Auch in Zeiten von COS und Zara gibt es Kleidungsstücke, die anzeigen, zu welcher Gesellschaftsschicht sich jemand zählt. Bis vor Kurzem war der Fanschal so ein Accessoire: Proletenhaft und schrill in Gestaltung und Wortwahl ("Die Macht vom Neckar") war der Fanschal offensichtliches Anzeichen der Zugehörigkeit zu einer gern schon am Samstagnachmittag betrunkenen Großgruppe.

Neuerdings sieht man den Fanschal aber immer häufiger in Kombination mit Sakko, Cardigan oder weißem Kragen. Das liegt unter anderem natürlich daran, dass Fußball sich vom Bratwurstumfeld gelöst und auch zu einem Event des Proseccopublikums entwickelt hat. Selbst im Onlineshop eines Vereins, der sich so volksnah gibt wie Union Berlin, findet sich ein sehr dezenter Fanschal, der zum Zweireiher getragen werden kann. Nur noch ein sehr kleines Signet verweist überhaupt auf das Fantum des Trägers.

Anders als die ebenfalls gerne zum Anzug getragene Comic-Krawatte, der immer ein pubertärer Widerwille gegen das Kleidungsstück selbst anhaftet, strahlt der neue Typ des Fanschals eine unbestreitbare Souveränität aus. Auch deshalb, weil der Schal trotz seiner Omnipräsenz an den Hälsen sensibler, junger Männer in erster Linie ein praktisches Kleidungsstück ist. Ein Schal schmückt nicht bloß, vor allen Dingen hält er warm.

Aber noch etwas hat sich verändert: nämlich das Wesen des Fan-Seins. Früher gab es im Groben zwei Großgruppen von Fans: Anhänger von Fußballclubs – und von Rockbands. Wobei auch da das Maximalalter bei 30 lag.

Heute – und daran hat auch Facebook eine gewisse Mitschuld – ist das anders. Heute hat sich die leicht ironische Wendung "da bin ich Fan von“ bereits in den Sprachgebrauch eingebürgert. Und im Internet ist man Fan von allem Möglichen: Tel Aviv, einem bestimmten Café, von Gin Tonic oder sogar Menschenhass. Das sieht man natürlich auch an den Fanschals: Ausgerechnet der Berliner Technoclub Berghain, lange Zeit Inbegriff der Öffentlichkeitsscheu, verkauft in seinem Onlineshop einen optisch eher monströsen Schal in rot, gold und grün.

Das kleine Potsdamer Label Parol wiederum bietet sehr lange und schmale und tatsächlich feine Schals an, mit denen man sich als Fan von Hildegard Knef, Albert Camus oder Vergil (natürlich mit lateinischem Aufdruck) zu erkennen geben kann. Oder von Richard Wagner, auf dessen Schal zu lesen ist: "Weia, Waga! Woge, du Welle! Walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala, Weiala, Weia!"

Die eigentliche Idee des Fanschals wird damit freilich ad absurdum geführt: Einem Schal auf dem das Dom-Pérignon-Zitat "Venez vite, je goûte les étoiles" ("Brüder, eilt, ich trinke Sterne") zu lesen steht, geht es eben nicht um Verbrüderung und Gemeinschaft durch etwas so Simples wie Fußball. Sondern darum, die eigene Bildung und den eigenen Geschmack öffentlichkeitswirksam vorzuführen. Das ist nicht unbedingt sympathisch – aber verdammt schick.

Gestaltung der Schals: Anne Fritsch für ZEIT ONLINE
Herstellung: Sportversand Hummler, Dürmentingen