Aarrgh! Ein markerschütternder Schreikam aus Fabians Küche. Ich rannte um die Ecke. Mein Bruder starrte in ein Weinglas. Fassungslos. Kopfschüttelnd. Bleich. Mit vor Wut zitternder  Stimme zischte er: "Korken!" Dann folgte eine Serie von Flüchen. "Na komm schon, das kann doch mal passieren", versuchte ich ihn zu beruhigen. Ein großer Fehler. "Sag mal, hast du den Schuss nicht gehört?...", blaffte er mich an, "das ist mein Herzblut! Ich opfere hier einen 1998er Barolo Cannubi, den dieses fiese Stinkezeug hier" – er reckte den Korken anklagend in die Luft – "einfach vernichtet hat." Mit ausgestrecktem Arm hielt er mir sein Weinglas entgegen.

Noch bevor ich das Glas an der Nase hatte, strömte mir das penetrante Hautgout von TCA – Trichloranisol entgegen. Jener chemischen Verbindung, die angeblich aus einer Reaktion von Korkeichenrinde mit Pilzen und gechlortem Wasser entsteht – die genaue Herkunft des Korktons ist immer noch nicht abschließend geklärt. Schon ein paar Milliardstel Gramm TCA im Korken genügen, und schon ist eine große Menge Wein aromatisch und geschmacklich verseucht.

 

"Und jetzt riech mal hier dran", sagte Fabian und hielt mir den Korken hin. Rein äußerlich ein wahres Prachtexemplar. Volle 50 Millimeter lang, makellos und wunderbar kompakt – kein schwammiger Billigkorken, der oft nur fünf, sechs Jahresringe zählt, nein, dieser Edelpfropfen hatte neun Jahresringe – eigentlich ein sicheres Indiz für gute Qualität. Doch er roch unzweifelhaft nach TCA. Nein, er roch nicht, er stank! Keller, Muff, Schimmelpilz, erdig-feucht nach nasser Zeitung, altem Küchenlappen, modrig und verdorben. Tot, aus und vorbei. Der Wein war ein Fall für den Ausguss.

"Da habe ich jetzt über zehn Jahre geduldig gewartet, um mir das anzutun. Von dem schönen Geld, das jetzt in die Kanalisation gespült wird, ganz zu schweigen", jammerte mein Bruder. "Ich freue mich auf den Tag, an dem das Thema endlich durch ist, und alle Winzer auf Schraubverschlüsse setzen. Für heute ist mir die Lust auf Barolo vergangen. Denn wenn die nächste Flasche auch korkt, drehe ich durch."

Dass es meinem Bruder in einer solchen Situation an emotionaler Stärke mangelte, sei ihm verziehen. Aber dass ich an diesem Tag keinen brauchbaren Rotwein mehr bekommen sollte, erschien mir dann doch zu hart. Also versuchte ich es mit ein wenig Psychologie: "Aber gerade deshalb solltest du es mit einer weiteren Flasche probieren, sonst ist der ganze restliche Wein für immer stigmatisiert. Bring’s doch einfach hinter dich. Besser jetzt als später." zuckte mit den Schultern: "Okay, probieren wir's halt. Aber wenn der nächste auch Kork haben sollte, hoffe ich wenigstens, dass er total verseucht ist und nicht nur ein bisschen. Am schlimmsten sind Korkschmecker, die nur die Frucht fressen, aber nicht richtig stinken."

Das Rätselraten ist das wahre Vergnügen am Korkschmecker: Hat der Wein durch den Stopfen einen Knacks bekommen oder ist sein Aroma ein Ausdruck von Weinreife in der Flasche, einer aromatisch nicht exakt definierten Extratour? Gerade die unterschwelligen Korkschmecker sind ein Problem, das selbst Experten herausfordert. Deshalb werden sicher einige Weine getrunken, die in Wahrheit ein Korkproblem haben.

Das Verrückte aber ist, dass die Mehrheit der Weintrinker es immer noch akzeptiert. Selbst der Wertverlust durch Korkschmecker wird hingenommen, während die pfennigfuchsenden Deutschen sonst bei allen anderen Produkten sofort auf ihre Kundenrechte pochen: Wer würde schon das frisch gekaufte Elektronikgerät in den Müll werfen, wenn es zu Hause nicht funktioniert? Beim Wein aber nehmen zu viele Konsumenten ihr Schicksal hin. In vielen Fällen ist natürlich auch kaum möglich, den Schaden geltend zu machen. Etwa wenn der Wein schon seit Jahr und Tag im Keller liegt, er irgendwo im Internet bestellt wurde und man am Ende keinen Kaufbeleg mehr hat? Soll man nach drei, vier, zehn Jahren etwa beim Winzer in Italien anrufen?