Es ist ein weiter Weg von Melbourne nach Tornow am See, Gemeinde Pritzhagen, Naturpark Märkische Schweiz. Krésten Thøgersen, ein 25-jähriger Australier mit norwegischem Namen, sieht aus, als hätte er ihn mit dem Fahrrad zurückgelegt. Verschwitzt, in einem neonfarbenen Radlertrikot, steigt er von seinem Rennrad. Etwas mehr als eine Stunde hat Krésten gebraucht für die 55 Kilometer aus Berlin.

Wichtig ist ihm jetzt nur eines: "Willst du richtig guten Kaffee probieren?" fragt er, sehr freundlich in verwaschenem Australisch. Krésten trägt Vollbart, Tattoos und einen Nasenring. Er sieht aus wie der fünfte Mann bei den Kings of Leon. Tatsächlich spielt Krésten auch Gitarre. Die meiste Zeit seines Lebens widmet er jedoch einem Getränk, das die Deutschen gerne bei Starbucks und in Jumbotassen trinken und über das sie so gut wie nichts wissen: Kaffee.  

In dem alten Herrenhaus am Tornower See findet ein zweitägiges Barista-Camp statt, organisiert vom Berliner Café No Fire No Glory. Krésten ist aus Melbourne nach Berlin gezogen, um eine eigene Kaffeebar zu eröffnen. Deswegen ist er hier. 

Im Foyer des Hauses stehen auf einer Arbeitsfläche Wasserkocher, Kannen zum Aufgießen, Keramikfilter, Mühlen, Glaskolben und eine Waage bereit. Krésten zieht Kaffeebohnen aus der Rückentasche seines Trikots. "Proud Mary, Filter roasted, Geisha washed", steht auf der Verpackung, die Bohnen kommen aus Panama. 125 Gramm kosten umgerechnet etwa 34 Euro. Krésten wiegt exakt 15 Gramm ab und mahlt die Bohnen so, dass der Mahlgrad mit der Filterbrühtechnik übereinstimmt. "Ziemlich grob, aber nicht so grob wie für eine Frenchpress", sagt Krésten. Eine Frenchpress ist jenes Glaskännchen, in dem loses Kaffeemehl mit einem Sieb hinuntergedrückt wird. 

Als nächstes spült Krésten den Papierfilter mit heißem Wasser aus – "die kleinen Papierpartikel, die am Filter hängen, möchte man nicht im Kaffee haben" – und übergießt dann das Kaffeemehl langsam und in kreisenden Bewegungen mit genau 93 Grad heißem Wasser. Bei dieser Temperatur lösen sich die meisten Aromen. Der Kaffee tröpfelt aus dem Keramikfilter in einen Glaskolben, noch zu heiß für die Verkostung.

Gurgelt er gleich damit?

Kaffee ist das Lieblingsgetränke der Deutschen, mehr als 150 Liter trinkt jeder Einwohner pro Kopf und Jahr im Durchschnitt. Aber nur eine sehr kleine Szene hat den Ehrgeiz, wirklich nur den allerbesten Kaffee zu brühen und zu trinken. In Berlin gibt es etwa zehn Cafés, die Spezialitätenkaffee anbieten. Sie belassen es nicht bei einem 100-prozentigen Arabica und dem Latte Macchiato mit Karamellschaum und Nusskrokant. Cafés wie No Fire no Glory setzen Bohnen aus besonderen Anbaugebieten auf ihre Karte, arbeiten mit kleinen Röstereien zusammen und bieten jedem Gast die Möglichkeit eines individuellen Brühverfahrens. Neben Espresso aus der Siebträgermaschine gibt es auch Filterkaffee und regelmäßige Cupping-Abende, bei denen Kaffee professionell verkostet wird. Die Bonanza Coffee Heroes rösten ihren Kaffee selbst und brühen an der Spirit, einer Art Maserati der Espressomaschinen. Sie sind der Anziehungspunkt für Profis wie Krésten, der mitarbeiten will an einer Berliner Kaffeekultur, wie es sie schon seit Jahren in London oder Portland gibt.   

Nach zehn Minuten darf der Proud Mary aus dem Keramikfilter verkostet werden, natürlich ohne Milch oder Zucker. Der 34-Euro-Geisha-washed-und-Filter-roasted-Panama-Kaffee schmeckt nach Tee. Krésten nimmt einen kleinen Schluck, behält ihn im Mund. Gurgelt er gleich damit? Macht er nicht.

"Was schmeckst Du?" – "Kräutertee" – "Kaffee ist ein Naturprodukt, eine Frucht", sagt Krésten. Manchmal schmecke diese Frucht nach Walderdbeeren, Heu oder eben nach Kräutern. 

"Wie kochst Du deinen Kaffee zu Hause?" – "Mit der Bialetti." – "Wegwerfen!" – "Ist das nicht Geschmacksache?" –
"Dir schmeckt schlechter Kaffee, weil du Dich an schlechten Kaffee gewöhnt hast." Krésten findet, wer wirklich Kaffee trinken will, sollte sich auch ein wenig damit beschäftigen. In Berlin Mitte, bei The Barn, haben die Baristas mittlerweile die Milch von der Karte gestrichen. Gaumenschulung oder Bevormundung? Diese Frage stellt sich den Profis nicht.