Jeden Morgen, wenn ich in den Stall komme, sind zwei oder drei Neugeborene zur Welt gekommen. Jetzt, am Ende des Winters, bekommen unsere Milchschafe und Milchziegen Nachwuchs und das, anders als etwa Kühe, etwa zur gleichen Zeit. Meistens geht es alleine, doch oft muss ich mit anfassen. Manchmal komme ich auch zu spät und ein Junges ist bei der Geburt gestorben.

In der Bresse in Ostfrankreich führen meine Frau und ich einen Öko-Hof. Ein Bild aus der Themenwoche Veganismus ist mir immer noch in Erinnerung: das Foto einer Bäuerin, die ein Kalb mit der Flasche füttert. Solche Fotos könnten dieser Tage auch in unserer Küche entstehen. Das Foto war mit folgender Bildunterschrift versehen: "Diese Bäuerin scheint ihren Tieren Liebe entgegenzubringen, aber das Kalb ist zum späteren Verzehr bestimmt."

Sind Tierliebe und das Halten von Nutztieren ein Widerspruch? Auch wir als Landwirte empfinden Respekt und Zuneigung für unsere Tiere. Trotzdem sind sie für uns Produktionsmittel. Ja, das ist ein Widerspruch, aber einer, den wir aushalten müssen. Als Produzenten und als Gesellschaft, wenn wir denn Fleisch und Milchprodukte konsumieren wollen.

Ich halte Veganismus für eine verständliche Reaktion auf moderne Massentierhaltung. Moderner Fleischkonsum ist zu hoch und zu gedankenlos. Aber Veganismus ist auch das Ergebnis einer totalen Entfremdung der Stadtmenschen von der Landwirtschaft.

Bauernhöfe waren nie eine heile Bilderbuchwelt, denn in Bilderbüchern gibt es in der Regel keinen Tod. Auf unserem Hof sind wir Menschen Herr über Leben und Tod – wir müssen es sein. Wir entscheiden welche Jungtiere wir aufziehen und in die Herde integrieren und welche wir schlachten. So funktioniert Zucht und ohne Zucht gäbe es keine Nutztierrassen.

Für mich bedeutet die enorme Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, die der Mensch gezüchtet hat, von Brokkoli bis hin zum Milchschaf, eine gewaltige Kulturleistung, die den Werken aus anderen Bereichen menschlichen Schaffens wie Kunst, Wissenschaft oder Literatur in nichts nachsteht.

Seit Jahrtausenden praktiziert der Mensch Landwirtschaft. Für den allergrößten Teil dieser Zeit gehörten Tierhaltung und Pflanzenanbau zusammen. Diese gemischte Landwirtschaft hat eine Kulturlandschaft hervorgebracht, die ein reichhaltiges Habitat für wilde Pflanzen und Tiere bietet. Außerdem ist sie ästhetisch befriedigend für die Menschen, die in dieser Landschaft leben.

Moderne, industrialisierte Landwirtschaft hingegen trennt Tierhaltung und Pflanzenbau und schafft große Anlagen für Massentierhaltung und monotone Landschaften. So verwandelt sie die Kulturlandschaft, in der wir leben, in ein Industriegebiet. Dabei gehen nicht nur unser Respekt vor den Tieren verloren, sondern auch viele landwirtschaftliche Techniken, die nicht an die industrialisierte Massenproduktion angepasst sind.

Wenn wir eine Landwirtschaft wollen, die Tier und Natur mit Respekt behandelt, dann brauchen wir einen offenen und kritischen Dialog darüber, wie Lebensmittel hergestellt werden. Und die Verbraucher müssen bereit sein, faire Preise für landwirtschaftliche Produkte zu bezahlen.