Überflutete Felder am Biohof Laurer in Landau an der Isar

Martina Kroh ist wütend. Als ob der ewige Winter und der viele Regen nicht schon schlimm genug waren. Vor ein paar Tagen flatterte der Landwirtin dann noch der Werbeprospekt einer Supermarktkette ins Haus: "Erntefrischer, junger Zuckermais", stand da, "marktfrisch aus Deutschland!" "Da habe ich direkt deren Hotline angerufen und gefragt, wo dieser Mais denn wirklich herkommt", sagt die Chefin des Bio-Guts Stichelsdorf bei Halle Saale. Klar sei ja wohl: Aus Deutschland sicher nicht.

Das Wetter macht deutschen Gemüsebauern zu schaffen. Viele klagen schon jetzt über große Ernteeinbußen, Frühjahrsgemüse wie Spargel und die Erdbeeren wuchsen wegen der langen Kälte schlecht. Und nun bedrohen Starkregen und Hochwasser auch die kommende Ernte. Felder sind überflutet oder versinken im Matsch, können gar nicht oder erst spät bebaut werden. Dort, wo bereits etwas gewachsen war, faulen und schimmeln Pflanzen und Früchte.

Dem gegenüber steht die ungebrochen wachsende Nachfrage nach regional produzierten Lebensmitteln. Bio ist das eine, regional und saisonal sind die anderen beiden Zauberwörter, auf die immer mehr Kunden anspringen.

Martina Kroh verkauft ihr Bio-Gemüse ausschließlich in der Region, auf Wochenmärkten in Halle und Leipzig und per "Gemüsekiste": Kunden bekommen geliefert, was auf ihren Feldern gerade reif ist. Eigentlich. Nach heftigen Regenfällen drückte Grundwasser nach oben und überschwemmte die Hälfte ihrer Anbaufläche. Auf gut zwei Hektar stand es zehn Zentimeter hoch. "Diese Flächen können wir dieses Jahr abhaken, da sind alle Messen gelesen." Jetzt muss die Gemüsebäuerin genau überlegen, was sie in ihre Kisten packen kann.

Keine Auberginen und Minipaprika

400 Kilometer südlich im niederbayerischen Kößnach ist ebenfalls Improvisation gefragt. Hier verschickt Martina Kögl pro Woche 1.500 Kisten voll Bio-Lebensmittel regionaler Produzenten. Letzte Woche waren in der Standard-Kiste Kopfsalat und Frühlingszwiebeln aus Eichendorf bei Landau und Rettich von der Isar, aber auch ein Bund Frühkarotten und Wirsing aus Italien, Stangensellerie aus Spanien. "Wir hätten gern Radieschen von hier reingepackt, niederbayerische Gurken und statt Wirsing Kohlrabi aus der Region", sagt die Chefin der Ökokiste Kößnach. Aber viele Felder der Bauern, mit denen sie zusammenarbeitet, standen unter Wasser. Einer schrieb Kögl, er werde dieses Jahr überhaupt keine Auberginen und Minipaprika liefern können, 80 Prozent weniger Erdbeeren und keine einzige Einmachgurke. Ein anderer bat sie, seinen Spargel aus dem Angebot zu streichen – alles sei kaputt.

Regionaler Spargel ist dieses Jahr ein Luxusprodukt, entschied Kögl. Muss man nicht haben. Wenn es hier keinen mehr gibt, kommt keiner in die Kiste. "Auf andere Produkte aber können wir langfristig nicht verzichten. Da müssen wir auf andere Erzeuger ausweichen. Erst mal aus Gegenden in Deutschland, wo das Hochwasser nicht ganz so schlimm war. Und wenn es gar nicht anders geht auf italienische, spanische oder französische Produkte."

Auch Martina Kroh in Sachsen-Anhalt hat vergangene Woche Knollenfenchel zugekauft und in ihre Kiste gepackt. Ohne den wäre der Inhalt zu eintönig gewesen. Hochwasserbedingt diesmal nur Salat und Lauchzwiebeln? Das kann sie ihren Kunden nicht anbieten. Es ist ja schon so schwer genug, den Verbrauchern klarzumachen, dass auf dem Feld – anders als im Laden – nicht immer alles verfügbar ist. "Bei mir haben sie schon nach Tomaten gefragt, da war gerade 14 Tage der Schnee weg. Und vor drei Wochen rief eine Kundin an und wollte unbedingt frische Bundmöhren." Ihr Supermarkt hätte doch schon längst welche. "Das habe ich dieser Servicehotline auch gesagt: Statt Mais im Mai als erntefrisch zu verkaufen, sollten die doch lieber die Leute darauf sensibilisieren, was wann in Deutschland Saison hat. Viele haben gar keine Ahnung mehr."