Second-Hand-Brautmode Kleider machen Bräute
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 Ein schneefarbenes Winterwunderland der Mode

"Kommen Sie bitte ungeschminkt und ziehen sie hautfarbene Unterwäsche an", hatte mich O’Byrne deswegen vor dem Termin instruiert. "Und bitte bringen Sie nicht mehr als zwei Begleitpersonen mit." Als Hannah O’Byrne uns die Tür öffnete, war klar, warum: The Vintage Wedding Dress Company ist kein Laden, sondern eine Londoner 3-Zimmer-Wohnung am Bloomsbury Square, durch deren Flur man nur im Entenmarsch gehen kann. O’Byrne, eine resolute junge Frau mit asymmetrischem Haarschnitt, hat ihre modische Bildung vom renommierten St. Martins College. Sie, eine Kollegin und die Chefin Charlie Brear, wechseln sich bei den Terminen ab. Der Showroom ist an sieben Tagen in der Woche geöffnet. Die Frauen helfen den Kundinnen bei der Anprobe und stehen ihnen in Stylingfragen und bei etwaigen Änderungen zur Seite. "Im Moment sind wir aber nur zu zweit", sagt O’Byrne. Brear ist schwanger und hat sich eine Auszeit genommen.

Ich bin froh, dass ich nur eine Freundin mitgebracht habe. Wenn sich eine von uns dreien im Raum bewegen will, müssen die anderen beiden ausweichen. Etwa 70 Kleider hängen im Showroom auf Bügeln. Die Hälfte stammt aus vergangenen Dekaden von 1900 bis 1970. Die andere Hälfte sind Repliken, die sogenannte Decades Collection. Für diese lässt Charlie Brear von ihren schönsten Fundstücken Kopien in Seide oder Spitze fertigen, die individuell mit Ärmeln oder Stickereien variiert werden können.

Die getragenen Kleider hängen links, die neuen rechts. Das Zimmer ist ein schneefarbenes Winterwunderland der Mode. Satin, der glänzt wie Folie. Liebevoll von Austern ausgespuckte Perlen. Akribisch platzierte Pailletten. Spitze, meerschaumgleich. "Wenn das bei Brautmoden Weyer hängen würde, fändest du es fürchterlich", sagte meine Freundin, während sie eines der Kleider inspizierte. Wahrscheinlich hat sie Recht. "Sie sollten auch Modelle anprobieren, die sie nicht auf den ersten Blick mögen", riet O’Byrne. Ihre Erfahrung zeigt, dass eine Frau, die mit dem Vorsatz kommt, ein 50er-Jahre-Modell mit knielangem Rock und betonter Taille zu kaufen, sich vielleicht plötzlich in ein langes, gerade Kleid aus den 20er Jahren verliebt. Oder umgekehrt.

Überhaupt sollte sich, wer bei Charlie Brear einkauft, nicht von vorneherein auf einen Stil fixieren. "Da wir mit Vintage-Mode handeln, können wir nie garantieren, dass etwas passendes da ist. Ist ein Kleid verkauft, ist es weg", sagt O’Byrne. Um hier ein Brautkleid zu finden, muss man ein wenig Glück haben. Oder flexibel sein. Auf jeden Fall aber ein ausreichendes Budget einplanen, denn die Kleider haben ihren Preis: Die Stücke aus der Decades Collection kosten zwischen 1350 und 2600 Pfund (etwa 1530 bis 2950 Euro). Ohne Änderungen. Trotzdem verkaufen Brear und ihr Team etwa 350 Kleider pro Jahr – fast jeden Tag eines.

"Wir verkaufen in etwa so viele unserer eigenen Entwürfe wie Vintage-Modelle", sagt Brear. Vielleicht, das war meine Hoffnung, ist unter den günstigeren gebrauchten (sie kosten ab 950 Pfund aufwärts) ja genau das Einzelstück, das zu mir passt. Aber nach einer Stunde Anprobe habe ich mich von diesem Gedanken fast verabschiedet. "Es geht nicht zu. Wir könnten unter dem Arm aber etwas Stoff einsetzen, um es weiter zu machen." Das Batistkleid spannt in der Taille und an den Schultern. Bis auf die Modelle aus den 70er Jahren waren eigentlich alle zu schmal für mich. Davon sollte man sich bei Vintage-Kleidern nicht die Laune verderben lassen. "Vor 100 Jahren waren die Menschen kleiner und die Frauen am Tag ihrer Hochzeit noch recht jung." Außerdem mogelten die Bräute ihre Rundungen mit Pressunterwäsche weg. "Bis zu den 60er Jahren trugen die meisten Frauen noch Korsette", sagt O’Byrne.

Ich bin ein wenig enttäuscht: Mein Favorit, ein Modell aus den 30er Jahren, sieht an mir aus wie eines der Outfits von Kim Basinger in L.A. Confidential. Grandios – wenn man darüber hinwegsieht, dass kein blonder Vamp darin steckt. Und im 20er-Jahre-Modell aus der Decades Collection sehe ich wegen der tiefen Taille aus wie eine Seidenraupe beim Sackhüpfen.

"Probieren Sie bitte einmal dieses hier", sagt O’Byrne. Es stammt aus den 40er Jahren, ist schlicht, schmal und hat einen skandalösen Rückenausschnitt. Ich kann mir nicht vorstellen, damit in einer Kirche zu stehen. Aber die Hochzeitsexpertin winkt mich mit einem derart fröhlichen Gesicht zurück in die Umkleidekabine, dass ich nicht nein sagen möchte.

Tatsächlich fällt die kräftige Spitze lose genug, um sich wohl zu fühlen. Das Unterkleid hat eine luxuriöse Schwere. Ich trete vor den Spiegel. Ja, das ist es. "Was kostet es?" "2200 Pfund ohne Änderungen", sagt O’Byrne. Ich halte inne, genieße den Augenblick in einem perfekten Kleid. "Eleganz besteht nicht darin, ein neues Kleid anzuziehen", hat Coco Chanel einmal gesagt. Aber, denke ich, Eleganz hat viel damit zu tun, ob man sich ein gebrauchtes Kleid leisten kann. Oder nicht.


 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Wir würden uns freuen, wenn Sie sich mit konstruktiven Beiträgen beteiligen würden. Danke, die Redaktion/fk.

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