mancher Schampus alt aus", trotzt Cornelius.

In brüderlicher Uneinigkeit haben wir uns dieses Mal also für ganz unterschiedliche Weintypen entschieden. So kann jeder Leser selbst entscheiden, ob er die Korken auf Deutsch oder Französisch knallen lassen will.

Einzigartige Champagner

Typisch Champagne: Die Dörfchen sind klein und grau, die Häuschen hutzelig und selbst renommierte Winzergehöfte strahlen alles andere als Grandezza aus. So wie das Haus des Champagnerwinzers Bérèche et Fils am Rande von Ludes, 20 Kilometer südlich von Reims . Sie zählen zur kleinen Gruppe von Winzern, die aus eigenen Trauben die Grundweine für den eigenen Champagner produzieren. Weil sie alle Qualitätsschritte selbst kontrollieren, können sie sich auch abseits eingetretener Pfade bewegen. Bei meinem Besuch ist Raphael Bérèche gerade in Paris und so führt mich seine Mutter Catherine durch den Keller – bis hinein ins Allerheiligste, den Keller unter dem Sechziger-Jahre-Haus, in dem Champagner von knapp zehn Hektar Rebfläche lagern, alle aus Bioproduktion. "Schon mein Mann hatte auf biodynamische Wirtschaftsweise umgestellt, Raphael hat das jetzt auf den ganzen Betrieb ausgeweitet", erklärt Catherine.

Catherine führt mich in einen abgelegenen Teil des Kellers mit drei großen, verstaubten Fässern. Zugegeben, die sehen nicht besonders aufregend aus, aber der Inhalt ist ein aromatisches Wunderwerk aus den drei Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Der nahezu einzigartige Champagner mit dem Namen Reflet d’Antan wird nach einem uralten Prinzip erzeugt: Statt einzelne Jahrgänge getrennt zu lagern und zu verschneiden, werden hier drei große, alte Holzfässer verwendet, in denen seit 1985 alle produzierten Jahrgänge gemischt werden – nach dem sogenannten Solera-Prinzip. Seit 1990 wird je ein Drittel des Fassinhalts abgezogen und zu Champagner versektet, während das fehlende Drittel mit dem aktuellen Jahrgang aufgefüllt wird. Dieses Verfahren gleicht Jahrgangsschwankungen aus und sorgt für eine behutsame Reifung mit ganz eigenem Charakter, denn jede Flasche des Reflet d’Antan enthält ja Weine seit dem Jahr 1985.

Hinter dem Hügel namens Montagne de Reims erstreckt sich die Anbauzone Vallée de la Marne, wo die Dörfer noch ärmlicher und grauer aussehen. Ambonnay aber ist berühmt für Champagner aus der Rebsorte Pinot Noir, der eher runde und säuremildere Champagner ergibt. Auch Serge Billiot verarbeitet seine eigenen Weine in eigenen Kellern zu knapp 50.000 Flaschen. Er führt mich in den drei Stockwerke tiefen Keller, von denen er zwei eigenhändig in den weichen Kalkstein gehackt hat. Ein großer Emailletank ist in den feuchten Tiefen des Kalksteinkellers bereits von schwarzen Kellerpilzen besiedelt worden. "Das hier ist der Tank für unsere Cuvée Laetitia", sagt Serge, der die Mischung in den achtziger Jahren begonnen hat. "Drei Stockwerke unter der Erde herrscht ideales Klima. Der Wein reift sehr langsam und behält viel von seiner ursprünglichen Frische", erklärt Serge. Auch er entnimmt jedes Jahr ein Drittel der Füllmenge und füllt davon eine kleine aber sehr feine Menge Spitzenchampagner ab, der mindestens vier Jahre auf der Hefe reift, bevor er abgerüttelt und verkauft wird.

Ein Sekt, von Hand abgerüttelt

Für alle, die keine irren Champagnerfreaks sind und für extravagante Spielchen tief in die Tasche greifen möchten, widme ich mich dem Rheingau. Dort gibt es noch eine Handvoll unabhängiger Sektkellereien wie die von Norbert Bardong in Geisenheim. Norbert setzt rigoros auf Reife. Seine Weine kauft er bei festen Vertragswinzern, eine besondere Rolle spielt bei ihm Rheingauer Riesling. Bardong produziert ausschließlich Jahrgangs- und Lagensekte in den puren Geschmacksrichtungen brut und extra brut. Die reduzierte Süße der Sekte kann er sich leisten, denn Zuckerzugabe ist wie Schminke, um kleine oder größere Fehler zuzudecken. Seinen Sekten lässt er in den sehenswerten, dreistöckigen Kellern in Geisenheim genug Zeit, auszureifen – mindestens vier Jahre lang lagern sie in der Flasche und werden ausschließlich von Hand abgerüttelt.