Ein Blick in den Arbeitsraum der Hutmanufaktur Mühlbauer

Einmal im Jahr läuft am Franz-Josefs-Kai in Wien die Leitung aus Hollywood heiß. Dann ruft die persönliche Stylistin von Brad Pitt bei dem Hutmacher Klaus Mühlbauer an und bestellt Nachschub. Mühlbauer stellt dann aus der neuen Kollektion 30 Hüte aus Stroh, Filz oder Pelz zusammen und schickt sie nach Los Angeles – und ein paar Tage später hängen seine Kreationen bei Brangelina an der Garderobe. Ganz bescheiden sagt Mühlbauer: "Brad Pitt ist Stammkunde."

Mühlbauer, 43, leitet in der vierten Generation das Hutmachergeschäft seiner Familie. So ein Traditionsbetrieb hochwertigen Schneider-Handwerks ist in Deutschland beinahe ausgestorben. In Städten wie Berlin oder München vertrieben die Nazis jüdische Tuchmacher, in Ostdeutschland sorgten die Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg für einen endgültigen Exodus. In Wien haben die Schneider überlebt, eine Handvoll arbeitet nach wie vor für einen exklusiven Markt, Mühlbauer ist einer von ihnen – seine Kunden aus allen Teilen der Welt begeistern sich für seinen individuellen Stil.

Zum Beispiel die Japaner. Die sind ganz vernarrt in die Kollektionen, die für Herren in den Größen 56 bis 62 und ab 200 Euro gefertigt werden. Ein Dutzend Angestellte sitzt an Nähmaschinen in der überschaubaren Werkstatt in der ersten Etage am Franz-Josefs-Kai, in einem separaten Raum thront ein riesiger Ofen, der auch in einer Bäckerei stehen könnte. In ihm werden die Stoffe auf Holzmodelle gezogen und so an die Kopfform angepasst. Mühlbauer verwehrt sich gegen das Vorurteil, er betreibe eine Art Hochzeitsfolklore: "Wir machen Mode, keine anlassbezogenen Kopfbedeckungen." Seit 1903 beliefert die Manufaktur 200 Kunden im Großhandel, zum Beispiel das Alsterhaus in Hamburg oder Harrods in London.

Was den Erfolg solcher Wiener Traditionsbetriebe ausmacht? "Sie haben überlebt, weil sie die Expertise mehrerer Generationen in der Familie weitergegeben haben", sagt Alison Clark, eine Britin, die als Professorin für Designgeschichte an der Universität für angewandte Kunst Wien unterrichtet. Kürzlich hat sie einen Kurzfilm gedreht, der die traditionsreichen Unternehmen untersucht. Er trägt den passenden Titel "Slow", denn nur behutsam verändert sich die Branche in Wien. Und das ist ihr großer Vorteil geworden. "Ich beobachte ein zunehmendes Interesse an solchen Firmen", sagt Clark. "Die Menschen sind von der flüchtigen Mode unserer Tage gelangweilt, von ihrem Mangel an Intimität."