Als wir den verwilderten Vorgarten betraten, war der Tisch bereits gedeckt. Jean Marot, ein kleiner Mann mit nussbraunem, krausem Haar, streckte uns die Hand zur Begrüßung entgegen. Der Winzer ist weit über die Region hinaus bekannt für seine energischen Rotweine und wir besuchten ihn in seinem kleinen Dorf am Mont Ventoux, um bei der Weinlese zu helfen.

Doch erst einmal landeten wir in Jeans Garten. Ganz nah schnitt der Berg eine graue Zacke ins Himmelsblau des strahlenden Oktobertags und floss mit seinen Hängen zu uns herab. "Bonjour", begrüßte uns Jean und eine Erschöpfung lag in seinem Gesicht als hätte er den Mont Ventoux mit einem Fahrrad ohne Gangschaltung erklommen. "Wir sind schon seit zwei Wochen bei der Lese." Er holte tief Luft. "Dieses Jahr ist sie eine echte Herausforderung."

"Mein Bruder Cornelius brennt darauf, bei der Lese zu helfen", erwiderte ich. Jean lachte kurz. "Dann müssen wir uns beeilen, denn heute ist unser letzter Tag." Der Winzer ging zum Haus und drehte sich am Eingang nochmal kurz um: "Aber erstmal essen wir. Wenn die Lese bei uns am Ende ist, wird gefeiert. Und nun seid ihr hier und wir beginnen, auch wenn der letzte Weinberg noch fällig ist!"

Cornelius wurde unruhig. Den ganzen weiten Weg waren wir hier raus gefahren – und nun sollten uns wohlmöglich die Trauben durch die Lappen gehen? "Meine Familie stammt ursprünglich aus Algerien", erzählte uns Jean, als er auch Platz genommen hatte. "Irgendwann hatte ich genug von meinem Leben als Apotheker. Als ich Vierzig wurde, beschloss ich mit ein paar Freunden hier am Ventoux ein Weingut zu gründen. Wir haben es Le Murmurium genannt. Und ich habe mich als Autodidakt in das Abenteuer Wein gestürzt."

Die Verandatür wurde aufgestoßen und Jeans Frau Florence brachte die Vorspeisen aus der Küche. Sie stellte große Schüsseln mit Kichererbsensalat auf die leuchtend gelbe Tischdecke. Jean spritzte inzwischen die Weingläser von gestern mit dem Gartenschlauch ab und öffnete eine Flasche Regain Rouge. Florence türmte große Tabletts mit nach frischem Rosmarin duftenden Lammkoteletts auf den Tisch. "2006 habe ich einen Teilhaber ausgezahlt und musste dafür das Weingut erneut gründen", sagte Jean. "Seitdem heißt es Vindemio." Er schenkte uns ein.

Cornelius roch am Wein – und wirkte wie ausgewechselt. Statt in sich gekehrt auf dem Stuhl zu hocken, spannte sich sein Körper und ein Lächeln umspielte seine Lippen. "Ich höre die Zikaden singen", sagte er halb zu sich selbst und Jean, der kleine Wein-Zauberer, lächelte verschmitzt. "Das hier ist die vollkommene Essenz des Südens", rief Cornelius und hielt das Glas in den Himmel. Und dann redeten Bruder und Jean über die Weine, den Süden und das Licht. Die Augen des kleinen Manns mit dem braunen Lockenkopf leuchteten und Jean erzählte von den alten Reben hier in der Provence und vom Bioweinbau. Und dann philosophierten die beiden über die Ordnung im Chaos und das Chaos in der Ordnung.

Das Aroma des Knoblauchs schwebte vor uns in der Luft. Jeans Telefon summte. "Das sind die Erntehelfer, extrem fleißige Leute, sie kommen jedes Jahr zur Lese aus Spanien", sagte er. "Wir müssen uns beeilen, damit ihr auch noch ein paar Trauben ernten könnt. Wenn die anfangen, ist ruckzuck nichts mehr dran an den Reben." Jean schenkte noch einmal die Gläser voll. Und plötzlich durchfuhr es Bruder, der kurz erstarrte: "Das ist es! Jetzt weiß ich, warum deine Weine so berühren und sie die Hitze des Südens so klar in sich tragen. Dein Wein, lieber Jean, der ist frei, wahrhaft frei. Frei von Müdigkeit, frei von Stress, frei von Melancholie." Der Winzer lächelte. "Das Geheimnis ist ganz einfach: Wir verwenden kein Holz, kein Barrique, kein Fass. Einfach nur Beton. Und zwar ausnahmslos bei allen unseren Weinen." "Beton?", fragten wir im Chor und Cornelius Kiefer klappte herunter. "Ja, Betontanks, die sind das Beste! Unsere Weine kriegen so alles was sie brauchen."

Bruder ließ sich zurückfallen in die Stuhllehne, er konnte es kaum fassen. Die Blütezeit für die Behälter aus Zement war doch seit den Sechzigern vorbei. Davor ließen sich große und kleine Weingüter in ihren Kellern Tanks aus Beton gießen. Auf lange Sicht war das billiger als die tradierten und pflegeanfälligen Holzfässer. Doch dann kam das Zeitalter der Barriques und Betontanks galten spätestens seit den achtziger Jahren als die Dinosaurier unter den Gärbehältern. Kommt die Renaissance dieses Gär- und Lagermediums? Es sieht ganz so aus.

Die neuen Tanks sind im Inneren so behandelt, dass der saure Wein nicht mit der Zementoberfläche reagiert. Zudem hat der dicke Beton im Gegensatz zum dünnen Edelstahl eine isolierende Wirkung und reagiert nur sehr verzögert auf Temperaturschwankungen. Und da es mittlerweile auch kleinere Betonbehälter gibt, können die Winzer auch kleinere Weinchargen individuell vergären – ohne die vielleicht unerwünschten Holzaromen.

Bei Jean entsteht so Perfektion, ungezähmte Kraft, Harmonie. "Es geht eben doch!", murmelte Cornelius. Am Ende gelang es uns, in der heißen Oktobersonne noch ein paar Trauben abzuernten. Und wir fuhren mit dem Gefühl nach Hause, ein kleiner Teil der Provence geworden zu sein.