Kunst und Mode: Das visionäre Paar
Vor über 100 Jahren begann der Flirt von Kunst und Mode als Spiel wechselseitiger Anziehung und Abstoßung. Nun ist die Vermählung vollzogen. An ihrem Schnittpunkt entsteht ein neuer kreativer Lebensstil.
© Marc Gerritsen/Zaha Hadid Architects

Der "Mobile art Pavillon" von Chanel, entworfen von Zaha Hadid
Eine der verblüffendsten Ausstellungen fand Ende des vergangenen Jahres in der Mailänder Fondazione Prada statt. Zwischen die hohen Eisensäulen der Industriehalle hatte der kalifornische Konzeptkünstler John Baldessari, der dieses Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, über viereinhalb Meter hohe Bronzeskulpturen im Stil von Alberto Giacomettis porösen Plastiken gestellt. Nicht nur waren ihre dürren Silhouetten exzentrisch überhöht, die Gesichter und Brüste außerdem afrikanischen Statuen nachempfunden, zusätzlich hatte Baldessari sie als Mannequins wahlweise mit blonden, bodenlangen Zöpfen, einem Reifrock aus Holzlatten, einem monströsen giftgrün-orangefarbenen Turnschuh oder einer um die Taille gebundenen pinkfarbenen Riesenschleife ausgestattet.
Seine exaltierten "Giacometti Variationen" beschreibt er als Zeitgeistexperiment: "Kunst und Mode verfließen immer mehr. Es hat mich gereizt, eine Arbeit über dieses Phänomen zu machen. Die Figuren von Giacometti sind die ausgemergeltsten der gesamten Kunstgeschichte, sein extremes Konzept wollte ich auf die Spitze treiben, übrigens eine Methode, nach der ich meistens arbeite. Und sind nicht auch Models immer groß und mager?"
Keine Parodie, sondern eine Hommage an die Kunstgeschichte (inklusive einer Verbeugung vor Edgar Degas und seinen Ballerinas mit ihren Tutus aus Tüll), trifft Baldessaris Serie tatsächlich den aktuellen Nerv am Schnittpunkt von Kunst und Mode. Heute sind beide Bereiche nahtlos miteinander zu einem neuen globalen ArtStyle verschmolzen, einem kreativen Lebensstil, zu dem Kunst als eine Facette neben Mode, Design, Architektur, Popmusik und anderen kulturellen Feldern beiträgt.
Doch der Prozess der wechselseitigen Annäherung und Abstoßung, der Dauerflirt von Mode und Kunst, begann bereits vor über 100 Jahren. So entwarf der belgische Jugendstilkünstler Henry van de Velde kurz nach 1900 für seine Frau Maria ein Kleid ohne einengend geschnürtes Korsett, das locker über ihren Körper fiel und sie endlich durchatmen ließ. 15 Jahre später erfand der italienische Universalkünstler Mariano Fortuny, Maler, Modedesigner, Architekt und Erfinder in Personalunion, die plissierten Delphos-Roben aus einem feinst gefältelten Seidenschlauch, die Konturen umspielten, statt sie zu verformen. Auf der anderen Seite sammelte Frankreichs erster Modedesignstar Paul Poiret die Künstler des Art Nouveau, Emile Gallé und Victor Prouvé, und der in Paris arbeitende Brite Charles Frederick Worth professionalisierte die Mode, als er zum ersten Mal lebende Mannequins über Laufstege gehen ließ, statt die Kollektionen auf Kleiderpuppen zu präsentieren.
Christian Dior, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem "New Look" Frauen in Gazellen verwandelte, war ursprünglich Kunsthändler, der Surrealist Salvador Dalí und die große Elsa Schiaparelli konstruierten zusammen Anzüge mit Taschen in Lippenform, und jeder kennt die mit leuchtfarbigen Simultankreisen bedruckten Kleider und Badeanzüge der Ukrainerin Sonia Delaunay und die zackig bunten Herrenanzüge des italienischen Futuristen Giacomo Balla. Längst eine Ikone ist schließlich Andy Warhols Campbell’s Soup-Tomatensuppen-Hängerchen in A-Linie aus dem Jahr 1960, das auch sein Seelen-Couturierfreund Roy Halston in eigenen Entwürfen variierte.
Von Anfang an also inspirierten sich Künstler und Modedesigner gegenseitig höchst vielfältig. Doch blieben ihre Kollaborationen lange eher periphere Spielereien, Austausch von formalen Ideen. Erst als sich Mode und Kunst ab den späten 1960er Jahren allmählich zum Big Business entwickelten, als Kunstmarkt und Marken dank Prêt-à-porter international wurden und immer weiter expandierten, kommerzialisierte sich langsam, sehr langsam auch das launige Pingpong zwischen den beiden Bereichen.
Grenzüberschreitung und Tabubruch wie in den Performances, Happenings und Körperaktionen der siebziger Jahre blieben zunächst bis zum Ende der 1980er Jahre noch unangefochtenes Hoheitsgebiet der Kunst. Mode als Gegenwelt des Luxus, des schönen Scheins und der makellosen Oberflächen bot der Avantgarde eine willkommene Angriffsfläche. Umgekehrt kokettierte die Mode, ihrem frivolen Image gemäß, nach wie vor gerne mit der Kunst, so, wenn Yves Saint Laurent Piet Mondrians De-Stijl-Mosaiken auf seine Minikleidchen drucken ließ oder Gianni Versace einer Roy-Lichtenstein-Skulptur aus seiner opulenten Pop-Art- Sammlung eine Chiffonrobe umhängte. Tatsächlich jedoch verharrten beide Bereiche nach wie vor in sicherer Entfernung voneinander, eigneten sich zwar die eine oder andere kreative Strategie des anderen an, vermischten sich aber nicht.









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