Schwaben-StreitSchrippe ist ganz schön stulle

Eine Ehrenrettung hat die Schrippe nicht verdient: Sie ist billig, geschmacksarm und innen hohl. Und ganz bestimmt ist sie nicht das Symbol eines selbstbestimmten Berlin. von Ulf Lippitz

Eine Schrippe schwebt über den Dingen.

Eine Schrippe schwebt über den Dingen.   |  © zettberlin / photocase.com

Eine Ehrenrettung hat sie nicht verdient. Die Schrippe ist billig, nährstoff- und oft auch geschmacksarm. Sie ist das, was man außerhalb Berlins Brötchen, Semmel oder Weckle nennt, sie ist ein Lebensmittel, das man an Tankstellen, Würstchenbuden und auf Sparkassen-Foyer-Vernissagen bekommt, sie ist ein ovales Etwas mit mittiger Einkerbung, das einem internationalen Fruchtbarkeitssymbol zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie schmeckt im besten Fall nach nichts und lässt sich im schlimmsten Fall nur mit viel Kaffee kauen. Sie ist nach einem Tag so zäh wie Gummi und nach zwei Tagen so hart, dass man damit unliebsame Nachbarn erschlagen kann.

Die Schrippe ist das Neutrum eines hyperventilierenden Berlins. Sie wird weder geliebt noch gehasst. Keiner würde für sie auf die Straße gehen oder einen Backstopp zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens fordern. Denn das langweilige Brötchen steht für Normalität, Alltag und Unaufgeregtheit. Um es mal in einem anderen Slang zu sagen: Schrippe ist ganz schön stulle, sprich: blöd, dumm, einfach. Und ganz bestimmt ist sie nicht das Symbol eines freien und selbstbestimmten Berlins.

Das weiß Wolfgang Thierse, dem manchmal der Hut hochgeht, wenn wieder jemand eine "Wecke" im Kollwitzkiez bestellt. Das weiß auch jeder Schwabe, Badenser, Oberfranke oder Rheinhesse, dem die Schrippe so schwer über die Lippen geht. Um Backwaren geht es ja auch gar nicht in diesem bizarren Streit, welche Bezeichnung nun wo korrekt ist. Es geht um Gepflogenheiten, um Heimat und irgendwie um Angst. Dass eines Tages solche Worte aussterben, dass dadurch regionale Besonderheiten nivelliert werden, dass wir alle gleichgeschaltet am Backshoptresen stehen. Eine Horrorvorstellung: Wir verwandeln uns in Brötchen-Roboter der schwäbisch besetzten Zone – von der manchmal Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky fantasiert, wenn er Prenzlauer Berg meint. 

Soll es am Ende um Überfremdung durch akuten Wecklebefall gehen? Oh Gott, hoffentlich doch nicht. Die Schrippenaffäre ist selbst für Berliner zu provinziell, die sonst heimlich genau das lieben. Großstädtisch an der Stadt ist bekanntlich nur ihr Starrsinn, sich um nichts zu kümmern, was links und rechts vom Gehweg passiert. Daraus entstehen Gleichgültigkeit und Toleranz in gleichem Maße. Diese krude Mischung halten Menschen in Berlin, seien sie nun aus Stuttgart oder Thierses Geburtsort Breslau zugewandert, gern aus. Und mit diesem Gleichmut verkündet der Berliner: Nichts wird so heiß gegessen wie's gebacken wird.

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Leserkommentare
  1. ... habe ich damals immer Brötchen gekauft. *g* Da hat sich auch kein Politiker drüber aufgeregt. In Berlin würde ich ebenso Brötchen kaufen und den ganzen Tag "Moin" sagen.

  2. Vor dieser Problematik stehen mehrere Städte. Die Stadt mit knapp 120.000 Einwohnern, in der ich wohne, auch. Ich gebe Ihnen recht, dass in deutschen Städte die Gentrifizierung ein recht "neues" Problem ist.

    Schließlich verliefen vor 25 Jahren noch eine Mauer und ein Todesstreifen zwischen zwei deutschen Staaten. Die Mobilität war im Vergleich zu heute deutlich geringer (Billige Inlandsflüge? Komfortable Hochgeschwindigkeitszüge? - Fehlanzeige) und Smartphones, Flatrates, allzeit verfügbares Internet waren noch vor zehn Jahren eher Elemente von Science Fiction als von Realität.

    Meine Meinung dazu ist: Die Segnungen der jüngsten technologischen Entwicklungen machen es leider unnötig, sich mit Stadt und Viertel in die/das man zieht zu beschäftigen. Wen interessiert schon das Angebot einer Stadt, wenn Amazon und Zalando frei Haus liefern? Und wer wirklich einmal etwas "vor Ort" braucht, der muss Stadt und Menschen nicht mehr kennen, sondern nur Google Maps.

