Kunst und ModeDas visionäre Paar

Vor über 100 Jahren begann der Flirt von Kunst und Mode als Spiel wechselseitiger Anziehung und Abstoßung. Nun ist die Vermählung vollzogen. An ihrem Schnittpunkt entsteht ein neuer kreativer Lebensstil.

Der "Mobile art Pavillon" von Chanel, entworfen von Zaha Hadid

Der "Mobile art Pavillon" von Chanel, entworfen von Zaha Hadid

Eine der verblüffendsten Ausstellungen fand Ende des vergangenen Jahres in der Mailänder Fondazione Prada statt. Zwischen die hohen Eisensäulen der Industriehalle hatte der kalifornische Konzeptkünstler John Baldessari, der dieses Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, über viereinhalb Meter hohe Bronzeskulpturen im Stil von Alberto Giacomettis porösen Plastiken gestellt. Nicht nur waren ihre dürren Silhouetten exzentrisch überhöht, die Gesichter und Brüste außerdem afrikanischen Statuen nachempfunden, zusätzlich hatte Baldessari sie als Mannequins wahlweise mit blonden, bodenlangen Zöpfen, einem Reifrock aus Holzlatten, einem monströsen giftgrün-orangefarbenen Turnschuh oder einer um die Taille gebundenen pinkfarbenen Riesenschleife ausgestattet.

Seine exaltierten "Giacometti Variationen" beschreibt er als Zeitgeistexperiment: "Kunst und Mode verfließen immer mehr. Es hat mich gereizt, eine Arbeit über dieses Phänomen zu machen. Die Figuren von Giacometti sind die ausgemergeltsten der gesamten Kunstgeschichte, sein extremes Konzept wollte ich auf die Spitze treiben, übrigens eine Methode, nach der ich meistens arbeite. Und sind nicht auch Models immer groß und mager?"

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Keine Parodie, sondern eine Hommage an die Kunstgeschichte (inklusive einer Verbeugung vor Edgar Degas und seinen Ballerinas mit ihren Tutus aus Tüll), trifft Baldessaris Serie tatsächlich den aktuellen Nerv am Schnittpunkt von Kunst und Mode. Heute sind beide Bereiche nahtlos miteinander zu einem neuen globalen ArtStyle verschmolzen, einem kreativen Lebensstil, zu dem Kunst als eine Facette neben Mode, Design, Architektur, Popmusik und anderen kulturellen Feldern beiträgt.

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe Februar 2011

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe Februar 2011

Doch der Prozess der wechselseitigen Annäherung und Abstoßung, der Dauerflirt von Mode und Kunst, begann bereits vor über 100 Jahren. So entwarf der belgische Jugendstilkünstler Henry van de Velde kurz nach 1900 für seine Frau Maria ein Kleid ohne einengend geschnürtes Korsett, das locker über ihren Körper fiel und sie endlich durchatmen ließ. 15 Jahre später erfand der italienische Universalkünstler Mariano Fortuny, Maler, Modedesigner, Architekt und Erfinder in Personalunion, die plissierten Delphos-Roben aus einem feinst gefältelten Seidenschlauch, die Konturen umspielten, statt sie zu verformen. Auf der anderen Seite sammelte Frankreichs erster Modedesignstar Paul Poiret die Künstler des Art Nouveau, Emile Gallé und Victor Prouvé, und der in Paris arbeitende Brite Charles Frederick Worth professionalisierte die Mode, als er zum ersten Mal lebende Mannequins über Laufstege gehen ließ, statt die Kollektionen auf Kleiderpuppen zu präsentieren.

Christian Dior, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem "New Look" Frauen in Gazellen verwandelte, war ursprünglich Kunsthändler, der Surrealist Salvador Dalí und die große Elsa Schiaparelli konstruierten zusammen Anzüge mit Taschen in Lippenform, und jeder kennt die mit leuchtfarbigen Simultankreisen bedruckten Kleider und Badeanzüge der Ukrainerin Sonia Delaunay und die zackig bunten Herrenanzüge des italienischen Futuristen Giacomo Balla. Längst eine Ikone ist schließlich Andy Warhols Campbell’s Soup-Tomatensuppen-Hängerchen in A-Linie aus dem Jahr 1960, das auch sein Seelen-Couturierfreund Roy Halston in eigenen Entwürfen variierte.

