Sweat Shop Paris Schneidern im Café Couture

Schneidern wie die Profis: Im Sweat Shop in Paris kann man nicht nur Nähmaschinen mieten, man bekommt auch Rat und Unterstützung von Experten aus den großen Modehäusern.

Die Gründerinnen des "Näh-Cafés": Sissi Holleis (re.) und Martena Duss

Die Gründerinnen des "Näh-Cafés": Sissi Holleis (re.) und Martena Duss

Der Laden ist anders. Das sieht man sofort. Mit dem sprichwörtlichen Pariser Chic hat er nichts zu tun. Außen bröckelt das Holz von der Fassade, innen steht eine abgestandene grüne Couch aus den fünfziger Jahren. Sogar an den Tapeten hat man sich zu schaffen gemacht, um den Secondhand-Look zu unterstreichen. In einem gebrauchten Kühlregal wird Bionade angeboten, daneben ein leckerer Kuchen mit der Aufschrift "Sissi’s Gateau au Chocolat“, 4 Euro das Stück.

Eine Leuchtschrift neben dem Eingang kündigt an: Man ist im Sweat Shop. Was nach Fitness-Studio klingt, ist in Wahrheit eine Art Cyber-Café, nur dass die Computer durch Nähmaschinen ersetzt worden sind. Zehn Stück sind entlang der Wände aufgereiht. Man kann sie mieten für sechs Euro pro Stunde. Schneidern und dazu einen Kaffee trinken. Die Gäste haben schon ihre eigene Bezeichnung für den Laden gefunden: Café Couture.

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"Die Idee ist, dass jeder mit einem konkreten Projekt bei uns vorbeischaut“, erklärt die Österreicherin Sissi Holleis, Inhaberin des Ladens, Stilistin und seit 20 Jahren in Paris. Man kann aber auch gleich einen Kurs bei einem Profi buchen. Alle paar Wochen ist ein Mitarbeiter eines großen Modehauses zu Gast im Sweat Shop.

Heute ist es Sandrine Doczekalski, Stilistin bei Sonia Rykiel, dort zuständig für Modellentwicklung und Accessoires. Sie berät Georgia, eine Australierin, die Operngesang studiert und zu Besuch in Paris ist. Sie möchte gerne die altmodischen Kostüme, die sie auf der Bühne tragen muss, ein wenig aufpeppen und bittet Sandrine um modischen Beistand. Eine Schulterkappe soll es werden, die sie zu einem ärmellosen kleinen Schwarzen anziehen kann. Georgia packt ein Stück schwarzes Leder aus und ein paar Vintage-Stoffbänder aus den zwanziger Jahren, die sie auf dem Flohmarkt gefunden hat. 

Doczekalski inspiziert das Leder. "Würde dir das so gefallen?" fragt sie Georgia, während sie ihr das Stück auf die Schulter legt. "Ja, das sieht gut aus", sagt die Sängerin. "Dann mach hier, hier und hier einen Schnitt", schlägt Doczekalski vor. Als sich herausstellt, dass Georgia nicht genug Leder dabei hat, wühlt die Stylistin in einem Korb mit alten Stofffetzen und findet prompt ein passendes Stück.

Doczekalski hält den Sweat Shop für eine sehr zeitgemäße Idee: "Er spiegelt den aktuellen Modetrend wider: weg von Stereotypen und Massenkonsum, hin zu mehr Individualität und Persönlichkeit. Anstatt den Trends in den Modezeitschriften nachzueifern, versucht man lieber etwas Eigenes."

Während Georgias Schulterteil nach und nach Form annimmt, bleiben immer wieder Leute vor dem Laden stehen, gucken durch die Fensterscheiben, spazieren hinein, sind neugierig, fragen, was hier angeboten wird. "Wir sind richtige Exoten“, sagt Martena Duss, Make-up-Künstlerin und Co-Inhaberin des Sweat Shops, im feinsten Schwyzerdütsch. "In der Schweiz hat jede Familie eine Nähmaschine. In Frankreich keineswegs. Hier zählt Tradition. Umgekehrt wird alles, was neu ist, automatisch als alternativ bewertet. Deshalb funktioniert unsere Idee so gut.“ Sissi Holleis lacht: "Mit uns gibt es ein bisschen Berlin in Paris." 

Ein bisschen Berlin in Paris; der Sweat Shop ist ganz im Retro-Stil eingerichtet

Ein bisschen Berlin in Paris; der Sweat Shop ist ganz im Retro-Stil eingerichtet

Die Idee des Sweat Shops war eigentlich nur eine Art Plan B gewesen für die Österreicherin und die Schweizerin. Holleis hatte früher ihr eigenes Label, das aber nicht mehr so gut lief. Duss arbeitet als Make-up-Artistin für Models und Schauspielerinnen. Bei einem Abendessen lernten sich die zwei Frauen kennen. "Es hat nur so gesprudelt“, sagt Duss. "So ist aus der Krise doch etwas Positives entstanden."

Obwohl es ihren Laden erst seit April gibt, hat sich die Existenz von "Klein-Berlin" so schnell herumgesprochen, dass die Kurse schon Wochen im Voraus ausgebucht sind.

"Wir sind natürlich nicht die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, Nähmaschinen zu vermieten", sagt Duss. "Aber bei uns gibt es ein ganzes Paket.“ Die Kurse der Experten, der stundenweise Mietservice und vor allem die Kits. Darunter versteht man halbfertige Teile, meist Accessoires, zum Selbstzusammenbauen. Ein wenig wie Flugzeugmodelle für kleine Jungs, nur schicker.

Georgia ist begeistert, als sie ihr fertiges Bühnen-Accessoire auf ihrer Schulter sieht: "C’est magnifique! Ich singe dieses Jahr die Jeanne d’Arc. Da werde ich es anziehen." Und auch Doczekalski ist zufrieden: "Wenn es nach mir ginge, könnten wir das in unserer nächsten Kollektion bringen."

Plötzlich steht ein junger Mann Anfang 20 in Baggyhose und Kappe im Laden. Er möchte wissen, ob er hier auf einer Overlock-Maschine schneidern kann, einer Spezialmaschine auf dem neuesten Stand der Technik. "Oui, bien sûr“, sagt Sissi und zeigt auf ein Gerät neben der Kühlvitrine. Der junge Mann lächelt zufrieden. "Wunderbar. Ich komme wieder."

Sweat Shop, 13, rue Lucien Sampaix, 75010 Paris

 
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