Bei der Vinitaly werden jedes Jahr im März in Verona die besten Amarone präsentiert. © Vincenzo Pinto/AFP/Getty Images

Die zerknitterte Haut strahlt pflaumenblau. Fabian zupft sich eine Schrumpelbeere vom Stiel und steckt sie sich in den Mund. Es knackt zwischen den Zähnen, als er auf die Kerne beißt. "Rosinen und Trockenfrüchte", sagt er und schließt die Augen. "Und wonach schmecken sie noch?", will ich wissen. "Nach Tabak und Kakao", sagt Bruder und schiebt sich genussvoll noch ein paar Beeren in den Mund.

Im Herzen des Valpolicella hatten wir sie entdeckt: Riesige Hallen, in denen sich Holzkisten voller angetrockneter Trauben bis unter die Decke stapeln. Draußen versank die hügelige Landschaft im watteweißen Schnee während drinnen Zigtausend Rotweintrauben in wohliger Wärme vor sich hin schrumpelten.

"Aus dieser Rosinen-Mumie soll wirklich noch Rotwein werden?", fragt Fabian sich selbst. Beim Sprechen bilden sich kleine Kondenswölkchen in der eiskalten Januarluft. "Sieht wirklich ein bisschen komisch aus ...", murmelt er. Dann dreht er noch eine Traube vor seinem Gesicht hin und her und inspiziert sorgfältig, was die wochenlange Trockenkur von den Beeren übrig gelassen hat.

Der Unfall mit dem Süßwein

Das Appassimento ist ein ziemlich ungewöhnlicher Vorgang. Er dauert 120 Tage und dient dazu, die im September geernteten Trauben anzutrocknen. Aus frisch und saftig wird schrumpelig und trocken. Dabei würde jeder Winzer, der halbwegs bei klarem Verstand ist, die prallen und reifen Trauben auf der Stelle zu Rotwein verarbeiten. Doch das Schicksal hat für das Exemplar, das eben noch vor Fabians Nase baumelt, etwas anderes vorgesehen.

Ursprünglich hat man die Trauben in der Region Valpolicella nördlich von Verona zu einem Wein gleichen Namens verarbeitet: Valpolicella. Ein heiterer, eleganter, feiner Wein ohne viel Kawumms. Nur in besonderen Jahren wurden die besten Trauben getrocknet, um einen Süßwein daraus zu machen, den Recioto. Je süßer, desto besser – der Recioto galt als die ultimative Delikatesse der Region. Vom Typ her ist er dem Portwein ähnlich, fruchtig, lieblich und alkoholisch, und eignet sich gut zum Kekse eintunken. Doch wird beim Port Branntwein zugesetzt, um die Gärung zu stoppen und die Süße zu halten, ist es beim Recioto die ungeheure Zuckerkonzentration des Trocknungsvorgangs, der die Süße bringt. Lange Zeit stand der Recioto unangefochten an der Spitze der Weinpyramide der Region Valpolicella. Aber dann ging eines Tages etwas schief.

120 Tage lang werden die Trauben in Holzkisten angetrocknet. © Fabian Lange

"In den 1930er Jahren begann bei uns ein Fass Recioto wieder zu gären", erzählt Luca Bissoli von der Cantina Valpolicella in Negrar und Marketing-Manager der größten Genossenschaft im Valpolicella Classico. Klammheimlich verwandelten die Hefen also die ganze schöne Süße des Weines – sie war futsch bis auf ein paar Gramm Restzucker. Peinlich, peinlich! "So ein Malheur war in der Region durchaus bekannt und passierte zwar von Zeit zu Zeit", sagt Luca Bissoli während er mit uns die eindrucksvolle Phalanx der riesigen Fässer im Keller des Weinguts abschreitet. "Meist waren das aber nur kleine Mengen, nie ein Fass mit mehreren Tausend Litern Inhalt wie bei uns."

Aus dem zuckersüßen Recioto wurde ein fast trockener, ultraschwerer Rotwein mit 15, 16 Prozent Alkoholgehalt. Weil die verpfuschten Kleinfässer schon den Namen Recioto amaro, also bitterer Süßwein, weg hatten, tauften die Genossen den neuen Rotwein einfach Amarone. In Italien, so viel wussten die Winzer, war so etwas damals jedoch kaum verkäuflich. Also suchten sie nach neuen Märkten. "Ausgerechnet im bitterkalten Kanada schlug unser Wein ein wie eine Bombe," sagt Luca Bissoli lachend. Er scheint es selbst nach 80 Jahren kaum zu glauben. Aber bei vielen Exil-Italienern kam der viele Alkohol, die vielen Gerbstoffe und die viele Frucht mit dem klitzekleinen Fitzelchen Süße so gut an wie ein glühendheißer Bollerofen am Ende einer stundenlangen Schneewanderung. Genau richtig, um in langen dunklen Winternächten von der Sonne Italiens zu träumen.