Mit den Schirmchen kam der Untergang. Oder nein: Eigentlich war es um die Berliner Weiße schon geschehen, als man ihr in den Sechzigern Cocktailschmuck und Strohhalm verpasste. Heute ist sie nur noch ein Spaßdrink in Rot, Grün und Süß.

Der langsame Tod des Traditionsgetränks, das einmal ganz Norddeutschland und 90 Prozent des Berliner Biermarktes beherrschte und den vornehmen Namen Campagne du Nord trug, fing bereits um 1900 an. In den Zwanzigern kippte man zum ersten Mal Himbeer- und Waldmeistersirup hinein. Ein Marketinggag. Der sollte verhindern, dass das altbewährte Berliner Sauerbier von den Bieren bayerischer Brauart, den Untergärigen, verdrängt wird.

"Neumodischer Werbeschwachsinn von vor hundert Jahren", sagt Andreas Bogk achselzuckend und spült ein langstieliges Glas aus. Darauf zu sehen ist er selbst in Strichmännchenoptik: Pferdeschwanz, Brille, kantiges Kinn. Der 38-jährige Berliner ist Informatiker, Hacker, Spezialist für IT-Security und Mitglied des Chaos Computer Clubs. In seiner Freizeit aber hat Bogk (mit langem O, wie er betont) sich der Rettung der Berliner Weiße verschrieben. Deren Wiederbelebung eigentlich. Denn von einst über 100 Weiße-Brauereien in der Hauptstadt ist gerade mal eine einzige geblieben: die Berliner Kindl-Weiße, die aus der Schultheiss-Brauerei in Alt-Hohenschönhausen kommt und wie fast alle Berliner Biermarken zu Radeberger und damit zur Oetker-Gruppe gehört.

In einem Kreuzberger Hinterhof-Souterrain hat Bogk eine winzige Brauerei eingerichtet, zwei 20 Liter Gärkessel, stapelweise Kartonagen, Holzkästen und leere Flaschen, große Töpfe und jede Menge Werkzeug liegen herum. Bogk dreht vorsichtig das Ventil eines großen Plastikkanisters auf. Hellgelbes, schaumloses Bier fließt in das Glas. Noch nicht ganz fertig, müsste noch etwas reifen. Die Weiße schmeckt angenehm säuerlich. Ein bisschen nach Molke. Sie ist weder bitter noch malzig, hat gerade mal 2,5 Prozent Alkohol. Und im Vergleich zur "normalen" Weißen? Schwer zu sagen. Wer trinkt die schon, außer den Berlin-Touristen? Und noch dazu so ganz ohne Schuss.

"Die Kindl-Weiße wird heute nicht mehr nach dem Originalrezept gebraut", sagt Bogk, während er einen Schluck aus demselben Glas probiert und zufrieden nickt. "Zugunsten der industriellen Produktion fanden da einige Vereinfachungen statt." Und die schmecke man. Beziehungsweise: Die schmecke man eben gerade nicht. "Aus wirtschaftlichen Erwägungen wurde die schlechtestmögliche Berliner Weiße am Leben erhalten." Ihr fehlt eine entscheidende Zutat, das gewisse Etwas: die Brettanomyces, ein Mikroorganismus, der neben der gewöhnlichen Gärhefe der Berliner Weißen ihren Geschmack verleiht.

Käme "die Brett", wie Brauer sagen, im Sudhaus oder auf der Abfüllstraße in Berührung mit anderen Bieren, Pils oder Lager etwa, würde sie diese verderben. Deshalb verzichtet man bei der industriellen Bierproduktion lieber darauf. Nachdem in Deutschland kaum noch mit Brett gearbeitet wird, war es für Bogk gar nicht so leicht, sie zu bekommen, als er vor drei Jahren beschloss, ohne Ausbildung oder besondere Vorkenntnisse Bier zu brauen. "Wenn man keinen bestimmten Stil treffen oder etwas Reproduzierbares brauen will, ist das vergleichsweise einfach."