Deutsche KücheEine Suppe für ein ganzes Liebesleben

Rinderbrühe köcheln, Gemüse würfeln, Klößchen modellieren: Eine richtige Hochzeitssuppe macht viel Arbeit. Aber das macht eine gute Ehe bekanntlich auch. von Stevan Paul

Ein mehrgängiges Menü auf einem Teller: die Hochzeitssuppe.

Ein mehrgängiges Menü auf einem Teller: die Hochzeitssuppe.  |  © Andrea Thode

Hochzeiten sind bekanntlich Geschmackssache. Doch selbst bis zu dem extremsten Hochzeitsfeind können sich alle auf zumindest eines einigen: Für die Hochzeitstafel ist das Beste gerade gut genug. Im Rahmen der Neuen Bürgerlichkeit erfreut sich dabei seit einiger Zeit ein urdeutscher Klassiker wieder großer Beliebtheit: die Hochzeitssuppe. Sie gilt als Zeichen von Traditionsverbundenheit, Heimatgefühl und regionaler Verwurzelung und kündet von solider Bescheidenheit. Schlösser, Schiffe, Großfeuerwerke, ja, ganze Swing-Orchester werden gebucht, doch glasige Augen bekommt so manches junge Glück erst, wenn große Schüsseln dampfender Hochzeitssuppe hereingetragen werden.

Die Hochzeitssuppe hat einen großen Symbolwert: Traditionell teilen sich die Brautleute einen Teller, ein Zeichen dafür, dass man von nun an alles gemeinsam bewältigt, sozusagen die Suppe des Lebens im Gleichtakt auslöffelt. Dabei wird das Brautpaar von seinen Gästen streng beäugt: Wer zuerst den Löffel in die Festspeise taucht, entscheidet künftig, wo es in der Ehe langgeht, ist also der Herr im Haus. Paaren, die das Mahl gemeinsam beginnen, wird eine lange und glückliche Ehe beschieden.

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Dass die Hochzeitssuppe manchmal leicht versalzen daherkommt, hat übrigens nichts damit zu tun, dass der Koch angeblich verliebt ist. Das Salz, so munkelt der Volksmund, sorge vielmehr für kräftige und gesunde Kinder. Dass die Suppe nicht gänzlich versalzen wird, verhindert ein weiterer Brauch: Kurz vor dem Essen geht der Bräutigam in die Küche, um die Hochzeitssuppe zu salzen. Das heißt, er gibt der Küchenmannschaft im Voraus ein üppiges Trinkgeld für ein hoffentlich schmackhaftes Festmahl.

Grießklößchen sind Maßarbeit: Mit zwei stets feuchtgehaltenen Teelöffeln werden die kleinen Nocken geformt.

Grießklößchen sind Maßarbeit: Mit zwei stets feuchtgehaltenen Teelöffeln werden die kleinen Nocken geformt.  |  © Effilee

Entscheidend für das Gelingen einer perfekten Hochzeitssuppe ist die Brühe. Eine gute Brühe ist die Basis für viele Gerichte, hier gibt sie zudem symbolisch Kraft für den Start in die gemeinsame Zukunft. Außerdem ist sie in diesem Fall eine ganz pragmatische Grundlage und ein schöner Magenaufwärmer für die folgende Feier- und Völlerei.

Gut Ding will Weile haben

Zur Bewirtung der zahlreichen Gäste wurden früher, insbesondere in ländlichen Gegenden, in Vorbereitung auf das meist mehrtägige Fest in großer Zahl Rinder und Hühner geschlachtet. Das galt als Zeichen des Wohlstands und der Großzügigkeit des Brautvaters, der die Zeche zu zahlen hatte. Schon früh wusste man aber auch um die großen finanziellen Belastungen einer Hochzeit, in einigen Städten wirkten sogar Gesetze der drohenden Verschuldung entgegen. In der Ulmer Hochzeitsordnung von 1420 war beispielsweise festgelegt, wie viele Speisegänge für wie viele Gäste serviert werden durften: "Nur drei Mähler, jedes zu acht Schüsseln, und über jeder Schüssel nicht mehr als drei Personen." Bei diesen Mählern wurden Brühe und verschiedene Sorten Fleisch gereicht, dementsprechend finden sich in vielen Rezepten für die Hochzeitssuppe Hinweise auf die Verwendung von sowohl Rinder- als auch Hühnerbrühe.

