Die Kogeschäftsführerein Susanne Horn © Nina-Anika Klotz

Susanne Horn hatte noch keinen Finger gerührt, da war die Branche schon auf der Palme. Der neue Geschäftsführer von Lammsbräu: eine Frau! Noch dazu eine junge! Entsetzt waren die deutschen Bierbrauer, vor allem die Älteren. Nicht aus der Familie, nicht einmal eingeheiratet, sondern eine Externe, angestellt von Franz Ehrnsperger, dem Leiter des Familienunternehmens. Mehr als nur einmal klingelte damals in 2008 sein Telefon. Ob das mit der jungen Frau sein Ernst sei, fragten die ungläubigen Kollegen Ehrnsperger.

Susanne Horn lacht, als sie von ihrem holperigen Start in der Bierbranche erzählt. In Jeans und lockerem Blazer, ungeschminkt, führt sie über das Gelände der Brauerei in Neumarkt in der Oberpfalz. Meterhoch stapeln sich die Bierkisten auf dem Hof, überall riecht es ein bisschen nach Brotteig, im Sudhaus beenden die Brauer gerade ihre Schicht, spritzen Gärtanks sauber und grüßen artig die Chefin. Trotz ihres natürlichen Lachens merkt man, dass Susanne Horn das Misstrauen der anderen damals zu schaffen gemacht hat. So viel Gegenwind hatte sie nicht erwartet. "Bevor ich 2008 hier anfing, habe ich in der Immobilienbranche gearbeitet. Ich war das Arbeiten in einer männerdominierten Branche gewöhnt. Aber in der Brauwelt ticken die Uhren noch mal deutlich anders."

Die einzige Möglichkeit, sich bei Mitarbeitern und Konkurrenz Akzeptanz zu verschaffen, sah die 39-Jährige darin, so tief wie möglich in die Materie einzusteigen. Sie wollte den Skeptikern auf Augenhöhe begegnen können. Deshalb stellte sie Ehrnsperger eine Bedingung: Sie würde die Leitung von Lammsbräu übernehmen, aber nur, wenn er ihr Zeit gäbe, das Handwerk zu lernen. Ein Jahr lang trug die Betriebswirtin jeden Tag Latzhosen und Gummistiefel, fegte Treber aus Braukesseln und schippte Malz. Neben einer Menge Fachwissen verschaffte das Selberbrauen der Bayerin Respekt. Dann erst bezog sie ihr Büro im Verwaltungsgebäude der Brauerei, einer von gerade mal drei reinen Biobrauereien in Deutschland. 

Besseres Bier dank Bioweizen

Genau darum ging es Susanne Horn bei ihrem Wechsel aus der Immobilien- in die Bierbranche: um den Bioaspekt. Von dessen Potenzial war sie von Anfang an überzeugt. "Ich selbst komme aus einem Biohaushalt", erzählt sie. "Allerdings hatte bio früher – nicht nur bei meinen Eltern – immer etwas Asketisches. Das Müsli hat man gegessen, weil es gesund war. Um Geschmack oder gar Genuss ging es da nicht. Das ist heute anders."

Die Familie der alkoholfreien Lammsbräu-Getränke © Nina-Anika Klotz

Lange bevor öko hip war, hatte ihr Vorgänger die 350 Jahre alte Brauerei im Jahr 1977 auf bio umgestellt. Franz Ehrnsperger fand damals, dass die Qualität des bayerischen Bieres nachließ. Die Rohstoffe wurden schlechter, vor allem der Weizen. Mit Biozutaten wollte Ehrnsperger einfach wieder besseres Bier brauen. Bis zur Verwirklichung dieser Idee sollte es dann noch zehn Jahr dauern: Erst 1987 braute Lammsbräu den ersten Sud Biobier. Doch von da an bald nichts anderes mehr.        

Der Chef, der eine Frau ist, hat diese Geschichte nach 2008 weitergedacht, vor allem für die Großstädte. Sie erkannte, dass das Lammsbräuer Biosiegel mit seiner überzeugenden, langen Tradition dahinter ordentlich was wert ist in einem Marktsegment, dessen Umsatz sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht hat. Dank ihr gibt es Lammsbräu heute in fast allen großen Biosupermärkten, in Szenecafés und sogar einigen Nobelrestaurants in Hamburg-Ottensen, dem Münchner Glockenbachviertel und Berlin-Prenzlauer Berg.