Designerinnen Schmidttakahashi Die Wiederbelebung der Mode
Das Berliner Label Schmidttakahashi macht Nachhaltigkeit zur Kunst. Die Designerinnen zerlegen getragene Kleidungsstücke und setzen sie zu kunstvollen Unikaten zusammen.

Die Seele des vorherigen Trägers steckt in jedem neuen Kleidungsstück von Schmidttakahashi
Der Name ihres Unternehmens ist zusammengesetzt – wie die Mode, die sie schneidern: Schmidttakahashi heißt das junge Label von Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi, Reanimation , "Wiederbelebungsmaßnahmen", ist der Name ihrer ersten Kollektion. Das Konzept der beiden Designerinnen: Sie zerlegen gebrauchte Kleidung in ihre Einzelteile und setzen sie zu neuen, kunstvollen Unikaten zusammen.
Die Themen Nachhaltigkeit und Überproduktion faszinierten schon während ihres Studiums an der Berliner Kunsthochschule Weißensee. "Der Mensch ist von tausend Dingen umgeben, die überflüssig sind und wir als Designer fügen immer noch mehr hinzu", sagt Schmidt. Sie wollten "etwas Besonderes aus Dingen schaffen, die schon existieren".
Gleichzeitig möchten Schmidt und Takahashi den negativ besetzten Begriff "Altkleider" aufwerten. Ihr Ziel ist es, in jedem neuen Stück die Gebrauchsspuren des ursprünglichen Kleidungsstücks und die darin eingewobene, fremde Persönlichkeit sichtbar zu machen.
Für ihr Projekt Reanimation sammelten Schmidt und Takahashi Kleider und Accessoires von ihren Kommilitonen, Professoren und von sich selbst: Insgesamt kamen rund 700 abgelegte Kleidungsstücke zusammen. Vielleicht war es Zufall, dass so viele Menschen ihre Schränke leerten; vielleicht aber gaben sie ihre alten Kleider lieber an Bekannte ab, als sie als anonyme Spende im Container zu versenken.
In ihrem gemeinsamen Atelier am Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg stapeln sich Pullover, Hosen, Jacketts und T-Shirts in einem Stahlregal, sortiert nach Farben. "Unser Archiv", sagt Takahashi. Auf dem Boden, in großen Taschen, wartet schon neues Material. Nach der Reinigung fotografieren die beiden Designerinnen die Kleidungsstücke in ihrem Ursprungszustand und dokumentieren Material, Farbe, Größe.
Die Kleider sind für Schmidt und Takahashi Rohstoff und Inspiration zugleich: Jedes dieser Stoffteile ist für sie einzigartig. Genau so einzigartig wie die daraus entstehenden, aus Puzzleteilen zusammengesetzten neuen Kleider.
Einen weißen Wollpulli und ein beiges Jackett vernähen die Designerinnen so, dass die Rückenmitte und die Brustpasse aus dem Pulli bestehen und die Wollärmel die Jackettärmel verlängern. Aus einem Hemd machen sie einen Kimono: Schultern und Knopfleiste ergänzen sie durch Stücke zweier T-Shirts. Das Rückteil eines Daunenmantels ersetzen Schmidt und Takahashi durch speziellen Strick, der die Polsterwellen der Daunen aufgreift.
Fügen sie neue Stoffe hinzu, verwenden sie extra angefertigte Strickbahnen und Seide. Details, die sie extra hinzufügen, wie neue Knöpfe und Reißverschlüsse sind aus Recyclingmaterial. Schmidt und Takahashi werfen nichts weg; selbst die Vorderseite einer mit Farbe und Wachs beklecksten Samthose sehen sie als ästhetisches Element einer künftigen Kreation. Aus kleinen Stoffresten haben sie Taschen mit Mondrian-Muster geschneidert. Jedes neue Teil versehen die beiden mit einem Mikrochip, der Daten enthält über die Ursprungskleidung, aus welcher Sammlung sie stammt und in welcher Konstellation sie zusammengefügt wurde.
Schmidttakahashis "Wiederbelebungen" sind intime, einzigartige Werke. Für die Designerinnen stellen sie keine Objekte dar, sondern lebende Organismen. "Im Stoff und der Form ist viel von der Person gespeichert, die die Kleider einmal getragen hat", glaubt Takahashi. "Es ist, als trage man die Haut eines anderen auf seiner Haut."
