Outdoor-KleidungDer edle Wilde in der Stadt

Menschen in der Großstadt kleiden sich gern wie die Teilnehmer einer Polarexpedition. Welches Geheimnis steckt hinter dem unheimlichen Trend zu Outdoor-Kleidung? von Moritz Honert

Frei nach Thomas Hobbes: Der Mensch ist des Menschen Wolfskin

Frei nach Thomas Hobbes: Der Mensch ist des Menschen Wolfskin  |  © ***jojo/photocase.com

Haben Sie sich schon mal einen Taucheranzug angezogen, um ins Büro zu fahren? Sind Sie schon mal mit einem Bademantel in die Oper gegangen, oder im Bikini zum Bankett? Nein? Finden Sie eine komische Vorstellung? Ich auch – und die Mehrheit unserer Mitbürger wohl ebenso. Eine unausgesprochene Übereinkunft scheint die Menschheit in diesem Punkte zu einen: Es gibt Kleidungsstücke und Situationen, die passen nicht zusammen.

Allerdings versagt diese intuitive Stilsicherheit hierzulande bei Tausenden regelmäßig, wenn es um Outdoorkleidung geht. Sie wissen: diese sündhaft teuren Spezialklamotten, gemacht für hochalpine Witterungsbedingungen oder Arktisexpeditionen von Herstellern wie North Face, Vaude, Jack Wolfskin, Patagonia oder Wellensteyn. Wasserabweisende, atmungsaktive Anoraks mit abnehmbaren Pelzkrägen, UV-Strahlenschutz, hunderttausend versteckten Taschen und Reißverschlüssen, mit Unterarmventilation und strahlenabweisender Handytasche.

Kaum liegt der Spekulatius in den Supermarktregalen sind sie überall: in der U-Bahn, der Imbissbude, der Fußgängerzone, im Kino, im Park, sogar im Kindergarten und auf dem Spielplatz. Im Wendland lief jüngst die halbe Führungsriege der Grünen in den Jacken mit dem Tatzen-Logo auf. Eine Kollegin, die kürzlich über den Berliner Alexanderplatz lief, zählte bei einer einzelnen Überquerung 47 Jack-Wolfskin- und 14 North-Face-Jacken. Wahnsinn!

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Gucken Sie sich mal um, wenn Sie das nächste Mal spazieren gehen. Auch Ihnen werden sich die goldenen Worte des westfälischen Philosophen Herbert G. aufdrängen: Was soll das? Warum nur kleidet sich die halbe Bevölkerung in Jacken, die für Aufenthalte im Hochgebirge entwickelt und für den Alltag in der Stadt völlig übertechnologisiert sind?

Ist das Leben eine Steilwand in 3000 Meter Höhe? Ist der Weg zur Arbeit eine Expedition? Der Stadtbummel eine Reise durch lebensfeindliche Umgebung? Mit Sicherheit nicht. Warum nur tun die Leute, als wäre das so?

Manch einer sagt, es sei die Liebe zu Wald und Wiese, die sich da Bahn bricht. Seit der Mensch aus dem Garten Eden rausflog, wolle er zurück zur Natur. Mal mehr, mal weniger dringend. Stimmte das, dann wäre der Drang gerade ganz gewaltig: Trotz Krise ging das Geschäft der Outdoor-Ausrüster in den vergangenen Jahren durch die Decke. Allein in Deutschland beträgt das Umsatzvolumen der Branche derzeit gute 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Tendenz steigend. Jack Wolfskin, der größte deutsche Anbieter, machte im Jahr 2009 ein Umsatzplus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Konkurrent Vaude ist nach eigenen Angaben in den vergangenen fünf Jahren jeweils zweistellig gewachsen. Alles mit dem Verkauf von Kanus und Kompassen, von Schlafsäcken und Seilen, aber wohl vor allem durch den von hochgerüsteten Regenjacken, den dazugehörigen Hosen und Schuhen.

Leserkommentare
  1. Wie sieht es eigentlich mit den Produktionsbedingungen aus bei Wolfskin und Co ?

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    So schauts bei JW aus:

    http://www.world-of-eco-fashion.de/index.php/journal-reader/items/jack-w...

    Wenn ich für einen JW-Schuh 109 Euro zahle, den 4 Jahre trage, dann sind das 27,25 € pro Jahr für einen Schuh, der bei mir alles mitgemacht hat. Jeden Tag getragen, oft lange Wanderungen gemacht, in jeder Jahreszeit, durch Schnee, Matsch, Regen, Sonne, im Winter warm, im Sommer luftig.

