Kunst und Mode: Das visionäre PaarSeite 2/3
Erst Ende der 1980er Jahre explodierten die Grenzen, nicht nur die politischen. Die Ära des Crossover und des Mix von High und Low, die postmoderne Dekade immer neuer Collagen, Verknüpfungen, Montagen und Überschneidungen begann. Nun war es faszinierenderweise die Mode, die zum neuen Leitmedium wurde. Vor allem Fotografen wie die Deutschen Juergen Teller und Wolfgang Tillmans und die im letzten Jahr viel zu früh an einem Gehirntumor verstorbene Britin Corinne Day erlösten Mode von ihrer Fixierung auf den Supermodelkult, machten sie nahbar und verankerten sie in der Realität von Alltag und Freizeit.
Parallel wurde die japanische Designerin Rei Kawakubo, die bereits 1973 ihre Marke Comme des Garçons gegründet hatte, zur Hohepriesterin einer neuen Riege von Designern wie dem Belgier Martin Margiela , dem auf Zypern geborenen Hussein Chalayan , dem Briten Alexander McQueen und dem niederländischen Duo Viktor & Rolf, die ihre kompromisslosen Methoden aufgriffen. Sie dekonstruierten Kleider und Stoffe, deformierten sie in ihren Proportionen und definierten so Körper, Kontur und Bewegung im Raum neu.
Zum erstenmal waren es die Kreativen der Mode, die der Kunst zeigten, wo es lang ging. Kawakubo und ihre Schüler radikalisierten die Mode, zerrissen und durchlöcherten Textilien, stülpten Nähte nach außen, verschoben Busen und Po durch Polster an exaltierte Stellen – kurz nahmen fast alles vorweg, was die Mode bis heute erneuerte. Kawakubo selbst arbeitete außerdem früh mit Künstlern und Choreografen zusammen, so 1994 mit Cindy Sherman und 1997 mit Merce Cunningham, und sie war die erste, die ihren Laden von namhaften Architekten wie Future Systems entwerfen ließ. Einen ähnlichen Einfluss bestätigen Designer der nächsten Generation nur noch dem bildscheuen, vom krassen Außenseiter zum Guru mutierten Martin Margiela, der sich und die kreative Welt als erster konsequent von allen "in"- und "out"-Klischees befreite und damit die Perspektiven total verrückte.
"Er hat so viel Innovatives in die Mode gebracht, das einst als subversiv und geradezu schockierend galt und heute Bestandteil des Mainstream geworden ist", meint zum Beispiel Marc Jacobs. 1997 stieß der Amerikaner als neuer Kreativdirektor zu Louis Vuitton, dem französischen, von Yves Carcelle geleiteten Luxusunternehmen, das seit seinen Anfängen um 1880 Künstlern zugetan ist. Dem Beispiel des Firmengründers folgend, sammeln auch Vorstandsvorsitzender Yves Carcelle, Marc Jacobs, und in noch viel größeren Dimensionen Bernard Arnault, Präsident der Gruppe LVMH. Voraussichtlich Ende 2011 wird er seine Sammlung im Pariser Jardin d’Acclimation in einem Gebäude von Frank Gehry zum erstenmal öffentlich präsentieren.
Darüber hinaus arbeitet die Marke seit den späten 1980ern immer enger mit Künstlern von Arman bis zu Olafur Eliasson und Takashi Murakami zusammen. Sie gestalten Produkte und Schaufenster, ihre Werke sind in die Flagschiffläden und exklusiven Kundenräume der Maisons integriert. Damit nicht genug, leistet sich der Konzern im Mutterhaus an den Champs Èlysées eine eigene Ausstellungsgalerie, und auch in andere Flagshipstores wie jüngst Tokio und in rund zwei Jahren München sind und werden Galerien integriert. Inzwischen investiert Louis Vuitton so massiv in den globalen Kommunikationsmagneten Kunst, dass es die allgemein immer feineren Vernetzungen zwischen Mode und Kunst nicht nur mitbeschleunigt, sondern entscheidend dazu beigetragen hat, auch die letzten Barrieren aufzuheben. "Künstler sind wie Modemacher Visionäre", erklärt Vizechef Pietro Beccari die innige Umarmung und spricht bereits von "unserem Art Label".
Doch auch andere große Modemarken pflegen den globalen Art-Chic, haben sie doch ebenfalls den Imagezuwachs erkannt, der aus intelligenten Synergien entsteht, seien sie kulturell oder wie seit kurzem immer häufiger, auch sozial und ökologisch. Strahlt nicht Luxus in Allianz mit Wohltätigkeit und Umweltverantwortung am reinsten? Und Kunst ist schließlich das Vehikel, das wie kein anderes die Einheit von Ästhetik und Ethik zu veranschaulichen vermag.








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