Protest gegen Mieterhöhung Nackt unter Maklern

In vielen Großstädten steigen die Mieten drastisch. In Berlin protestiert die "Hedonistische Internationale" dagegen – mit spontanen Partys und viel nackter Haut.

Sie tanzen, nackt, und fordern billigere Mieten: die Aktivisten der Hedonistischen Internationalen

Sie tanzen, nackt, und fordern billigere Mieten: die Aktivisten der Hedonistischen Internationalen

Das Handy von Nicolas Bourbaki* klingelt, ganz kurz. Auf den Anruf hat er gewartet, zusammen mit 15 Freunden im Hinterhof eines Wohnhauses in Friedrichshain. Es ist das Kommando, jetzt muss es schnell gehen: Er zieht T-Shirt, Jeans und Boxershorts aus, stopft alles in seine Umhängetasche, holt eine Gorilla-Maske heraus und stülpt sie sich über den Kopf. Sein Freund Monty Cantsin schultert seinen Rucksack, in den eine Stereoanlage eingebaut ist, die Gruppe läuft die Treppe des Hinterhauses hinauf – ein paar sind nackt, alle tragen bunte Masken. Vor der halboffenen Tür im ersten Stock bleiben sie stehen. Monty Cantsin drückt den Start-Knopf seines MP3-Players, der an die Stereoanlage im Rucksack angeschlossen ist und aus der jetzt Zirkusmusik dröhnt. Dann stößt Nicolas Bourbaki die Tür auf. Die Party kann beginnen.

Der 28-Jährige und seine Freunde sind Mitglieder der Hedonistischen Internationale, sie wollen sich politisch engagieren, aber auch Spaß haben. Bei ihren Wohnungsbesichtigungsrallyes feiern sie spontane Feste in, wie sie finden, zu teuren Wohnungen. Sie freuen sich, wenn sie verdutzten Maklern Luftschlangen um den Hals hängen und Seifenblasen auf neuem Parkettboden zerplatzen lassen.

Anzeige

Die Idee entstand vor zwei Monaten. Die Freunde saßen in einem Café in Friedrichshain, wo die meisten von ihnen leben. Sie sprachen über die immer schwierigere Wohnungssuche. Nur diejenigen, die schon länger in derselben Wohnung leben, zahlen einen günstigen Preis. Ihnen war plötzlich klar: Seit einem Jahr sind in Berlin auch mittelmäßige Wohnungen nicht mehr so billig, wie sie mal waren.

Nicolas Bourbaki und die anderen kennen sich schon lange. Früher trafen sie sich vor allem, um zu feiern, ein riesiger Freundeskreis zwischen 20 und 30, viele Studenten, ein paar Berufsanfänger, hip und gleichzeitig alternativ. Vor zwei Jahren wollten ein paar von ihnen sich auch politisch engagieren, die anderen machten mit. Sie nannten sich Hedonistische Internationale und gingen zu Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel, im Rucksack hatten sie immer Musik dabei. Protest ist ihnen wichtig, Spaß noch ein bisschen wichtiger. Später machten sie bei der Aktion "Kein Kiez für Nazis" mit, damals stürmten sie nackt eine Nazi-Kneipe. "Mit solchen Aktionen erregen wir Aufmerksamkeit", sagt Nicolas Bourbaki. Daher gilt auch die Regel: Wer sich nicht ausziehen will, muss im Hintergrund bleiben.

Die Mitglieder der Hedonistischen Internationale wollen günstigere Mieten in zentralen Berliner Stadtteilen. Bei ihren Aktionen berufen sie sich auf das Mietwuchergesetz, das die Bürger vor zu teuren Mieten schützen soll. Demnach sind Preise, die das im Mietspiegel verzeichnete "Ortsübliche" um mehr als 20 Prozent übersteigen, unwirksam, die Vermieter können angezeigt werden. Im aktuellen Mietspiegel für Berlin liegt der durchschnittliche Preis für einen Quadratmeter in den günstigsten Vierteln bei 2,70 Euro, in den teureren Bezirken bei 7,46 Euro.

Doch das Mietwuchergesetz greift nur, wenn es zu wenige Wohnungen gibt, und ob das der Fall ist, entscheidet die zuständige Stadtverwaltung. Die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, sieht bisher keinen Grund zu handeln. Sie sagt, mehr als 100 000 Wohnungen würden in Berlin derzeit leer stehen, von einem Mangel könne nicht die Rede sein. Deshalb sind die Angaben im Mietspiegel nicht bindend, sie geben nur Auskunft darüber, wie hoch die Mieten gerade im Durchschnitt pro Quadratmeter liegen. Jeder Vermieter kann den Preis fordern, den er will. Und da gilt die einfache Regel: Je beliebter die Gegend, desto höher der Preis. Die neuen Nachbarn von Nicolas Bourbaki zahlen jetzt fast doppelt so viel wie er.

