Protest gegen Mieterhöhung Nackt unter MaklernSeite 2/2

Das Pariser Aktionsbündnis "Jeudi Noir" veranstaltet schon seit drei Jahren solche spontanen Protest-Partys. "Jeudi Noir", "Schwarzer Donnerstag" haben sich die Aktivisten genannt, weil am Donnerstag in den Pariser Zeitungen die Wohnungsanzeigen erscheinen und das fast immer ein trauriger Tag ist: Selten ist was Bezahlbares dabei. Seit diesem Jahr gibt es Nachahmer in Zürich und Hamburg, dort sind mittlerweile kaum mehr günstige Wohnungen für Studenten und Berufsanfänger zu haben. Im April veranstaltete die Hamburger Bewegung "Recht auf Stadt" die erste "Fette-Mieten-Party". Dann fanden auch die Berliner, die Wohnungen ihrer Stadt sollten günstiger sein.

Bei der ersten Rallye, am 31. Juli lief alles nach Plan. In der Anzeige kostete die kleine Wohnung 550 Euro kalt. Nachdem sie eine Viertelstunde auf den Makler eingeredet und um ihn herum getanzt hatten, senkte dieser den Mietpreis auf 520 Euro warm. Ob es dabei blieb, haben die Aktivisten nicht überprüft.

Hinter der Tür, die Nicolas Bourbaki bei der zweiten Rallye im August aufstößt, liegt eine leere Wohnung. Ein elegant gekleideter junger Makler steht an einem Küchenblock und spricht mit einem Mann, auch der wirkt mit schwarzer Jeans und schwarzem Hemd seriös. Das Lächeln des Maklers gefriert, als er Bourbaki und die anderen erblickt. Als die nackten Frauen und Männer beginnen, um ihn herumzutanzen, verkrampft sich sein Körper, auf seinen Wangen bilden sich rote Flecken. Auch als ein nacktes Mädchen ihm eine Luftschlange um den Hals hängt, regt er sich nicht. Er sieht den jungen Mann an, dem er gerade die Vorzüge der Wohnung erklärt hat, und ihm wird klar, dass der zu den tanzenden Nackten gehört.

Der junge Mann ist Luther Blissett, er hat Nicolas Bourbaki angerufen und bestätigt, was die Freunde schon vermuteten: Die Zwei-Zimmer-Wohnung ist zu teuer. Der Quadratmeter kostet zehn Euro, kalt. Das Gebäude ist zwar renoviert, aber es fehlt jeder Luxus, der den hohen Preis rechtfertigen würde.

"Warum hält sich keiner an den Mietspiegel?" fragt Nicolas Bourbaki, immer noch nackt, den Makler. Zuerst antwortet dieser nicht. Dann erklärt er mit leiser Stimme, er könne nichts sagen, er sei doch nur Angestellter. Bourbaki drängt: "Tragen Sie unsere Frage weiter an ihre Vorgesetzten!" Der Makler presst seine Lippen zusammen. Die Tanzenden lassen Luftschlangen, Konfetti und geplatzte Seifenblasen zurück. Bourbaki redet weiter auf den Makler ein, bis dieser erklärt: "Ich finde die Aktion doch super. Für mich wäre der Preis auch zu teuer. Aber wenn es Leute gibt, die die hohen Mieten zahlen, steigen die Preise weiter."

Im Treppenhaus zieht Bourbaki sich wieder an. Er habe gehört, dass es in vier Jahren in ganz Berlin zu wenige Wohnungen geben soll. "Dann muss die Stadt das Mietwuchergesetz anwenden." So lange wird er weiter protestieren und tanzen.

* (alle Namen geändert)

 
Leser-Kommentare
    • Kueste
    • 06.09.2010 um 16:59 Uhr

    Also das Kollektiv "Nicolas Bourbaki" hatte es ja eher mit strukuralen Sprachspielen, als mit Nackttanzen (so jedenfalls die Mathematikgeschichten). Würde gern den Assoziationszusammenhang der Autorin verstehen, der zu dieser Namensgebung geführt hat...

  1. 2. ......

    Wer nicht zahlen kann oder will, der soll halt weiter nach draußen ziehen, früher aufstehen und die U-Bahn nehmen.
    Aber dann kann man halt nicht zu Fuß in die Szenekneipe.

  2. "Weil er, genau wie seine Freunde, aber nicht auf das Leben in den angesagten Stadtteilen verzichten möchten"

    Die Typen merken nicht mal mehr wie nebendran sie sind... "Ich will, ich will, ich WILL, und wenn ichs mir nicht leisten kann seid IHR schuld und müssts mir bezahlen !!!"

  3. "Seit einem Jahr sind in Berlin auch mittelmäßige Wohnungen nicht mehr so billig, wie sie mal waren."

    Ja. Äh. Dazu zwei Worte, liebe Hedonisten: ANGEBOT und NACHFRAGE.

    • nuni23
    • 14.09.2010 um 11:20 Uhr

    Es geht doch in erster Linie gar nicht um das HI-Kollektiv sondern um eine generelle Entwicklung, welche die Ärmeren in den nächsten Jahren/Jahrzehten aus der Stadt verdrängen wird.. Die bisherigen Kommentatoren scheinen aber genau zu den Leuten zu gehören, die bisher zu dieser Entwicklung beigetragen haben.. der Makler sagt ja auch: "Aber wenn es Leute gibt, die die hohen Mieten zahlen, steigen die Preise weiter." Berlin ist/war immer auch attraktiv auf Grund der billigen Mieten und im Vergleich zu anderen Metropolen wie Paris, New York City, etc.. ist es auch immer noch billig..aber die magnetische Wirkung, die Berlin auf Grund dessen auf Leute aus aller Welt ausgelöst hat, wird bald vorbei sein.. und dann werden sicherlich auch die Yuppies in ihren teuren Wohnungen traurig sein, dass Berlin auf einmal langweilig und grau geworden ist.

  4. Es ist aber auch eine Schande, dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes damals nicht an das "Grundrecht auf Wohnraum im Szenebezirk" gedacht haben...

    Dass Menschen, die Ihre kostbare Zeit mit solchen Aktionen verschwenden, sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können glaube ich sofort. Die Anspruchshaltung dieser Spaßbrigade macht mich krank.

    • Nimsaj
    • 26.09.2010 um 17:39 Uhr

    Die Berliner sind echt verwöhnt, Mietspiegel von 2,70 bis 7,46 Euro ist ja wie im Trau, kein Wunder, dass sich niemand dran hält. In Erlangen (dieser popeligen Kleinstadt, die leider von Siemensianern, Arevianern und Millionärssöhnchen überflutet ist) liegt der offizielle Mietspiegel bei 10 Euro/qm (kalt!). Und als ob das nicht schon teuer genug wäre, wird das oft genug nicht eingehalten. Mit sind qm-Preise von bis zu 17 Euro pro qm bekannt! Und das für Zimmerchen ohne irgendwas, denn es besteht ja Wohnungsnot. Bitte kommt nach Erlangen und zieht euch dort aus!

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