Erschienen in der Sonderpublikation "Herr Paulsens Deutschstunde" der Zeitschrift Effilee, Winter 2013

Erschienen in der Sonderpublikation "Herr Paulsens Deutschstunde" der Zeitschrift Effilee, Winter 2013

Der Sage nach ist es einer solchen Reglementierung von oben zu verdanken, dass in der Hochzeitssuppe so zahlreiche und üppige Einlagen schwimmen: Markklößchen, Grießklößchen, Fleischbällchen und Brätknödel, Pfannkuchenstreifen (schwäbisch: Flädle), Rindfleisch- und Hähnchenfleischwürfel gehören in die reichhaltige Speise, mancherorts auch noch Maultaschenstreifen, Leberspätzle und Backerbsen. Angeblich soll es ein schlauer Schwabe gewesen sein, der auf diese Weise ein mehrgängiges Festmenü an der Obrigkeit vorbeischmuggelte.

In jedem Fall gehört viel Gemüse in die Suppe. Da gerne und viel im Frühjahr und Frühsommer, also zur Spargelzeit, geheiratet wird, finden sich in den Rezepten neben klassischem Suppengemüse wie Möhren, Sellerie, Petersilienwurzeln und Lauchzwiebeln auch junge Erbsen, Kohlrabi, Blumenkohl und eben Spargel. Der Spargel wird separat gekocht und der dabei entstandene Spargelfond ebenfalls zur Suppenbrühe gegeben.

Das alles klingt nach reichlich Küchenzeit und der Selbstversuch ergab: In der Tat verbringt der Einmannkoch viele Stunden am Herd. Langsam steigt die Raumtemperatur, schnell beschlagen die Fensterscheiben und irgendwann gehen dann die Töpfe aus. Vor der Küchentür wartet ungeduldig die hungrige Meute, doch es hilft nichts: Gut Ding will Weile haben – im Falle der Hochzeitssuppe eine sehr, sehr lange Weile. Die Brühen, das Gemüse und die Suppeneinlagen lassen sich aber gut vorbereiten und notfalls auch, gut gekühlt, über Nacht aufbewahren, um erst am nächsten Tag für Glücksgefühle und wohlig warme Bäuche zu sorgen.

Insgesamt ist festzuhalten: Hochzeitssuppe macht viel Arbeit. Aber das macht eine gute Ehe bekanntlich auch. 

Leserkommentare
  1. Die beste Hochzeitssuppe, die ich kenne, macht die Familie meiner Schwiegercousine. Da packen dann alle mit an, Mutter, Vater und drei Kinder - mittlerweile auch der erste Schwiegersohn in spe ;-)
    Selbst wenn die dann als "Notgericht" für Überraschungsbesuch aus der TK-Truhe hochgeholt wird, lohnt sich allein dafür der Besuch.

  2. ... sagen?

    "Erschienen in der Sonderpublikation "Herr Paulsens Deutschstunde" der Zeitschrift Effilee, Winter 2013"

    Etwa: Der Nominativ ist dem Genitiv sein Tod?

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie den konkreten Artikelinhalt und verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/jp

  4. Aufwändig finde ich das Rezept eigentlich nicht. Eine gute Hühner- bzw. Rinderbrühe braucht halt nur ihre Zeit und köchelt trotzdem alleine vor sich hin ;)

    Und danke, dass nicht erwähnt wird, die Brühen zu entfetten! Ich persönlich finde, dass selbstgemachte Brühen einfach Fettaugen brauchen.

    • Tiroler
    • 05. Februar 2013 22:47 Uhr

    "Eine Hochzeitssuppe ist eine klare Suppe auf der Basis einer Fleischbrühe, regional unterschiedlich angereichert" - so steht es in Wikipedia. Es wäre daher interessant zu erfahren, aus welcher Region das angeführte Rezept stammt. In Tirol besteht die klassische Hochzeitssuppe übrigens aus einer Fleischbrühe mit Milzschnitten als Einlage, während bei Beerdigungen eine Fleischbrühe mit Nudeln und Rindfleischwürfeln als Einlage gereicht wird.

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    Ob man sie im gesamten Norden so oder ähnlich isst, weiß ich (noch) nicht.

  5. Ob man sie im gesamten Norden so oder ähnlich isst, weiß ich (noch) nicht.

  6. Im Februar vor 49 Jahren haben wir in einem kleinen Dorf in "Baden" geheiratet.
    Meine "Schwiegerfamilie" kommt aus Frankreich - Hochzeitssuppe unbekannt!
    Vor 6 Wochen, bei der Beerdigung von meinem Mann redeten seine Geschwister von der Hochzeitssuppe, manche waren damals erst 6 Jahre alt. Mein Schwiedervater "schwärmte" jahrelang von der Suppe und ich musste sie einmal kochen. Für Franzosen war das etwas ganz besonderes: Suppe mittags!

  7. 8. [...]

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