Von Anfang an also inspirierten sich Künstler und Modedesigner gegenseitig höchst vielfältig. Doch blieben ihre Kollaborationen lange eher periphere Spielereien, Austausch von formalen Ideen. Erst als sich Mode und Kunst ab den späten 1960er Jahren allmählich zum Big Business entwickelten, als Kunstmarkt und Marken dank Prêt-à-porter international wurden und immer weiter expandierten, kommerzialisierte sich langsam, sehr langsam auch das launige Pingpong zwischen den beiden Bereichen.

Grenzüberschreitung und Tabubruch wie in den Performances, Happenings und Körperaktionen der siebziger Jahre blieben zunächst bis zum Ende der 1980er Jahre noch unangefochtenes Hoheitsgebiet der Kunst. Mode als Gegenwelt des Luxus, des schönen Scheins und der makellosen Oberflächen bot der Avantgarde eine willkommene Angriffsfläche. Umgekehrt kokettierte die Mode, ihrem frivolen Image gemäß, nach wie vor gerne mit der Kunst, so, wenn Yves Saint Laurent Piet Mondrians De-Stijl-Mosaiken auf seine Minikleidchen drucken ließ oder Gianni Versace einer Roy-Lichtenstein-Skulptur aus seiner opulenten Pop-Art- Sammlung eine Chiffonrobe umhängte. Tatsächlich jedoch verharrten beide Bereiche nach wie vor in sicherer Entfernung voneinander, eigneten sich zwar die eine oder andere kreative Strategie des anderen an, vermischten sich aber nicht.

Erst Ende der 1980er Jahre explodierten die Grenzen, nicht nur die politischen. Die Ära des Crossover und des Mix von High und Low, die postmoderne Dekade immer neuer Collagen, Verknüpfungen, Montagen und Überschneidungen begann. Nun war es faszinierenderweise die Mode, die zum neuen Leitmedium wurde. Vor allem Fotografen wie die Deutschen Juergen Teller und Wolfgang Tillmans und die im letzten Jahr viel zu früh an einem Gehirntumor verstorbene Britin Corinne Day erlösten Mode von ihrer Fixierung auf den Supermodelkult, machten sie nahbar und verankerten sie in der Realität von Alltag und Freizeit.

Parallel wurde die japanische Designerin Rei Kawakubo, die bereits 1973 ihre Marke Comme des Garçons gegründet hatte, zur Hohepriesterin einer neuen Riege von Designern wie dem Belgier Martin Margiela , dem auf Zypern geborenen Hussein Chalayan , dem Briten Alexander McQueen und dem niederländischen Duo Viktor & Rolf, die ihre kompromisslosen Methoden aufgriffen. Sie dekonstruierten Kleider und Stoffe, deformierten sie in ihren Proportionen und definierten so Körper, Kontur und Bewegung im Raum neu.

Zum erstenmal waren es die Kreativen der Mode, die der Kunst zeigten, wo es lang ging. Kawakubo und ihre Schüler radikalisierten die Mode, zerrissen und durchlöcherten Textilien, stülpten Nähte nach außen, verschoben Busen und Po durch Polster an exaltierte Stellen – kurz nahmen fast alles vorweg, was die Mode bis heute erneuerte. Kawakubo selbst arbeitete außerdem früh mit Künstlern und Choreografen zusammen, so 1994 mit Cindy Sherman und 1997 mit Merce Cunningham, und sie war die erste, die ihren Laden von namhaften Architekten wie Future Systems entwerfen ließ. Einen ähnlichen Einfluss bestätigen Designer der nächsten Generation nur noch dem bildscheuen, vom krassen Außenseiter zum Guru mutierten Martin Margiela, der sich und die kreative Welt als erster konsequent von allen "in"- und "out"-Klischees befreite und damit die Perspektiven total verrückte.

"Er hat so viel Innovatives in die Mode gebracht, das einst als subversiv und geradezu schockierend galt und heute Bestandteil des Mainstream geworden ist", meint zum Beispiel Marc Jacobs. 1997 stieß der Amerikaner als neuer Kreativdirektor zu Louis Vuitton, dem französischen, von Yves Carcelle geleiteten Luxusunternehmen, das seit seinen Anfängen um 1880 Künstlern zugetan ist. Dem Beispiel des Firmengründers folgend, sammeln auch Vorstandsvorsitzender Yves Carcelle, Marc Jacobs, und in noch viel größeren Dimensionen Bernard Arnault, Präsident der Gruppe LVMH. Voraussichtlich Ende 2011 wird er seine Sammlung im Pariser Jardin d’Acclimation in einem Gebäude von Frank Gehry zum erstenmal öffentlich präsentieren.

