Wenn das Sprichwort "Liebe geht durch den Magen" zutrifft, dann ist die Zuneigung beim deutsch-französischen Paar recht einseitig verteilt: Der deutschen Küche – und generell der deutschen Kultur – können die Franzosen nur wenig abgewinnen, wie eine große Untersuchung des ifop-Instituts in Frankreich ergab. Umgekehrt schwärmen die Deutschen oft von einem "Leben wie Gott in Frankreich" und vom feinen, französischen Essen. Ein Deutscher ist nun just in Paris angetreten, um mit dem Klischee vom freud- und kulturlosen Sauerkrautfresser aufzuräumen – mit typisch deutschem Erfolg.

Die "kulinarische Botschaft" Deutschlands, wie Besitzer Gerhard Weber seinen Laden schmunzelnd nennt, liegt im Herzen der französischen Hauptstadt und heißt schlicht Die Stube (Le stube). Wer nun das in aller Welt verbreitete, bayerische Holzhütten-Flair mit blau-weiß-karierten Tischdecken und Schloss-Neuschwanstein-Bildern erwartet, der wird gründlich enttäuscht: Mit ihrem rot-grau-schwarzem Design wirkt Die Stube eher wie ein In-Bistro in Berlin. Geschäftsleute, Touristen und junge Franzosen kommen genauso hierher wie alteingesessene Deutsche, die in Paris nach einem Stück Heimat suchen.

Der Chef der Stube versucht gar nicht erst, die raffinierte französische Küche mit einer Art deutschem Gegenentwurf zu übertrumpfen. Die Berliner Currywurst steht ganz oben auf der Speisekarte neben Kassler oder Würstchen, und auch das berühmt-berüchtigte Sauerkraut wird serviert – mit deutschem Bier. Die Spezialität des gelernten Bäckers und Konditors Weber sind aber seine Kuchen, der Apfelstrudel oder die Schwarzwälder Kirschtorte.

Heute hat der deutsche Gastronom drei Pariser Niederlassungen

Mit diesem simplen Konzept hat es der 47-Jährige zusammen mit seiner französischen Frau inzwischen zu einer kleinen Imbiss-Restaurant-Kette in Paris gebracht: Nach dem ersten, im Jahr 2010 eröffneten Laden folgten Ende 2012 zwei weitere Niederlassungen im Zentrum von Paris. Es sind die einzigen erklärt deutschen Restaurants in der Hauptstadt der Feinschmecker.

Zum 50. Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages, der am 22. Januar von den Regierungen und Parlamenten beider Länder groß in Berlin gefeiert wird, will sich Weber etwas Besonderes einfallen lassen, vielleicht "einen Kuchen mit typischen Zutaten aus beiden Ländern". Denn dem Nordhessen, der 1986 nach Paris kam, liegt viel an den deutsch-französischen Beziehungen. Er sei auch "Auskunftszentrum für alles, was Deutschland betrifft", lacht Weber. Vor allem die Jüngeren seien interessiert, weil es "einen enormen Berlin-Effekt" gebe.

"Das Irrationale macht die Attraktivität eines Landes aus", sinniert Hans Herth an einem Tisch der Stube in der glasüberdachten Passage Verdeau. Der Vorsitzende einer Vereinigung deutsch-französischer Verbände hält Einrichtungen wie Die Stube für das Zusammenleben für extrem wichtig. Auch wenn auf institutioneller Ebene die Beziehungen so eng seien wie mit keinem anderen Land, so gehe im Alltag das Interesse aneinander auf beiden Seiten des Rheins eher zurück, sagt der 70-Jährige, der seit 1952 in Frankreich lebt.

Diesen Trend ergab auch eine aktuelle Ifop-Studie, die von der deutschen Botschaft in Paris anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Élysée-Vertrages in Auftrag gegeben wurde. Demnach schätzen die Franzosen zwar deutsche Wirtschaftskraft und Disziplin, doch Lebensstil und Kultur der Deutschen lieben sie nicht. Bei Gastronomie oder Kultur dachten nur zwölf beziehungsweise acht Prozent der Befragten an Deutschland.

Deutsche Läden wie Die Stube müssen also bei den Franzosen noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Vorschläge, eine Filiale in Montpellier oder Lyon zu eröffnen, wehrt Weber derzeit jedoch ab. Er ist sichtlich glücklich, wenn er den Franzosen in Paris mit seiner deutschen Küche eine "angenehme Überraschung" bereiten kann.