Über den unscheinbaren Eingang in der Münzstraße 10 gelangt man durch ein dunkles, kaputtes Berliner Treppenhaus in das Studio von Johanna Perret, 26 und Tutia Schaad, 27. Die beiden haben die weiträumige Altbauwohnung liebevoll zu einem hellen Atelier umfunktioniert: An den Wänden hängen Stoffmuster in matten Pudertönen und handgeschriebene Notizen. Schnittmuster und Probestücke sind auf den Tischen verstreut. Die weiße Farbe auf den Dielen ist etwas zerkratzt von den Kleiderständern und der mit grob zusammengenähtem Nesselstoff bekleideten Anziehpuppe. Die Szenerie lässt erahnen, wie die erste gemeinsame Kollektion von Perret Schaad auf der Berlin Fashion Week aussehen könnte.

Es ist ein großer Schritt für die beiden jungen Frauen: Im vergangenen Jahr erst schlossen sie ihr Modedesign-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ab, nun haben sie ihren ersten gemeinsamen Auftritt während der Berliner Modewoche. Einer ihrer ehemaligen Mitstudenten, Michael Sontag, hatte mit seiner Schau bei der letzten Fashion Week im Sommer sogar die Aufmerksamkeit der berühmten Modekritikerin Suzy Menkes auf sich gezogen. Er war der einzige Berliner Designer, den Menkes persönlich erwähnte. Seine Schau sei "herausragend" gewesen.

Wie Sontag, so haben auch Perret und Schaad bereits Erfahrungen bei großen Haute-Couture-Häusern wie Givenchy oder Gaspard Yurkievich gesammelt. Firmen, die für hohe Verarbeitungsqualität stehen. "Genau wie wir", sagt Tutia Schaad selbstbewusst.

Wegen ihres klaren Stils und ihrer Vorliebe für helle Farben wurden Perret und Schaad schon als "Töchter Jil Sanders" bezeichnet. Einige ihrer Entwürfe erinnern tatsächlich an die frühe Jil Sander, den Minimalismus von Yves Saint Laurent oder den aktuellen architektonischen Stil von Michael Kors.

Doch Perret und Schaad wollen sich nicht auf eine bestimmte Inspirationsquelle festlegen lassen. "Unser Umgang mit Formen, Schnitten und Stilen ist sehr frei und innovativ", sagt Perret. Beide legen Wert darauf, dass ihre Arbeit von den verschiedensten Einflüssen geprägt ist. Schaad ist in Vietnam geboren, in der Schweiz und Deutschland aufgewachsen, Perret in Frankreich und Deutschland. Seit fünf Jahren ist Berlin für sie zur Heimat geworden.

Die beiden Designerinnen kennen sich zwar schon seit ihrem Studium, die Kollektion, die sie auf der Fashion Week präsentieren, ist jedoch ihre erste gemeinsame Arbeit. "Natürlich kommt es vor, dass Tutia diesen Stoff mag und ich jenen", sagt Perret. "Wir überzeugen uns dann gegenseitig von unseren Ideen und treffen uns in der Mitte." Während Schaad früher sehr schlichte Kleidungsstücke aus fließenden Stoffen entworfen hat, experimentierte Perret mit Volumen und extravaganten Formen. In ihrer gemeinsamen Kollektion haben sie sich aneinander angenähert - was beiden gut tut. Perret hat ihren Stil reduziert, Schaad ist mutiger geworden.

 

Bei der Wahl ihrer Stoffe haben die beiden Frauen auf eine ungewöhnliche Kombination gesetzt: neben edlen Materialien wie Seide, Baumwolle, Schurwolle, Angora und Kaschmir verwenden sie technische Textilien, Materialien, die sich anfühlen wie dünne Plastikplanen. Gerade dieser Kontrast verleiht ihren Kleidern den entscheidenden, individuellen Ton.

Perret und Schaad müssen jetzt letzte Entscheidungen treffen, es ist nicht mehr viel Zeit bis zur Premiere. Sie messen Kollektionsstücke und stecken sie ab. Zwei Näherinnen, eine etwas ältere Frau und ihre Tochter, arbeiten konzentriert an den Maschinen. Es herrscht eine entspannte, ruhige Atmosphäre im Atelier. Als ob die beiden schon wüssten, dass sich die Ideen, die sie gemeinsam entwickelt, mühelos auf den Laufsteg entfalten werden. 

Am Donnerstag, 21.1., um 11.30 Uhr zeigen Perret Schaad ihre Kollektion bei der Berlin Fashion Week am Bebelplatz