Darüber hinaus arbeitet die Marke seit den späten 1980ern immer enger mit Künstlern von Arman bis zu Olafur Eliasson und Takashi Murakami zusammen. Sie gestalten Produkte und Schaufenster, ihre Werke sind in die Flagschiffläden und exklusiven Kundenräume der Maisons integriert. Damit nicht genug, leistet sich der Konzern im Mutterhaus an den Champs Èlysées eine eigene Ausstellungsgalerie, und auch in andere Flagshipstores wie jüngst Tokio und in rund zwei Jahren München sind und werden Galerien integriert. Inzwischen investiert Louis Vuitton so massiv in den globalen Kommunikationsmagneten Kunst, dass es die allgemein immer feineren Vernetzungen zwischen Mode und Kunst nicht nur mitbeschleunigt, sondern entscheidend dazu beigetragen hat, auch die letzten Barrieren aufzuheben. "Künstler sind wie Modemacher Visionäre", erklärt Vizechef Pietro Beccari die innige Umarmung und spricht bereits von "unserem Art Label".

Doch auch andere große Modemarken pflegen den globalen Art-Chic, haben sie doch ebenfalls den Imagezuwachs erkannt, der aus intelligenten Synergien entsteht, seien sie kulturell oder wie seit kurzem immer häufiger, auch sozial und ökologisch. Strahlt nicht Luxus in Allianz mit Wohltätigkeit und Umweltverantwortung am reinsten? Und Kunst ist schließlich das Vehikel, das wie kein anderes die Einheit von Ästhetik und Ethik zu veranschaulichen vermag.

So ermöglicht die Trussardi-Gruppe, die unter ihrer jungen Vorstandsvorsitzenden Beatrice Trussardi dieses Jahr das 100-jährige Jubiläum feiert, seit 2003 mit der vom Kurator Massimiliano Gioni geleiteten Fondazione Nicola Trussardi spektakuläre Projekte im Mailänder Stadtraum und engagiert sich darüber hinaus in der Klima- und Recyclingforschung. Pierre-Alexis Dumas, Vorsitzender der Umweltstiftung von Hermès, ist eine Partnerschaft mit Iddri eingegangen, einem Institut, das für Biodiversität kämpft. Außerdem produziert er eine neue Linie, "petit h", kleines h, für die der Lederabfall des Hauses zu niedlichen Objekten verarbeitet wird – einer Schaukel, einem Springseil oder einem Rehlein. Darüber hinaus entwirft das Unternehmen mit Künstlern wie Daniel Buren neue Muster für seine Seidentücher und lädt junge Künstler in seine Werkstätten ein. Damit ist es ebenfalls am Puls der Zeit, denn viele konzeptkunstmüde Künstler wie Grayson Perry oder Isabelle de Borchgrave stürzen sich gerade wieder aufs Handwerk.

Eine Pionierin des Crossover war und ist auch Miuccia Prada, die zusammen mit ihrem Mann Patrizio Bertelli bereits 1993 ihre Stiftung in Mailand gründete und seitdem in einer riesigen Fabrikhalle aufsehenerregende Ausstellungen finanziert. Ähnlich früh, seit 1996, verleiht die deutsche Marke Hugo Boss alle zwei Jahre zusammen mit dem New Yorker Museum Guggenheim ihren "Boss Prize", das italienische Label Max Mara tut es seit 2005 (s. Seite 24). Angela Missoni, die Kreativdirektorin des gleichnamigen Hauses, präsentiert ihre Kollektionen wie viele Kollegen gerne im schrägen Kunstambiente wie zuletzt im Londoner Museum of Everything, und Karl Lagerfeld, als Fotograf schon länger gefeiert, ließ Zaha Hadid einen "Chanel Mobile Art Pavilion" bauen, der 2008 durch Hongkong, Tokio und New York tourte.

Beinahe zur Norm geworden ist auch, dass Stars wie Designer Peter Marino (Louis Vuitton) und Architekten von Rem Koolhaas (Prada) bis David Adjaye (Ozwald Boateng) inzwischen die Läden der Modemacher bauen und stylen. Immer mehr Künstler von Jeff Koons bis Damien Hirst entwerfen Unternehmensprodukte, und die russische Mäzenin und Sammlerin Dasha Zhukova, Initiatorin des Moskauer Kunstzentrums Garage, gründete gar 2006 mit Jugendfreundin Christina Tang die Modemarke Kova & T und war kurzzeitig Chefredakteurin des Pop-Magazins. Es scheint eindeutig: Die Paarung von Kunst und Mode zum ArtStyle-Gesamtkunstwerk ist vollzogen.

Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Weltkunst 02/2011

 
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