Mosel. Das klingt wie anno dunnemals. Ein Ort, an den sich vorzugsweise Bustouristen und Wohnmobilisten verirren. Und wir. Ausgerückt ins Moseltal, um aufs Geratewohl Weingüter zu besuchen. Denn das kleine enge Tal ist voll von Enthusiasten, die sich in den halsbrecherischen Steillagen abrackern und für viel zu kleines Geld großartige Rieslinge erzeugen. Bei einer Guerillaprobe wollen wir die Winzer aus der Perspektive des Weinkäufers erleben – und natürlich Wein kaufen.

Wir fahren in Richtung Mülheim an der Mosel. Schon am Ortseingang sticht ein großes Anwesen aus grauem Naturstein und seine weiß-umrahmten Fenster ins Auge, am Eingang prangt ein Schild mit dem Schriftzug "Max Ferd. Richter." "Die machen doch vor allem süße Rieslinge für den Export, oder?" sagt Cornelius stirnrunzelnd, "ziemlich aus der Mode." –"Ein Grund mehr, einem Botschafter der Vergangenheit mal hallo zu sagen", entgegne ich, wohl wissend, dass mein Bruder insgeheim eine Schwäche für Klassiker hat.

Hinter der hölzernen Eingangstür des Stammhauses Max Ferdinand Richter liegt ein dunkler Flur, seitlich führt eine breite Holztreppe ins Obergeschoss, ein Emaille-Schild zeigt an: "Contor 1. Stock". Dort hängen zwischen Weinlaubtapete, Weinlaublüster, alten Bugholzmöbeln und historischen Fotos und Stichen die vergangenen Jahrhunderte. Nur der Bildschirm auf dem Schreibtisch verrät die Gegenwart, und der junge Mann dahinter, Constantin Max Ferdinand Richter. "Max Ferdinand Richter ist ein Traditionsbetrieb", kommentiert der Juniorchef unsere Blicke. "Bei uns gehen Veränderungen nur sehr, sehr langsam vor sich."

Für Transformationsprozesse hatte der Betrieb bislang immerhin rund 300 Jahre Zeit. Seit seiner Gründung 1680 werden die Weine hier in großen, alten Fuderfässern ausgebaut, im größten Fasskeller an der Mosel. 1880 wurde der neue Keller gebaut, in dem die Weine noch heute vergären und reifen. Große Fässer machen, im Gegensatz zu Stahltanks, höllische Arbeit. Dafür bringt diese Form der Lagerung einen sehr individuellen Weinstil hervor.

Auch die Etiketten, die seit 100 Jahren nahezu unverändert sind, belegen: die Richters sind Traditionsjunkies, und diese Philosophie gilt auch für die Weine. Riesling ist das Thema des Hauses – aber nicht irgendwelcher, sondern solcher mit fein ausgependelter Restsüße. "Für uns sind die Fässer mehr als ein Behältnis, sie sind ein Werkzeug, um den Charakter der Lagen individuell zum Ausdruck zu bringen", beschreibt Constantin Richter den Stil des Hauses. "Dabei setzen wir konsequent auf spontane Gärung, verzichten also auf zugesetzte Hefen." Das ist ein Wort! Winzer, die so arbeiten, sind keine Kontrollfreaks, sondern akzeptieren, dass oft ein guter Teil unvergorener, natürlicher Süße im Wein zurückbleibt. So entstehen wahre Charakterköpfe mit acht, neun Prozent Alkohol, die zwar alles andere als in Mode sind, aber leicht und delikat. Das ist der unverwechselbare, typische Moselstil, heute so gut wie ausgestorben. Traubensäfte, die mit zugesetzten Hefen versetzt werden, können viel leichter zu trockenen Weinen vergären.

"Unser Exportanteil liegt bei 75 Prozent. Engländer, Amerikaner und Japaner schätzen den klassischen Moselstil mehr als die Deutschen", sagt Constantin Richter und holt Flaschen aus dem kühlen Keller, um die aktuelle Kollektion vorzustellen. Mit seinem Exportanteil ist das Weingut nicht allein, der süße Riesling findet im Ausland stärkeren Absatz als der trockene Stil. Zu den bekanntesten Süß-Riesling-Hütern der Region gehören die Schubert’sche Gutsverwaltung, J. J. Prüm, Müller-Scharzhof und das Weingut Witwe Thanisch Erben. 

Beim Weingut Richter, diesem Fels in der Brandung, wächst der Riesling in rund 20 Hektar Steillagen. Im Stammhaus selbst gibt es viele reife Rieslinge vergangener Jahrgänge zur Auswahl – zehn, 20 Jahre alte Weine bietet Richter fast zum Listenpreis des aktuellen Jahrgangs an. Aber schon der erste Wein, den wir probieren, haut uns um. Nicht wegen des Alkohols, sondern wegen seiner ungeheuren Leichtigkeit und seinem verlockenden Rieslingduft. Mit der aromatischen Kraft von Birne, Maracuja und Ananas rinnt der spritzige Zischer die Kehle hinab und trägt mich aus dem engen Moseltal hinaus in Raum und Zeit.