Whisky ist eine bierernste Sache. Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit, wenn die Discounter Aldi und Lidl mehrjährige Single Malts in ihr Sortiment aufnehmen, wird in den Whisky-Foren im Netz darüber gestritten, ob der 8-jährige Blackstone nun Substanz hat und welche Destillerie sich in diesem Jahr wohl hinter dem Discounter-Label verbirgt .

Der Preis der Discounter-Spirituosen verspricht mit etwa einem Euro pro Reifejahr erst mal keine ungeahnten Geschmacksdimensionen. Laut dem Experten John Hansell sollte man sich davon jedoch nicht irritieren lassen: Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist bei Whisky seit Jahren außerordentlich gut.

Hansell hat das Vorwort zu einem Buch geschrieben, das angesichts der Vielzahl an Destillerien und deren Produkten Orientierung beim Kauf bieten will: Der Whisky-Atlas von Dave Broom . Der in Schottland geborene Broom ist ein Kenner. Seit über 25 Jahren schreibt er für internationale Publikationen über Spirituosen, zwei Whisky-Magazine gibt er selbst heraus.

Dave Broom: "Der Whisky-Atlas" © Hallwag 2012

Für sein Kaffeetisch-Kompendium hat der Experte vieles zusammengetragen, das auch in anderen Büchern zum Thema zu finden ist: Destillerie-Geschichte, Landkarten, Reiseberichte. Sehnsuchtsfotos von schottischen Klippen und Torfwiesen unterbrechen die Verkostungsnotizen zu über 350 verschiedenen Destillaten.

Die Detailfülle mag manchem Einsteiger die Lust nehmen, die Nase tiefer in das Werk zu stecken. Für den, der sich länger mit dem Buch und langfristig mit Whisky beschäftigen möchte, bietet Der Whisky-Atlas dank Brooms Genauigkeit aber auch Informationen über Länder, die in anderen Sachbüchern zum Thema keinen Platz finden.

Natürlich nehmen die Texte zur Whisky- (und Whiskey -)Herstellung in Schottland und Irland die meisten der Seiten ein. Doch Broom widmet sich mit der gleichen Offenheit, die er bei günstigen Destillaten oder wiederbelebten Marken zeigt, auch den wenig bekannten Produkten aus Frankreich , Indien oder Südafrika .

Edradour nennt sich Schottlands kleinste Destillerie. Dave Broom bezweifelt, dass sie das noch ist. © Jeff J Mitchell/Getty Images

Eine Auswahl der verbreiteteren Marken hat der Experte zudem in der von ihm entwickelten Flavour-Map gruppiert. Die Karte zeigt ein Diagramm, dessen Achsen von "rauchig" bis "zart" und von "reich" bis "leicht" reichen. Wer beispielsweise einen 10 Jahre alten Longrow schätzt, findet anhand der Flavour-Map leicht andere Whiskys, die ihm wahrscheinlich auch schmecken werden.

Anhand der Verkostungsnotizen und mit ein wenig Internetrecherche lassen sich sogar die vorweihnachtlichen Discounter-Whiskys ungefähr auf der Flavour-Map verorten, ohne, dass man die Flasche geöffnet hat. Um in den Foren mitdiskutieren zu können, genügt das schon. Wer aber lautstark mit Experten über die Destillate streiten möchte, dem hilft das Buch nur bedingt weiter – die Lautschrift fehlt nämlich , leider.

Ein Trost: Selbst ein Dave Broom mag am Ende einer mehrtägigen Destillerien-Tour nicht mehr wissen, wie man korrekt "Allt-a-Bhainne" sagt. Im Zweifelsfall bleibt also immer die Möglichkeit, die falsche Aussprache auf den verkosteten Whisky zu schieben.