    Die Kehrseite der Medaille ist eben, dass sojemand immer erkennbar ein Fremder bleiben wird, weil er sich nicht integriert. Was Thierse ansprach ist nicht, dass Zugezogene ihre Herkunft verleugnen sollen. Sondern dass sie noch nicht einmal versuchen, sich in das Sozialgefüge zu integrieren. Extrem wird es, wenn die Zugezogenen auch noch ökonomisch nicht ins Viertel passen. Eigentums- statt Mietwohnungen, steigende Mietspiegel, Verdränungseffekte.

    Berlin, München oder sonstwo: das lässt sich nicht gegeneinander aufwiegen.

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    Antwort auf "Gentrifizierung..."
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    Es geht hier nicht ums Aufwiegen. Eher darum, dass eine Stadtgesellschaft, die sich, wie die in Berlin, unglaublich was auf ihre Toleranz und Aufgeklärtheit einbildet, die Frechheit herausnimmt, über Menschen aus anderen (in diesem Fall deutschen) Kulturkreisen Werturteile abzugeben. Die waaahnsinnig liberalen Hipster und Checker, diese Avantgarde der Kultur in diesem Lande, offenbart Vorurteile und ein Denken, das Sarrazin in nichts nachsteht. Um diese Heuchelei geht es bei der Diskussion um Thierse & Co. Gentrifizierung ist ganz etwas anderes.

    Gerade in Berlin sollte man sich mal überlegen, wie eine solidarische Stadtgesellschaft aussehen könnte, anstatt sich ständig selbst genug zu sein und - ganz schwabenlike - Gartenzäune und Gartenzwerge um den eigenen "Kiez" zu ziehen!

  3. Sind Sie sicher, dass die von Ihnen erwähnten bösen bayerischen Touristen, nicht in Wirklichkeit auch "Schwaben" aus Bayern sind. Oder - wie teuflisch - Berliner aus Bayern? Sind Sie wirklich ganz sicher? Ich befürchte nicht....

    "Schwaben" ist überall! (Wer hätte das gedacht.)

  4. Ich hätte noch ein paar Vorschläge für Überschriften:

    Thierse der Schrippenzieher(die Zeit)

    Thierse ist nicht gut zu Wecken(Süddeutsche)

    Herr Thierse:"Heißt es dann nicht auch Fladenbrot mit Fleischeinlage?" (Bild)

    Auch Hitler mochte keine Weckle (TAZ)

    3 Leserempfehlungen
  5. Es geht hier nicht ums Aufwiegen. Eher darum, dass eine Stadtgesellschaft, die sich, wie die in Berlin, unglaublich was auf ihre Toleranz und Aufgeklärtheit einbildet, die Frechheit herausnimmt, über Menschen aus anderen (in diesem Fall deutschen) Kulturkreisen Werturteile abzugeben. Die waaahnsinnig liberalen Hipster und Checker, diese Avantgarde der Kultur in diesem Lande, offenbart Vorurteile und ein Denken, das Sarrazin in nichts nachsteht. Um diese Heuchelei geht es bei der Diskussion um Thierse & Co. Gentrifizierung ist ganz etwas anderes.

    Gerade in Berlin sollte man sich mal überlegen, wie eine solidarische Stadtgesellschaft aussehen könnte, anstatt sich ständig selbst genug zu sein und - ganz schwabenlike - Gartenzäune und Gartenzwerge um den eigenen "Kiez" zu ziehen!

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    Antwort auf "Nicht Auge um Auge"
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    Das WERTUrteil in dieser Diskussion hat nur eine Seite eingenommen! Die prominenten Schwaben, die sich zu Wort gemeldet haben.

    Thierse hat nicht gewertet. Er hat eine persönliche Meinung abgeliefert mit humorigem Unterton - mehr nicht.

    Die Antwort kam postwendend: DIE Berliner sollten gefälligst mal ganz schnell den Rand halten, weil sie Partyvolk sind, selbst nix auf die Reihe kriegen und eh nur vom Geld der Schwaben leben. DAS ist eindeutig nicht nur wertend, sondern abwertend.

  6. ..aber vielleicht geht es ja an der Zensur vorbei :)

    Lieber sysop39,

    auch ich bin ein grosser Fan der Ost-Schrippe. Derzeit beziehe ich Import-Ware aus Potsdam. Gibt es in Berlin eine mir nicht bekannte Bezugsquelle?

    Viele Grüsse.

    Antwort auf "Eine kleine Korrektur"
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    in der Sophienstraße 30 gibt es wunderbare Schrippen

  7. mein Sohn (frei nach Julius Caesar).

  8. Das WERTUrteil in dieser Diskussion hat nur eine Seite eingenommen! Die prominenten Schwaben, die sich zu Wort gemeldet haben.

    Thierse hat nicht gewertet. Er hat eine persönliche Meinung abgeliefert mit humorigem Unterton - mehr nicht.

    Die Antwort kam postwendend: DIE Berliner sollten gefälligst mal ganz schnell den Rand halten, weil sie Partyvolk sind, selbst nix auf die Reihe kriegen und eh nur vom Geld der Schwaben leben. DAS ist eindeutig nicht nur wertend, sondern abwertend.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Wolfgang Thierse | Backware | Heinz Buschkowsky | Hut | Kaffee | Alltag
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