Ernährungstrends : "Der Appetit ist die moderne Erbsünde"

Diäten hält er für Gewalt und essen soll man, worauf man Lust hat. Im Interview zerlegt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer den Glauben an die eine, gesunde Ernährung.
Hört er Ernährungsratschläge, nimmt Udo Pollmer sofort Reißaus. © Andrea Thode

Frage: Herr Pollmer, ihrer Ansicht nach sind die drei folgenden Aussagen kompletter Unfug: Vitamin C hilft bei Erkältungen, Salz ist ungesund und der Verzehr von Obst und Gemüse beugt Krebserkrankungen vor. Ist das Verhältnis zu Ihrem Hausarzt soweit okay?

Udo Pollmer: Zu welchem Hausarzt? (muss kräftig lachen) Mein Haus braucht keinen Arzt und mir geht’s gut.

Frage: Sie sind der Meinung, dass wir glücklicher, gesünder und genussvoller leben könnten, wenn wir uns von der Vorstellung verabschieden würden, es gäbe die gesunde Ernährung für alle, und Sie rufen zum Boykott der meisten Statis­tiken auf ...

Pollmer: ... nicht zum Boykott, ich will ja nur, dass die Statistiken richtig gemacht werden. Statistik ist eigentlich ein wunderbares Instrument, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, um dann mit den Mitteln der Forschung den Ursachen 
auf den Grund zu gehen. In der Ernährungswissenschaft wird in einem kaum vorstellbaren Maße getürkt. Gerade hat John Ioannidis, ein namhafter Biostatistiker aus Harvard, mal Hunderte von Studien zum Thema Krebsgefahr beziehungsweise Krebsschutz durch Nahrungsmittel analysiert. Ergebnis:
 so wertvoll wie ein gebrauchtes Kondom. Wir brauchen im Grunde nichts von dem zu glauben, was uns erzählt wird.

Frage: Demnach könnte ich jetzt theoretisch im Dorf anrufen und eine Schlachtplatte plus eine Kiste Bier kommen lassen, ohne mir eine Rüge von Ihnen einzu­handeln?

Udo Pollmer

59, ist studierter Lebensmittelchemiker und Wissenschaftsjournalist. Jeden Samstag um 11.50 Uhr sorgt er auf Deutschlandradio Kultur mit seiner Sendung Mahlzeit für Diskussionsstoff.

Pollmer: Warum sollte ich das rügen? Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Und die Neigungen der Individuen sind naturgemäß unterschiedlich. Je nachdem aus welchem Teil der Welt sie kommen, haben die Menschen unterschiedliche Vorstellungen von Ernährung. Eine traditionelle Eskimomahlzeit, wohlgemerkt eine Mahlzeit und nicht die Tagesration, sind locker fünf Kilo Robbenspeck. In den Tropen ist wiederum der Anteil 
der pflanzlichen Kost größer, einfach weil man leichter an nahrhafte Früchte kommt wie Bananen, Avocados, Kokosnüsse. Dass man sich in einem süddeutschen Dorf mit Appetit über Fleisch und Wurst hermacht, war dort eine biologische Notwendigkeit, einfach deshalb, weil sich das Voralpenland klimatisch für Weidewirtschaft und nicht für Ananaszucht eignet. Ich krieg' hier regelmäßig Anrufe von FachjournalistInnen, die ein Statement von mir wollen, nach dem Motto der Vegetarier sei der klügs
te Zweibeiner überhaupt. Die ganzen Ernährungsbeiträge kommen doch mit der Attitüde daher "Wer sich vegetarisch ernährt, ist etwas Besseres als die ganzen Arschlöcher die einer normalen Arbeit nachgehen und dafür Power brauchen". Wir sind allerdings erwiesenermaßen Säugetiere, also ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir das, was wir zum Leben benötigen, in schmackhaften Säugetieren vorfinden. Zumindest erheblich größer, als dass wir es in einer Staude am Wegesrand antreffen.

