Mode und soziale Netzwerke Mein Freund, die Marke

Das Traditionslabel Boss hat einen Modelwettbewerb auf Facebook veranstaltet. Ein Beispiel dafür, wie Luxusmarken versuchen, Social Media für sich zu nutzen.

Laien auf dem Laufsteg: Auf Facebook suchte der Modekonzern Boss zwei nichtprofessionelle Models für die Berlin Fashion Week

Laien auf dem Laufsteg: Auf Facebook suchte der Modekonzern Boss zwei nichtprofessionelle Models für die Berlin Fashion Week

Boss ist einer der traditionsreichsten Modekonzerne in Deutschland. Seine Werbung und seine Verkaufsräume sind klassisch und elegant – so wie seine Anzüge und Kleider. Nun hat das Unternehmen einen Modelwettbewerb auf Facebook veranstaltet. Gesucht wurden zwei nichtprofessionelle Models, die auf der Boss-Schau während der Berlin Fashion Week laufen sollen. Zehn Bewerber sind in die engere Auswahl gekommen, zwei davon durften die Facebook-User selbst wählen.

Models sind die Gesichter eines Modelabels. Daher fragt man sich, warum ein Konzern plötzlich zwei Normalos auf den Laufsteg schickt. Es gibt einen Trend zur Natürlichkeit, wie die Zeitschrift Brigitte mit ihrem Verzicht auf professionelle Models gerade vorgemacht hat. In erster Linie aber ist die Boss-Aktion der weitere Versuch einer Luxusmarke, in der Welt der sozialen Netzwerke Fuß zu fassen. Seit einigen Monaten kann man verstärkt beobachten, wie die Modebranche versucht, das nachzuholen, was sie in den vergangenen zehn Jahren verpasst hat. 

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Lange Zeit fürchteten Luxuskonzerne, dass sie durch eine zu große Öffnung für die breite Masse ihre Exklusivität einbüßen würden. Doch spätestens seit etablierte Modehäuser wie Escada aufgekauft wurden und Lacroix Bankrott anmelden musste, denkt die Branche um.

So forderte etwa das britische Traditionslabel Burberry junge Menschen auf, Bilder von sich im Trenchcoat auf der firmeneigenen Seite artofthetrench.com zu veröffentlichen. Innerhalb einer Woche seien 200.000 Bilder eingegangen, berichtete der Chefdesigner Christopher Bailey im November auf der Luxuskonferenz "Techno Luxury" in Berlin. Die Botschaft, die Burberry vermitteln will: Unsere Marke ist überall auf der Welt zu finden, die Studentin in Hamburg trägt sie ebenso wie der Artdirector in Tokyo. Jeder kann an unserem Label teilnehmen. Wir machen Mode zum Mitgestalten.

"Die Konzerne haben ihre Hemmungen verloren", sagt Bert Rösch von der Fachzeitschrift Textilwirtschaft. "Vor allem haben sie erkannt, dass es ohne das Internet als Werbeplattform nicht mehr geht." Zeitungsanzeigen und Beilagenwerbung funktionieren bei der jungen Zielgruppe nicht mehr so wie früher. Selbst Fernsehwerbung erreicht nicht mehr genug potenzielle Kunden.

Konsumentenbefragungen zeigen vielmehr, dass Menschen bei einer Kaufentscheidung am meisten dem Rat ihrer Freunde vertrauen. Daher liegt es nahe, sich auf einem Portal wie Facebook zu platzieren, das mittlerweile 300 Millionen Menschen nutzen. Etwa acht Millionen User werden täglich "Fan" einer Marke. Hugo Boss hat derzeit rund 200.000 Fans auf Facebook, Prada 300.000, Dolce & Gabbana 430.000, Chanel 540.000. Spitzenreiter ist Louis Vuitton mit mehr als 780.000 Fans.

"Wird ein Konsument Fan einer Marke, begeht er einen folgenschweren Schritt", sagt Klaus Heine, Experte für Luxusmarkenmanagement an der TU Berlin: "Er verbindet sich ganz offiziell mit ihr, denn seine Entscheidung ("Klaus became a fan of Gucci - the official page") wird sofort all seinen Freunden mitgeteilt." Konsumenten verbänden sich mit den Marken wie mit ihren Freunden, "und so werden auch die Marken zu Freunden", sagt Heine.

 Auch als Zielgruppe sind die Nutzer sozialer Netzwerke für Luxuskonzerne nicht zu vernachlässigen. Immerhin machen diese mittlerweile ihren größten Umsatz mit Accessoires wie Gürteln, Taschen, Parfums oder Sonnenbrillen. Und die können sich auch jüngere Konsumenten leisten.

Die Unternehmen können auf ihren Seiten außerdem umsonst Marktforschung betreiben. Aus den Kommentaren der Fans entnehmen sie direkt die Reaktionen auf ihre Produkte. Was gefällt ihnen? Was vermissen Sie? Welche Anzeigen sprechen sie an? Außerdem: Wo sonst nutzen die Konsumenten freiwillig ihre eigenen Kommunikationsmittel, um Informationen über eine Marke weiterzutragen?

Social-Network-Aktivitäten sind allerdings nicht für jede Luxusmarke geeignet. Klaus Heine unterscheidet zwischen sogenannten Kennermarken und globalen Luxusflagschiffen: "Kennermarken sind für eine kleine, feine Zielgruppe bestimmt, die es genießt, etwas Besonderes zu konsumieren, das andere nicht kennen und erkennen. Aggressive Kommunikation und die Ausweitung der Kundschaft kann diese Stammkundschaft verschrecken und zum Untergang der Marke führen." Globale Luxuskonzerne wie Louis Vuitton, Dior und Gucci strebten dagegen nach größtmöglicher Bekanntheit ihrer Marken und Produkte, weil sie dadurch ihren Kunden das erwünschte Prestige ermöglichen.

Die Herausforderung für diese Konzerne liegt nach Heines Ansicht darin, das Merkmal der Exklusivität in die Online-Welt zu transportieren. "Luxus-Kennermarken könnten zum Beispiel einen exklusiven "Klub" schaffen, dem nur ausgewählte Mitglieder mit Einladung beitreten dürfen." Eine ähnliche Strategie verfolgt bereits Mercedes Benz.

"Der entscheidende Erfolgsfaktor von Social-Media-Marketing ist, etwas Neues und Überraschendes zu bieten, sagt Heine. "Ansonsten fehlt der Anreiz für die User, diese Informationen viral zu verbreiten."

Die Facebook-Kampagne von Boss schätzt Heine grundsätzlich als positiv ein, wenn auch nicht "besonders kreativ". Tatsächlich fielen die Reaktion auf den Modelwettbewerb ziemlich bescheiden aus angesichts einer Fan-Gemeinde von 200.000 Menschen. Innerhalb eines Monats bewarben sich nur 1700 Männer und Frauen.

 
Leser-Kommentare
  1. wie Zeitungen Werbung plazieren...
    Man hätte für den Artikel nämlich auch auf den Markennamen verzichten können.

  2. Werbung bis zum Abwinken, kostenlose Marktforschung und Sonderaktionen. Jeder nach seinem Geschmack, gerne Clubs für die Fans, aber bitte keine unangeforderten Seitenbanner mehr, die einem ständig in den Weg treten und weggeklickt werden wollen. http://viereggtext.blogsp...

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