Haben Sie sich schon mal einen Taucheranzug angezogen, um ins Büro zu fahren? Sind Sie schon mal mit einem Bademantel in die Oper gegangen, oder im Bikini zum Bankett? Nein? Finden Sie eine komische Vorstellung? Ich auch – und die Mehrheit unserer Mitbürger wohl ebenso. Eine unausgesprochene Übereinkunft scheint die Menschheit in diesem Punkte zu einen: Es gibt Kleidungsstücke und Situationen, die passen nicht zusammen.

Allerdings versagt diese intuitive Stilsicherheit hierzulande bei Tausenden regelmäßig, wenn es um Outdoorkleidung geht. Sie wissen: diese sündhaft teuren Spezialklamotten, gemacht für hochalpine Witterungsbedingungen oder Arktisexpeditionen von Herstellern wie North Face, Vaude, Jack Wolfskin, Patagonia oder Wellensteyn. Wasserabweisende, atmungsaktive Anoraks mit abnehmbaren Pelzkrägen, UV-Strahlenschutz, hunderttausend versteckten Taschen und Reißverschlüssen, mit Unterarmventilation und strahlenabweisender Handytasche.

Kaum liegt der Spekulatius in den Supermarktregalen sind sie überall: in der U-Bahn, der Imbissbude, der Fußgängerzone, im Kino, im Park, sogar im Kindergarten und auf dem Spielplatz. Im Wendland lief jüngst die halbe Führungsriege der Grünen in den Jacken mit dem Tatzen-Logo auf. Eine Kollegin, die kürzlich über den Berliner Alexanderplatz lief, zählte bei einer einzelnen Überquerung 47 Jack-Wolfskin- und 14 North-Face-Jacken. Wahnsinn!

Gucken Sie sich mal um, wenn Sie das nächste Mal spazieren gehen. Auch Ihnen werden sich die goldenen Worte des westfälischen Philosophen Herbert G. aufdrängen: Was soll das? Warum nur kleidet sich die halbe Bevölkerung in Jacken, die für Aufenthalte im Hochgebirge entwickelt und für den Alltag in der Stadt völlig übertechnologisiert sind?

Ist das Leben eine Steilwand in 3000 Meter Höhe? Ist der Weg zur Arbeit eine Expedition? Der Stadtbummel eine Reise durch lebensfeindliche Umgebung? Mit Sicherheit nicht. Warum nur tun die Leute, als wäre das so?

Manch einer sagt, es sei die Liebe zu Wald und Wiese, die sich da Bahn bricht. Seit der Mensch aus dem Garten Eden rausflog, wolle er zurück zur Natur. Mal mehr, mal weniger dringend. Stimmte das, dann wäre der Drang gerade ganz gewaltig: Trotz Krise ging das Geschäft der Outdoor-Ausrüster in den vergangenen Jahren durch die Decke. Allein in Deutschland beträgt das Umsatzvolumen der Branche derzeit gute 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Tendenz steigend. Jack Wolfskin, der größte deutsche Anbieter, machte im Jahr 2009 ein Umsatzplus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Konkurrent Vaude ist nach eigenen Angaben in den vergangenen fünf Jahren jeweils zweistellig gewachsen. Alles mit dem Verkauf von Kanus und Kompassen, von Schlafsäcken und Seilen, aber wohl vor allem durch den von hochgerüsteten Regenjacken, den dazugehörigen Hosen und Schuhen.