Trägt man das jetzt so? Die Großstadt-Jäger

Es gibt einen Lichtblick im Regenwetter: Mit welchen Gummistiefeln man sich auch im November wie die Queen fühlt, erklärt unsere Modekolumnistin Antje Wewer.

Früher dachte ich, dass es einen Grund geben müsse, um bestimmtes Schuhwerk zu tragen. Eine Bergtour, ein Strandspaziergang, prasselnder Regen. Ich war der Meinung, dass Wanderschuhe genauso wenig in der Stadt verloren haben wie Badelatschen im Büro. Und dass man Gummistiefel anzieht, wenn man die Rüben vom Acker holt oder Helen Mirren heißt und als Queen Elizabeth in dunkelgrünen Wellington Boots über die schottischen Hügel von Balmoral wandert.

Plantschin' in the rain: nur bitte nicht in rosafarbenen Gummistiefeln!

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Dann tauchte Kate Moss beim Glastonbury Festival in schwarzen, matschverschmierten "Hunter"-Gummistiefeln zum Jeans-Mini auf und prägte den ultimativen Festival-Chic. Wir bewunderten kollektiv ihre schlanken Ponybeine in den Kautschukbotten und schüttelten den Kopf über die modeverrückten Engländer und ihr schlechtes Wetter. Der eine oder andere Kate-Moss-Fan dachte sicher heimlich darüber nach, sich auch ein Paar zuzulegen. Um dann festzustellen, dass deutsche Gummistiefel aussehen, als seien sie für Kolchose-Arbeiter gemacht. Praktisch und absolut formlos.

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Die "Hunter"-Gummistiefel hingegen habe eine elegante Kappe, einen kleinen Absatz und an der Seite eine kecke Schnalle. Als ich mir diesen Sommer ein dunkelblaues Paar aus England mitbringen ließ, zog ich sie nicht an, sondern stellte sie dekorativ in meinen Flur. Ein Freund von mir rügte das auffällige rotweiße Label am oberen Ende des Stiefels. Er ist der Ansicht, dass es genauso peinlich ist, wie ein kleines Krokodil auf dem Polo-Shirt zu tragen. Vermutlich hat er Recht, ohne das Label wären die Stiefel nur halb so interessant. Aber der Name ist eben auch verdammt gut: Hunter, Jäger, wollen wir doch alle sein. Egal, ob wir auf dem Land leben oder in der Großstadt. Irgendwas jagt man doch immer.

Dennoch wartete ich geduldig auf einen Grund, die Stiefel zu tragen. Den Herbst, den Regen, das Laub. Doch plötzlich sah ich im Spätsommer "Hunter"-Gummistiefel in Hellblau und Rosé, Giftgrün und Schlangenprint in den Boutiquen stehen. Die irren Farben erinnerten mich an die Birkenstock-Latschen-Offensive in Silber, Gold und Lack.

Trägt man das jetzt so?
Alle Modekolumnen von Antje Wewer zum Nachlesen

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Die Verniedlichung eines Klassikers ist eine Sünde, die sich nicht Designer, sondern Marketing-Menschen ausdenken. Leider ging das Konzept auf. Gummistiefel poppen dieser Tage wie lustige Smarties im Straßenbild auf – ganz egal, ob es regnet. Sie werden auch bei Sonnenschein über Hosen getragen, zu langen Röcken und mit Leggings zum Mini. Hundelose Frauen stiefeln mit babyblauen "Hunter"-Stiefeln ins Büro und können noch nicht einmal behaupten, sie wären gerade noch mit ihrem Köter im Wald gewesen. Und keiner fragt: "Warum trägst du bei diesem Wetter Gummistiefel?"

Ich dagegen übe mich in britischer Zurückhaltung und warte auf den perfekten Wolkenbruch.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Kolchose-Arbeiter ist wohl eher ein Kolchosbauer, Frau wewer, da es sich bei einem Kolchos um eine landwirtschafliche Genossenschaft handelt.

    • luccas
    • 06.12.2009 um 20:11 Uhr

    Wenn man seine Gräten in diese "lustigen Smartie-Stiefel" steckt, stinken die Dinger nach ner Stunde wie eine verfaulte Katze. Und hat Dame einen Mini an, schaut sie aus, wie Popeyes Freundin Olive Oil.

  2. 3.

    Ich weiß ja nicht, ob die Autorin schon jemals auf einem Festival war, aber Gummistiefel bei Festivals zu tragen, war keine Erfindung von Kate Moss.

    • pekka
    • 16.01.2010 um 13:53 Uhr

    vor allem, wenn sie stabil sind, dann noch stahlkappe und durchtrittsichere sohle, achja säure/öl etc. fest und das ganze in gelb, ich liebe sie, einfach praktisch...;-)

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