Veganismus : Wir Landwirte, Herren über Leben und Tod

Tierliebe verträgt sich nicht mit der Zucht von Nutztieren. Aber diesen Widerspruch müssen wir aushalten, wenn wir Fleisch und Milchprodukte konsumieren wollen.
Ein Lamm mit seiner Mutter © David Ebener/dpa

Jeden Morgen, wenn ich in den Stall komme, sind zwei oder drei Neugeborene zur Welt gekommen. Jetzt, am Ende des Winters, bekommen unsere Milchschafe und Milchziegen Nachwuchs und das, anders als etwa Kühe, etwa zur gleichen Zeit. Meistens geht es alleine, doch oft muss ich mit anfassen. Manchmal komme ich auch zu spät und ein Junges ist bei der Geburt gestorben.

In der Bresse in Ostfrankreich führen meine Frau und ich einen Öko-Hof. Ein Bild aus der Themenwoche Veganismus ist mir immer noch in Erinnerung: das Foto einer Bäuerin, die ein Kalb mit der Flasche füttert. Solche Fotos könnten dieser Tage auch in unserer Küche entstehen. Das Foto war mit folgender Bildunterschrift versehen: "Diese Bäuerin scheint ihren Tieren Liebe entgegenzubringen, aber das Kalb ist zum späteren Verzehr bestimmt."

Sind Tierliebe und das Halten von Nutztieren ein Widerspruch? Auch wir als Landwirte empfinden Respekt und Zuneigung für unsere Tiere. Trotzdem sind sie für uns Produktionsmittel. Ja, das ist ein Widerspruch, aber einer, den wir aushalten müssen. Als Produzenten und als Gesellschaft, wenn wir denn Fleisch und Milchprodukte konsumieren wollen.

Ich halte Veganismus für eine verständliche Reaktion auf moderne Massentierhaltung. Moderner Fleischkonsum ist zu hoch und zu gedankenlos. Aber Veganismus ist auch das Ergebnis einer totalen Entfremdung der Stadtmenschen von der Landwirtschaft.

Bauernhöfe waren nie eine heile Bilderbuchwelt, denn in Bilderbüchern gibt es in der Regel keinen Tod. Auf unserem Hof sind wir Menschen Herr über Leben und Tod – wir müssen es sein. Wir entscheiden welche Jungtiere wir aufziehen und in die Herde integrieren und welche wir schlachten. So funktioniert Zucht und ohne Zucht gäbe es keine Nutztierrassen.

Für mich bedeutet die enorme Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, die der Mensch gezüchtet hat, von Brokkoli bis hin zum Milchschaf, eine gewaltige Kulturleistung, die den Werken aus anderen Bereichen menschlichen Schaffens wie Kunst, Wissenschaft oder Literatur in nichts nachsteht.

Seit Jahrtausenden praktiziert der Mensch Landwirtschaft. Für den allergrößten Teil dieser Zeit gehörten Tierhaltung und Pflanzenanbau zusammen. Diese gemischte Landwirtschaft hat eine Kulturlandschaft hervorgebracht, die ein reichhaltiges Habitat für wilde Pflanzen und Tiere bietet. Außerdem ist sie ästhetisch befriedigend für die Menschen, die in dieser Landschaft leben.

Moderne, industrialisierte Landwirtschaft hingegen trennt Tierhaltung und Pflanzenbau und schafft große Anlagen für Massentierhaltung und monotone Landschaften. So verwandelt sie die Kulturlandschaft, in der wir leben, in ein Industriegebiet. Dabei gehen nicht nur unser Respekt vor den Tieren verloren, sondern auch viele landwirtschaftliche Techniken, die nicht an die industrialisierte Massenproduktion angepasst sind.

Wenn wir eine Landwirtschaft wollen, die Tier und Natur mit Respekt behandelt, dann brauchen wir einen offenen und kritischen Dialog darüber, wie Lebensmittel hergestellt werden. Und die Verbraucher müssen bereit sein, faire Preise für landwirtschaftliche Produkte zu bezahlen.

Kommentare

226 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

Was ist denn so toll an Kleinbetrieben?

Sie schreiben:
"Für die Erhaltung der Struktur, viele kleine bäuerliche Betriebe zu haben, sollten die Subventionen bleiben."

Wieso soll es gut sein, dass Betriebe so klein sind? Wenn etwas in größeren Einheiten günstiger geht, sollte man es auch in größeren Einheiten organisieren!

Zu
"Man könnte sie aber z.B. deckeln, dass sie ab 150 Hektar (z.B.) gedeckelt sind, also nicht ohnehin riesige Unternehmen oder die ohnehin sehr Wohlhabenden der Geselschaft Subventionen einstreichen."

Naja, große Betriebe müssen ja nicht wenigen gehören. Dafür gibt es Rechtsformen wie Aktiengesellschaften, die es erlauben, dass sehr vielen Menschen kleine Teile von Betrieben gehören.

Gerade bei Kleinbetrieben (die dennoch weit mehr an Land und Gerät besitzen müssen, als einem durchschnittlichen Privatvermögen entspricht) ist verteiltes Eigentum hingegen schwierig.

Gerade wenn man keine Strukturen will, die stark ungleich verteilten Besitz erzwingen, sollte man daher nicht für eine besondere Förderung von Kleinbetrieben sein!

Eher man kleinteilige Landwirtschaft in dem Sinne fördern, dass nicht auf zu großen zusammenhängenden Flächen gleichzeitig die gleichen Früchte angebaut werden. Das spielt sowohl für's Landschaftsbild als auch für die Biodiversität eine wichtigere Rolle als die Betriebsgröße.

Das ist nur die übliche Ausrede

um sein Gewissen zu beruhigen. Der Mensch ist nicht perfekt und wird es nie sein aber er hat DIE WAHL ob er ein blutrünstiges Raubtier" sein will oder Vernunft und Mitgefühl zeigt und zumindest Ausgewogenheit bewahrt.

Das was im Moment an Grausamkeit in der Massentierhaltung abläuft ist schlichtweg VÖLLIG MENSCHENUNWÜRDIGundnicht mehr zu rechtfertigen schon gar nicht mit der steinzeitlichen Begründung... wir haben schon immer Fleisch gegessen nur mussten wir es jagen.. einfach abzutun.

Die Natur ist übrigens nicht grausam.Wilde fleischfressende Tiere fressen nur wenn sie Hunger haben und zwar roh.Die natur regelt alles nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Selbst wenn ich davon ausgehen würde, dass der Mensch Allesfresser ist, was nicht stimmt, der Mensch verdaut kein Fleisch, es verwest im langen Darm, MÜSSEN wir HEUTE kein Fleisch und auch keine Milchprodukte mehr essen.

Wir benötigen kein tierisches Eiweiß und wir leiden an keinem generellen Nahrungsmangel der Fleischkonsum und diese extrem grausame Nutztierhaltung und- züchtung notwendig machen würde.

Ich bin auch kein Veganer nicht mal "reinrassiger" Vegetarier, denn ich kratze mir nicht die Salami von der Pizza wenn ich eingeladen bin und Milchprodukte die ich eh nicht so mag hol ich mir ab und zu vom Biobauern direkt. Da kriegt die Hochleistungskuh immerhin aller 3 Jahre ne Auszeit vom ausgesaugt werden.....