Frage: Sie weisen in einem Ihrer Bücher auf
 die Monica­-Studie der WHO hin.
 In dieser Studie erreichten männliche Teilnehmer die höchste Lebenserwartung, wenn sie täglich den alkoholischen Gegenwert einer halben Flasche Wein verputzt haben. Erst bei einer ganzen Flasche – im medizinischen Sinne also bereits als Säufer – erreichten sie dieselbe (relativ) frühe Sterblichkeit wie Abstinenzler. In Frankreich könnte man mit so einer Aussage Staatspräsident werden. Hier ist sie mir in ihrem Buch zum ersten Mal begegnet. Gibt es bei uns so etwas wie eine Lobby der Spaßbremsen?

Erschienen in Effilee, Ausgabe 25, Sommer 2013 © Effilee

Pollmer: Ja. Ich glaube, das hängt mit unserer protestantischen Vergangenheit zusammen. Es wird hinter jeder Freude eine schlimme Versuchung gesehen. Aus dieser Ecke kommen viele der aktuellen Warnungen. Es ist egal, was die Leute essen oder trinken, aber sobald sie dabei Vergnügen empfinden, ist es natürlich ungesund. Es ist noch nie etwas als gesund bezeichnet worden, was die meisten Menschen gerne essen. Und noch
 nie etwas, was die meisten nicht leiden können und ungesund wäre. Allein an der Tatsache, dass Kinder Brokkoli nicht mögen, wird erkannt, dass das gesund fürs Kind sein muss. Und sobald Kinder etwas kollektiv mögen, zum Beispiel Pizza, ist sie des Teufels. Diese verlogene Logik zielt darauf ab, die Menschen zu destabilisieren und ihnen Schuldgefühle anzuhängen. Der Appetit als moderne Erbsünde der Evolution. Schuld ist ein böses Geschäft.

Frage: Schuld?

Pollmer: Der Körper fordert ein, was er braucht. Wäre es anders, gäbe es keine erfolgreiche Evolution. Und dieses Gefühl, das uns der Appetit vermittelt, ist so stark, dass es sich gegen den Kopf über kurz oder lang durchsetzt. Jede junge Frau, die eine fettarme Abnehmdiät macht, weiß, dass bei nahender Regel der gute Vorsatz in sich zusammenfällt. Dann wird eine Familienpackung Eiscreme verdrückt, damit die Fettbilanz wieder stimmt. Mit ein bisschen Grips würden die Menschen daraus lernen, dass Fett lebensnotwendig ist. Sie würden bei gehöriger Anspannung ihres Verstandes bemerken, dass der Körper durch die fettarme Philosophie nicht schlank, sondern immer dicker wird. Aber sie wollen immer wieder mit dem Kopf durch die Gummiwand.

Kommentare

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Mich nervt dieses Argument aber extrem

Ich esse aus ethischen Gruenden kein Fleisch und nur sehr wenig andere tierische Produkte. Aber das Gesundheitsargument hat, finde ich, in diesem Diskurs nichts zu suchen. Meistens ist die vegetarische Option in unserer Kantine sehr viel fettiger und kohlehydratreicher. Und ich beobachte schon lange verstoert, dass viele Menschen, die noch vor wenigen Jahren auf verschiedenen Ebenen politisch sehr engagiert waren, sich heute damit begnuegen, vegane Rezepte auf facebook zu posten und sich nur noch obsessiv damit beschaeftigen, was sie in oder an ihren Koerper heranlassen. Alles andere geht daneben unter.

Stimmen Sie mir nun zu oder nicht?