Mit ihrer ersten Kollektion ging Schmidttakahashi im Januar an die Öffentlichkeit, die zweite Kollektion wurde im Juli auf der Fashion Week in Berlin präsentiert. In diesem Sommer haben Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi mehrfach Auszeichnungen gewonnen, etwa den Sonderpreis in der Kategorie Green/ Sustainable Fashion des Berliner Senats für Wirtschaft, Technologie und Frauen beim Wettbewerb "Start your fashion business ", und den Designpreis "BerliNordik" .

Eugenie Schmidt wurde 1979 in Duschanbe in Tadschikistan geboren und kam mit ihrer Familie 1990 nach Ulm. Sie schloss 2009 ihr Studium des Modedesigns an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ab.
Mariko Takahashi wurde 1974 in Hiroshima in Japan geboren. Nach ihrem Studium der Produktgestaltung in Tokio zog sie nach Berlin. 2009 beendete sie ihr Studium für Textil- und Flächendesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seit 2005 arbeiten Schmidt und Takahashi zusammen.
Ihr künstlerischer Ansatz macht es Schmidttakahashi nicht leicht, auf dem Markt zu bestehen. Üblicherweise sehen die Kollektionen, die nach Modemessen für die kommende Saison bestellt werden, so aus, wie sie präsentiert wurden. "Wir aber müssen den Händlern sagen, dass sie die Kleider nicht so, sondern so ähnlich bekommen", sagt Schmidt. "Der Schnitt ist der gleiche, aber das Material und die Farbigkeit sind jedes Mal anders."
Die beiden wollen sich nicht festlegen, ob sie Kunst oder Mode produzieren. "Wir finden es gut, zu beidem zu gehören". Deshalb spezialisieren sich Schmidt und Takahashi auf Galerien und Läden, die "künstlerisch offen sind". Zwei haben sie schon gefunden: Der Museumsshop der Deutschen Guggenheim Berlin hat ihre Umhängetaschen aus Jackenfutter und Shirts mit quadratischem Muster im Sortiment, die Galeries Lafayette ihre erste Kollektion.
Unikate von Schmidttakahashi kosten zwischen 300 und 1500 Euro, Jackenfuttertaschen 270 Euro, Kombinationen aus Hemden und T-Shirts 150 Euro. Ein niedriger Preis, denn wie viel Arbeit das sorgsame Auseinandernehmen, Archivieren, Absticken und Paspellieren macht, kann sich kaum jemand vorstellen.
Ihre neueste Idee ist die Interaktion von Spendern und Kunden. Die Spender können auf der Website des Labels zum Beispiel die Geschichte ihres Kleidungsstücks erzählen und durch eine Identifikationsnummer erfahren, was aus ihm geworden ist. Irgendwann, so hoffen Schmidt und Takahashi, wird sich der Kreislauf auch bei ihren eigenen Kollektionen schließen: wenn die Kleider von ihren Trägern wieder bei ihnen abgegeben und erneut verarbeitet – wieder belebt – werden. Dann wird es nicht mehr eine einzelne Geschichte sein, die ein Kleidungsstück erzählt, sondern ein Episodenroman.
- Datum 26.08.2010 - 17:35 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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.. hat mich emotional angesprochen. Mir gefällt es, dass die Beiden nicht abgefahrene Modefreaks sind, die sich mit überflüssigen Sachen umgeben. Das, was man auf den Bildern sieht, ist elegant, mit Geschmack, ohne zu viel Schnick und Schnack, und vor allem, wie erwähnt, mit Geschichte. Ich persönlich mag gebrauchte und alte Bücher zu kaufen, anstatt von Neuen. Ich glaube, ich kann nachvollziehen, was die beiden Mädels für ihre Werke empfinden.
kommt das Metier der Textilkunst aus gebrauchten Materialien auch zu uns! In vielen Ländern ist das Tradition, ob als Pieced Quilt, Korak oder Fleckerlteppich. In den USA hat sich eine riesige neue Kunstszene daraus entwickelt. Mode daraus zu machen ist noch einen Schlag pfiffiger als Bettdecken oder Wandbilder.
Gelöscht. Bitte unterlassen Sie das Posten werblicher Inhalte. Danke. /Die Redaktion pt.
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