Obwohl das Café Strauss mitten im quirligen Berliner Bergmannn-Kiez liegt, lassen die Gäste ihren Blick über grüne Wiesen und in goldgelbe Kronen herbstlicher Bäume schweifen. Wann immer die Sonne noch ein wenig Wärme gibt, ist es voll unter den verwitterten Backsteinbögen auf der Veranda des Strauss. Hier sitzen Anwohner, Flaneure, Touristen und Friedhofsbesucher zusammen. 

Denn das Café liegt abseits der Straße direkt auf dem Friedrichswerderschen Friedhof in Kreuzberg, wo unter anderem der Mediziner Johann Friedrich Dieffenbach und der Architekt Hermann Weigand begraben sind. Martin Strauss, ebenfalls Architekt, hat sein Büro in einem der Friedhofsgebäude.

Als der Friedhofsverband die Idee hatte, die leerstehende Aufbahrungshalle in ein Café umzuwandeln, nutzen Strauss und seine Frau Olga, eine gelernte Kaffeerösterin, die Chance, sich selbstständig machen. Ihr Vorbild war das erste Friedhofscafé Berlins, finovo. Ihr eigenes Café liegt nun keine zehn Meter von den Grabsteinen entfernt, an einem der ruhigsten Orte der Hauptstadt.

Die Eheleute wollen in erster Linie ein gutes Café betreiben. Sie rösten ihren Kaffee selbst, bis die schlicht, aber fein sanierte Aufbahrungshalle nach Bohnen duftet, sie servieren Biobier und Vollkornbrote mit Ruccolapesto. Fast immer ist es voll. Spaziergänger und Friedhofsbesucher sitzen mit Anwohnern und Touristen auf der Veranda.  

Mehr und mehr Friedhöfe öffnen sich auf neue Weise für die Lebenden. So entstehen immer öfter Cafés auf Friedhöfen, und sogar die Kirchenleute sind einverstanden: Der Friedhof sei schließlich schon immer ein "sehr öffentlicher Ort" gewesen, sagt Pfarrer Jürgen Quandt, Geschäftsführer des evangelischen Friedhofsverbands in Berlin-Mitte, der mehr als 40 Friedhöfe in der Hauptstadt verwaltet.

Nicht nur im atheistischen Berlin gibt es diese neuen Orte im Grünen, auch in anderen Städten Deutschlands eröffnen Friedhofscafés: Rückzugsplätze vom Großstadtgewühl und Alltagsgeschehen, stille, schattige Orte, umgeben von einer Aura der Vergänglichkeit. Auf dem Münchener Ostfriedhof soll demnächst ein neues Café entstehen, in Düren und Neumünster haben neue Angebote den Betrieb bereits aufgenommen.

Friedhofsträger müssen umdenken

Die Friedhofscafés eröffnen auch deshalb vermehrt, weil die Friedhofsträger in ganz Deutschland umdenken müssen. Die Zahl der herkömmlichen Begräbnisse – ein Sarg, ein Grab, ein Grabstein – sinkt seit Jahren. Viele Familien leben heute weit verstreut, und oft will die ältere Generation der jüngeren die Kosten für die Pflege eines konventionellen Grabes nicht mehr aufbürden. Stattdessen steigt die Zahl der Feuerbestattungen wie Urnengemeinschaftsgräber, Begräbnisse im Wald und auf hoher See.