Ich weiß es seit dem Abend mit der Dose. Es war fast schon Nacht, als ich mit Freunden beim Wein zusammensaß und plötzlich ein Döschen vegane Senf-Rucola-Paste so heftig abgefeiert wurde wie früher eine Flasche Hendrick's Gin.

Angefangen hatte die Veganisierung aber schon viel früher, als mir beim heimischen Nachmittagskaffee nur noch Soja-Latte angeboten wurde. Mittlerweile ist es so weit, dass ich mir einen Tetra Pak Kuhmilch (natürlich bio und vom regionalen Milchbauern) in die Jutetasche stecken muss, wenn ich zum Kaffeetrinken eingeladen bin.

Das gängigste Argument meiner Freunde für die Abkehr von der Kuhmilch ist eine plötzlich auftretende Lactose-Intoleranz. Im Grunde wird beinahe jeder Riss im Fingernagel so gedeutet. Bei mir ist die Sache umgekehrt: Ich habe einen natürlichen Ekel vor der schleimigen Konsistenz von Getreide-, Mandel-, Kokos-, Soja- oder Reismilch. Vielleicht Sojaintoleranz? Es interessiert mich nicht die Bohne.

In Zeiten, da selbst Schwarzwälder Kirschtorte und rheinischer Sauerbraten vegan zubereitet werden können, muss man als ökologisch korrekter und konsumkritischer Eierlöffler, Fleischesser, Kuhmilchtrinker oder Lederjackenträger überhaupt erst ein Bewusstsein für die subtilen Suggestiv-Offensiven seiner veganen Mitmenschen entwickeln. Damit man nicht die Stellen verpasst, an denen man reuig den Blick senken sollte.

Wurzelgemüse ist das neue Spiegelei

Auf Partys werden die Vorzüge von Tofu, Saitan oder Tempeh gepriesen wie einst die coolsten Cocktails aus New York. Wurzelgemüse ist das neue Spiegelei! Nebenbei tadelt man die Verzehrer tierischen Eiweißes als geruchsauffällig, während Freunde von Freunden über wundersame Heilprozesse berichten: Haarausfall, Fettleber, Schuppenflechte – alles weg. Veganer werden ja sowieso nie krank!

Immer wieder kreisen die Gespräche ganz selbstverständlich darum, wie prima man ein Sellerie-Schnitzel auch ohne Ei panieren kann, oder dass es nun im Laden um die Ecke Nagellack auf Zellstoffbasis gibt. Auf Facebook posten Freunde ihr erstes fancy Paar vegane Sneaker.

Ich habe ein bisschen Angst, wo das alles hinführen soll. Irgendwann werde ich mich, wenn Freunde zum Abendessen geladen sind, fragen lassen müssen, ob der Bio-Hokkaido zur richtigen Mondzyklus-Phase von der Mutterpflanze getrennt wurde. Manchmal würde ich am liebsten sagen: Ich bin dann mal veg! Bevor ich allein mit Blicken zerfleischt werde. Denn die sind das Schlimmste an den subtilen Überzeugungsstrategien.

Ohne Ledersofa und Wolldecke: Um zu lesen, wie eine vegane Wohnung aussieht, klicken Sie auf das Bild.

Kürzlich tischte ich einer langjährigen Freundin ein Katerfrühstück auf, das uns nach langen Klubnächten in den vergangen Jahrzehnten zum Ritual geworden war: Roggenbrot, Honig-Senf und – Obacht, jetzt wird es deftig – Paprikalyoner, natürlich bio. Ist so eine nostalgische Sache zwischen uns. Sie aber lehnte peinlich berührt ab und drückte sich lieber eine Avocado aufs Brot. Das Tragische aber war: Es lag so viel Mitleid in ihrem Blick – Mitleid mit mir, nicht dem Tier – dass ich die Packung für die Dauer ihres Besuchs ungeöffnet ließ. Hinterher lud ich den konsumunkritischen Nachbarn zum Abendbrot. Ihm war es wiederum total egal, ob die Wurst nun bio ist oder nicht. Das fand ich dann auch doof.