    Welcher billig Schuh von Deichman würde das für 27,25 auch nur ein Jahr durchhalten?

  2. ... und sicher benötigt keine polartaugliche Jacke, wer nur deutsche Innenstädte erkundet (die dabei drohenden Gefahren dürften nur selten Schnee und Eis sein).

    Aber mal ehrlich, so schlimm sieht Funktionskleidung nun auch nicht aus und bei dem Satz
    " Dem Naiven am Steuer vermitteln sie trotzdem das Gefühl, mehr zu sein als das Würstchen, das er in Wahrheit ist. "
    frage ich mich doch ein wenig, wer hier das größere Würstchen ist: der Käufer und Nutzer der jeweiligen Sache oder derjenige, der sich in einem Drei-Seiten-Artikel modisch über selbigen zu erheben gedenkt (gab's da nicht kürzlich schon einmal einen solchen mit gleichem Tenor).

    Eine gewisse Gelassenheit schadet auch an Wintertagen nicht.

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    Na, fühlen wir uns nun pikiert, wo die Plastikpelle doch schließlich so teuer war?

  3. ich verstehe nicht, was dagegen spricht das man in seiner freizeit diese kleidung trägt. in dieser jahreszeit ist es nasskalt in mitteleuropa und da eignen sich eben regenjacken gut. pelz ist schwer und altmodisch, stoffjacken werden nass, lederjacken sind für die jahreszeit zu schade. außerdem gibt es in osteuropa einen ähnlichen trend, nur werden da jacken von husky, billabong und vans getragen. letztens hatte ich amerikanische studis zu besuch, alle trugen under armour -funktionskleidung. north face verkauft in asien zb. auch sommerkleidung, weil die marke so trend ist. ich kann mir keine wolfskin jacke leisten, finde die teile aber praktisch, wobei manche leute zu ziemlich krassen farben greifen..

  4. Wahrscheinlich fährt der Verfasser zu jedem Termin mit dem Auto vor. Da ist ihm das Wetter natürlich eher unbedeutend, denn es spielt ja draußen. Er sollte vielleicht mal öfter zu Fuß gehen, oder mit dem Rad fahren. Das ist im Wollmantel, der im übrigen mindestens so viel kostet wie eine Outdoorjacke, nur so lange ein Vergnügen, wie dieser trocken ist. Das gute an diesen Jacken ist schnell erklärt: sie sind wasserdicht. Immer. So einfach ist das. Und zum psychologischen Versuch des Verfassers: Sind wir nicht alle "arme Würstchen", ob nun im Wollmantel oder in anderen Kleidungsstücken?

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    Wenn der Herr Autor seinen Kamelhaarmantel nur vom Auto bis zum Eingang der Redaktiopn der freien Natur aussetzen muss, findet er sicherlich, dass ein solcher Mantel das passende Kleidungsstück für den Großstaddschungel ist.
    Wie gesagt, einfach mal die paar Großstadheinis auslassen und mal in die Vorstädte und auf´s Land schauen, wo sich eine solche Jacke ihre Meriten verdienen MUSS wenn sie nicht nach einer Woche bei der Altkleidersammlung landen will.

    Hoppala, da fühlt sich aber jemand gut beschrieben! Dieser Artikel ist so hervorragend recherchiert sowie brilliant formuliert, dass man sich geradezu danach sehnt, wöchentliche Analysen des deutschen Spießbürgertums aus dieser flotten Feder zu goutieren!

    • mark13
    • 23. November 2010 18:31 Uhr

    ...und ich trag das Ding Herbst, Winter und Frühling und an regnerischen Tagen im Sommer. Ich bin mit Lego groß geworden, die Farben und das Material passen da schon.

    Wenn die Jacke das ständige Tragen min. 8 Jahre durchhält ohne das der Regenschutz nachgibt, hat sich der Preis gelohnt. Da hoffe ich auf die verstärkten Ärmel und Seiten, an denen die Jacke oft an sich selbst scheuert und daß die innere weiße Regenschicht nicht nach 3 Jahren so zerbröselt wie bei meiner letzen Regenjacke.

    Ansonsten steige ich anschließend auf geölte Baumwolle um.