Auch der Philosophiestudent Bourbaki sucht seit ein paar Monaten nach einer neuen Bleibe in Friedrichshain, hat aber nichts Bezahlbares gefunden. Weil er, genau wie seine Freunde, aber nicht auf das Leben in den angesagten Stadtteilen verzichten möchten, kamen sie im Café am Boxhagener Platz auf die Idee mit den Wohn-Rallyes: Sie gehen zu Besichtigungsterminen in teuren Wohnungen, und wenn sie feststellen, dass der Preis für das, was geboten wird, wirklich zu hoch ist, ziehen sie sich aus und tanzen.

Leser-Kommentare
    • Kueste
    • 06.09.2010 um 16:59 Uhr

    Also das Kollektiv "Nicolas Bourbaki" hatte es ja eher mit strukuralen Sprachspielen, als mit Nackttanzen (so jedenfalls die Mathematikgeschichten). Würde gern den Assoziationszusammenhang der Autorin verstehen, der zu dieser Namensgebung geführt hat...

  1. 2. ......

    Wer nicht zahlen kann oder will, der soll halt weiter nach draußen ziehen, früher aufstehen und die U-Bahn nehmen.
    Aber dann kann man halt nicht zu Fuß in die Szenekneipe.

  2. "Weil er, genau wie seine Freunde, aber nicht auf das Leben in den angesagten Stadtteilen verzichten möchten"

    Die Typen merken nicht mal mehr wie nebendran sie sind... "Ich will, ich will, ich WILL, und wenn ichs mir nicht leisten kann seid IHR schuld und müssts mir bezahlen !!!"

  3. "Seit einem Jahr sind in Berlin auch mittelmäßige Wohnungen nicht mehr so billig, wie sie mal waren."

    Ja. Äh. Dazu zwei Worte, liebe Hedonisten: ANGEBOT und NACHFRAGE.

    • nuni23
    • 14.09.2010 um 11:20 Uhr

    Es geht doch in erster Linie gar nicht um das HI-Kollektiv sondern um eine generelle Entwicklung, welche die Ärmeren in den nächsten Jahren/Jahrzehten aus der Stadt verdrängen wird.. Die bisherigen Kommentatoren scheinen aber genau zu den Leuten zu gehören, die bisher zu dieser Entwicklung beigetragen haben.. der Makler sagt ja auch: "Aber wenn es Leute gibt, die die hohen Mieten zahlen, steigen die Preise weiter." Berlin ist/war immer auch attraktiv auf Grund der billigen Mieten und im Vergleich zu anderen Metropolen wie Paris, New York City, etc.. ist es auch immer noch billig..aber die magnetische Wirkung, die Berlin auf Grund dessen auf Leute aus aller Welt ausgelöst hat, wird bald vorbei sein.. und dann werden sicherlich auch die Yuppies in ihren teuren Wohnungen traurig sein, dass Berlin auf einmal langweilig und grau geworden ist.

  4. Es ist aber auch eine Schande, dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes damals nicht an das "Grundrecht auf Wohnraum im Szenebezirk" gedacht haben...

    Dass Menschen, die Ihre kostbare Zeit mit solchen Aktionen verschwenden, sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können glaube ich sofort. Die Anspruchshaltung dieser Spaßbrigade macht mich krank.

    • Nimsaj
    • 26.09.2010 um 17:39 Uhr

    Die Berliner sind echt verwöhnt, Mietspiegel von 2,70 bis 7,46 Euro ist ja wie im Trau, kein Wunder, dass sich niemand dran hält. In Erlangen (dieser popeligen Kleinstadt, die leider von Siemensianern, Arevianern und Millionärssöhnchen überflutet ist) liegt der offizielle Mietspiegel bei 10 Euro/qm (kalt!). Und als ob das nicht schon teuer genug wäre, wird das oft genug nicht eingehalten. Mit sind qm-Preise von bis zu 17 Euro pro qm bekannt! Und das für Zimmerchen ohne irgendwas, denn es besteht ja Wohnungsnot. Bitte kommt nach Erlangen und zieht euch dort aus!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service