Ich schrieb doch, dass die meisten Vegetarier und Veganer sich aus ethischen Grünen entschieden.
Zur Gesundheit sage ich, zumindest für mich: An irgendetwas werde ich ohnehin sterben.
Ich gehe also tatsächlich danach, was mir schmeckt, aber was möglichst anderen nicht schadet. Und zu den Anderen zähle ich Mensch UND Tier.
Aber die Industrieinduzierten Geschmacksverirrungen werden Kindern ja mittlerweile schon mit Hilfe von Lobbyisten in den Schulen beigebracht, so wie meist auch zuvor im Elternhaus und dagegen anzugehen braucht es eine Gegenbewegung. Die findet wohl sinnvollerweise eher nicht in Frauenzeitschriften mit teuren Diätrezepten statt, sondern am besten in der Schule und möglichst früh. Und sticht bei den einen das Tierrechtsargument, bei den Anderen vielleicht das gesundheitliche und bei den Dritten die Agrarpolitik, die Landschaften veröden lässt und Menschen andernorts ihrer Existenz beraubt und in die Quasi-Sklaverei treibt. Da gab es ja Bericht über nicht nur die Rockermafia in der Fleischbranche, sondern auch Sklaverei von Schlachthofarbeitern bei den großen Fleischunternehmen.
Ich jedenfalls kann das Eine nicht ohne das Andere denken und empfinden.

Wenn der Betreffende

auf einer einsamen Insel leben würde und damit alle Folgen bis zum bitteren Ende selbst tragen würde, könnte ich Ihnen aus ganzem Herzen beistimmen.

Nur ach leider ist der Mensch ein soziales Wesen und so laut er hier um seine Freiheit zu fressen, saufen und huren schreit, so viel lauter schreit er dann bei den Konsequenzen um Hilfe - seelische wie leider auch finanzielle.

Schau ich auf meinen Obolus für die Sozialversicherung und meine bisherige Inanspruchnahme von Leistungen fehlt mir doch das Verständnis für eine schwer übergewichtige Dame, die sich beklagte wieviel Widerstand die Krankenkasse bei ihrem neuen Kniegelenk machte.
Auch eine Bank wird Ihnen Verhalten vorschreiben, wenn Sie Ihren Kredit nicht bedienen können.

Extremsportler

Der Vergleich hinkt. Fettleibigkeit ist wohl fuer das Gesundheitssystem viel teurer als Extremsport. Aber natuerlich hat es auch einen Vorteil wenn Uebergewichtige relativ frueh an Herzinfarkt oder aehnlichen Erkrankungen versterben. Sie erreichen nicht das Alter in dem Demenz ein Problem wird.

Allerdings ist Fleischproduktion ein kostspieliger Prozess der begrenzte Resourcen verbraucht. Mir in Europa geht wahrscheinlich nichts verloren, wenn der "Nachbar" kiloweise Fleisch konsumiert. Ein paar Menschen in Entwicklungslaendern muessen allerdings dafuer schon verhungern.

Moralkeule

Ja da konnten Sie die Moralkeule wohl nicht stecken lassen, wie? Ja, ja der böse Fleischesser.....manche Leute machen aus der Ernährung eine Ersatzreligion. Eine bedenkliche Entwicklung. Aber zum Glück haben wir ja noch gewisse Freiheiten was die Ernährung betrifft. Wobei selbstverständlich festzuhalten ist, das im Interesse Aller Fleisch wieder zu einer Art "Luxusware" werden sollte. Es steht nirgendwo geschrieben das man 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr Fleisch essen muss. Leider wird das Lebensmittel Fleisch nicht hinreichend überprüft wie das in anderen Lebensmittelbranchen ja leider auch der Fall ist. Meines Erachtens nach ein großer und teurer Fehler. Wer weiß wie viele Leute wegen schlechtem und verdorbenen Fleisch krank werden und chronische Maläste mit sich rumschleppen. Aber Hauptsache man gefährdet keine Arbeitsplätze. Im Übrigen bin ich Fleischkonsument und esse auch solche nicht tierischen Produkte wie Äpfel & Co. Aber vermutlich erinnern Sie sich nicht mehr daran seit Sie der veganen Kirche beigetreten sind.

MfG