    Die Taschen nutze ich alle. Alle haben Reisverschlüsse, so dass man sich keine Sorgen machen muß, es könne unterwegs etwas herausfallen und weil die Reisverschlüsse regengeschützt sind, kann man überall auch Technik wie Telefon, Kamera oder MP3 Player unterbringen.

    Nur die Lüftungsschlitze und den Armen habe ich noch nicht gebraucht. An die kommt man beim Laufen nur umständlich ran und wenn man die Fleece Jacke darunter hat, sind sie sowieso witzlos.

  5. Klar, wenn man einfach nur einen Stadtbummel macht, zur Arbeit geht, was weiß ich was, ist eine solche Juppe gewiss übertrieben. Aber der Autor sollte sich auch einmal vor Augen führen, dass es unter den tausenden Outdoorjackenbesitzern einen hohen Prozentsatz Hundebesitzer, notorische Wanderer und Naturbegeisterte gibt, die wirklich eine Jacke für Wind & Wetter benötigen. Schon mal Ende November bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und Nieselregen mit ´nem Friesennerz Gassi gegangen? Nee? Aha.
    Btw: Wer mit seinem Fahrzeug ins Gelände will, der kauft sich keinen Cherokee und erst recht keinen Cheyenne da diese beiden Autos in keinster Weise für den Acker geeignet sind, wenn der Autor dann mal "Simulationsbedürftniss" googelt, kann er in einem Abwasch mal "Blenderkarre" eingeben.

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    • medwed
    • 23. November 2010 20:03 Uhr

    Cherokee kenne ich, aber Cheyenne? Noch nie gehört. Hab ich da was verpasst?

    • DerDude
    • 24. November 2010 13:07 Uhr

    des Mt. Everest geschahen, man mag es kaum glauben, ganz ohne moderne Funktionsbekleidung. Man sollte IMHO daher nicht so tun, als sei dieses Zeug in irgendeiner Lebenslage unverzichtbar.

    • basu
    • 23. November 2010 18:41 Uhr

    Lieber Verfasser,

    Sie haben Pech - ich fürchte, die Leser (bzw. Kommentatoren) der ZEIT sind allesamt Outdoorjackenträger. Wobei ich glaube, dass die Menschen heutzutage noch nie so selten draußen waren. Jeder Meter wird doch mit Bus, Bahn oder Auto zurückgelegt!?

    In meiner Unizeit habe ich mich auch immer gewundert, warum so viele mit Outdoorjacken, Bergsteigerschuhen (!)und Survivalrucksack (!!)die Hörsäle gestürmt haben. Vielleicht möchten gewisse Bildungsschichten damit etwas zum Ausdruck bringen?

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    Das High-Tech-Zeug ist billiger als ein Mantel oder eine Jacke aus reiner Wolle, Baumwolle, etc. Da heute alles in Viskose, Polyamid, zumindest iV mit Wolle hergestellt wird, und kaum einer merkt, wie leicht er in diesen billigen Mischgeweben schwitzt, kaum jemand überhaupt noch Qualität checkt, ist atmungsaktive Plastikfaser eben die beste Alternative. Das ist geschmacklich vielleicht eine Perversion, die aber die Industrie mit ihrem Wunsch, Duffle-Coats aus Polyamid zu produzieren, hervorgerufen hat. Der Verbraucher soll denken, er hat schlechten Geschmack, und muß sich mit solchen Artikeln auseinandersetzen, doch die Industrie verdient daran. Schönen Dank.

  6. Wenn der Herr Autor seinen Kamelhaarmantel nur vom Auto bis zum Eingang der Redaktiopn der freien Natur aussetzen muss, findet er sicherlich, dass ein solcher Mantel das passende Kleidungsstück für den Großstaddschungel ist.
    Wie gesagt, einfach mal die paar Großstadheinis auslassen und mal in die Vorstädte und auf´s Land schauen, wo sich eine solche Jacke ihre Meriten verdienen MUSS wenn sie nicht nach einer Woche bei der Altkleidersammlung landen will.

    Antwort auf "Ach gottchen ..."
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    Ich wundere mich oft wie todernst viele Leser ironische und in diesem Fall einen absolut witzigen und originellen Artikel beurteilen. Mann Leute, entwickelt mal etwas mehr Spass am Leben und gutgeschriebenen Beiträgen wie diesem. Ein riesiges Kompliment an den Verfasser, er spricht mir aus der Seele und hat einen tollen, lockeren Schreibstil. Mehr davon!!!

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