Mode im Film : Wenn Kleidung flüstert

Kostümdesigner im Film sind Dolmetscher: Sie erzählen mit Kleidung eine Geschichte. Jonas Scheler hat fünf Oscar-nominierte Filme auf ihre Mode-Sprache untersucht

Wir kommunizieren mit unserer Kleidung. Was wir tragen, zeigt, woher wir kommen, welcher Klasse oder Gruppe wir angehören und welche sexuelle Orientierung wir haben. Auch im Film lebt ein Charakter durch sein Kostüm. Kostüme erfüllen eine narrative Funktion, sie sind Teil des Storytelling – zum Beispiel, wenn in Nahaufnahme Accessoires wie Knöpfe, Ohrringe oder Halsketten erscheinen.

Die Kleidung im Film zeigt nicht unmittelbar, was passiert, aber wer da ist – sie vermittelt den emotionalen, physischen oder psychosozialen Zustand eines Charakters. Kostüme spiegeln im besten Fall die persönliche Entwicklung einer Person wider, exemplifizieren Gegensätze und Gemeinsamkeiten von Charakteren und machen sie visuell nachvollziehbar. Das Kinopublikum dekodiert die Informationen, die über die Kleidung transportiert werden, binnen Sekundenbruchteilen – und im besten Falle unbewusst. Kostümdesigner sind daher mit Dolmetschern vergleichbar, die die richtigen Worte zur Übersetzung finden müssen.

Bei Filmen, die in der Gegenwart spielen, in unserem normalen Leben, liegt die Herausforderung – anders als bei Kostümfilmen, in denen modehistorische Genauigkeit vorrangig ist – vor allem in der scheinbaren Unauffälligkeit der Kostüme. Sie dürfen nicht stören oder gar von der Geschichte ablenken.

Wir haben fünf Filme herausgesucht, die bei den diesjährigen Oscars nicht in der Kategorie Bestes Kostüm, sondern Bester Film nominiert wurden. Welche Rolle spielt Kleidung darin und inwiefern beeinflusst deren nonverbales Kommunikationspotenzial die Handlung?

In David Finchers Facebook-Film The Social Network drücken die Kleider vor allem divergierende Gruppenzugehörigkeiten aus. Der Hauptprotagonist Marc Zuckerberg kombiniert wie sein reales Vorbild eklektisch Fleece-Jacke, Adiletten und Kapuzenpullover – und steht damit exemplarisch für die Welt der US-amerikanischen Colleges und Highschools.

Zu Gesprächen mit Investoren taucht Zuckerberg provokativ im Bademantel auf, die Hawaii-Mottoparty der Uni besucht er nonchalant im Collegepullover. Zuckerberg, der Querulant, hält Anpassung für überflüssig. Als Zeichen seines Nonkonformismus setzt er sich bewusst über die gesellschaftlichen Kleidernormen hinweg. Seine Widersacher sind im konservativen Preppy-Look der Elite-College-Studenten gekleidet und suggerieren damit weniger Innovations- als vielmehr Traditionsbewusstsein.

Die subtile Aussage von The Social Network: Wer als erfolgreicher Selfmademan in den USA Karriere macht, darf sich über die gesellschaftlichen Konventionen eines bürgerlichen Mainstream ungestraft hinwegsetzen.

Sehr homogen wirken die Kostüme der männlichen Charaktere im dem Science-Fiction-Thriller Inception. Sie suggerieren eine coole und selbstbewusste Maskulinität, die sich nicht über Muskelkraft, sondern über das Tragen von maßgeschneiderten Anzügen definiert. Doch die Charaktere sind hier wie der Wolf im Schafspelz: Sie geben sich äußerlich harmlos und seriös, in ihrem Denken und in ihren Absichten sind sie grausam und totalitär. So ist der Hauptdarsteller Cobb (Leonardo di Caprio) damit beauftragt, Menschen fremde Ideen ins Unterbewusstsein zu implantieren. 

Die beiden Frauen im Film, Cobbs Gattin Mal und die Studentin Ariadne, unterscheiden sich dagegen ganz deutlich in ihrer Kleidung. Mal steht mit ihren edlen Abendroben und kunstvollen Frisuren für eine sehr feminine und zeitlose Eleganz, sie erinnert an die Femmes fatales des film noir. Damit wird ihr subversives Potential gegenüber Cobb betont, dem sie bei seiner Mission wiederkehrend als Gegenspielerin in den Traumwelten begegnet. Einen Gegenpol zu Mal stellt Cobbs Teampartnerin, die Studentin Ariadne, dar. Sie betont ihre Weiblichkeit in der Kleidung weit weniger. Auf diese Weise werden die divergierenden Rollen der Charaktere betont: Ariadne ist – als Architektin der Traumwelten – die Konstruktive, während Mal den Part der Destruktiven übernimmt.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Homophobie?

Leute habt Ihr keine anderen Probleme? Wer von den laut aufschreienden ist denn wirklich homosexuell und fühlt sich durch diesen harmlosen Satz angegriffen? es ist nunmal Fakt, dass sowohl Schwule, als auch deren vermeintliches Gegenteil massiv über Ihr Erscheinungsbild definieren und da gehören eben "Titten" dazu. Also mal den Ball flach halten und sich über nen interessanten Artikel über die Wirkung von Kleidung freuen. Danke.