ZEIT ONLINE: Frau van Herpen, es gibt nicht viele Designer, die sich rühmen können, im offiziellen Programm der Haute Couture zu stehen. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

Iris van Herpen: Für mich kam das, ehrlich gesagt, völlig überraschend. Was Verarbeitung und Handarbeit angeht, entsprechen meine Kreationen zwar den Anforderungen der Fédération. Davon abgesehen haben sie wenig mit dem zu tun, was man sonst mit traditioneller Haute Couture verbindet.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Van Herpen: Meinen Stil würden die meisten wahrscheinlich als sehr futuristisch bezeichnen. Aber meine Kreationen haben auch einen starken Bezug zur Natur, ich arbeite gerne mit organischen Schnitten. Außerdem liebe ich die Mischung aus Instinkt und Verstand. Vieles in meinen Kollektionen entsteht intuitiv, ich versuche meine Hände arbeiten zu lassen, ohne über das, was ich gerade tue, nachzudenken. Gleichzeitig gibt es Aspekte, die klar durchdacht sind, so wie zum Beispiel meine 3-D-Prints aus Hartplastik. Bei dieser Technik muss jedes Detail am Computer genau geplant werden, bevor es hergestellt wird.

Um die Kollektion von Iris van Herpen zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Francois Guillot/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Was ist das Thema Ihrer neuen Herbst- und Winterkollektion 2011?

Van Herpen: Normalerweise arbeite ich mit meinen Kreationen an Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte. Aber diesmal geht es ausnahmsweise um ein Gefühl. Und zwar um das, wenn ich Fallschirm springe. Ich habe das jetzt schon ein paarmal gemacht und werde es nach der Show auf jeden Fall wieder tun. Es ist, als ob man beim freien Fall alles loslassen würde. Wenn man am Boden ankommt, ist es wie ein Neuanfang, als ob man einmal auf den Reset-Knopf gedrückt hätte.

ZEIT ONLINE: Ihre Kollektionen bewegen sich an der Grenze zwischen Mode und Kunst. Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Van Herpen: Ich mache da keinen Unterschied. Ich bin ebenso Künstlerin wie Modedesignerin. Ich weiß, dass manche meiner Kreationen nicht tragbar sind. Sie sind so fragil, dass man in ihnen nicht sitzen kann. Andere dagegen lassen sich ohne Weiteres tragen. Vielleicht nicht tagsüber auf der Straße, aber doch zu einem speziellen Anlass. Ich versuche in meinen Kollektionen immer die Balance aus beidem zu finden.

Die Designerin Iris van Herpen (re.) neben einem ihrer Models nach der Haute-Couture-Schau in Paris © Francois Guillot/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine neue Kollektion entwickeln?

Van Herpen: Es beginnt immer mit dem Chaos. Ich lasse mich erstmal wild von allem Möglichen inspirieren: von Architektur, Tanz, Design. Dann besorge ich mir einen Haufen Stoffe und Materialien. Ich experimentiere viel herum, entwickle Dinge weiter und verwerfe sie dann wieder. Erst wenn ich eine grobe Richtung habe, fange ich an, einen Leitgedanken zu entwickeln. Ich bin nicht der Typ, der sich erst ein Konzept ausdenkt, dann die Zeichnungen entwirft und daraufhin die Stoffe einkauft. Für mich bestimmen die technischen Grenzen und Stoffe das Design, nicht umgekehrt.

ZEIT ONLINE: Viele Designer beginnen Haute Couture mit dem Ziel, irgendwann eine Ready-to-wear-Kollektion zu machen. Ist das auch Ihr Wunsch?

Van Herpen: Nein, Prêt-à-Porter interessiert mich nicht. Zumindest bisher nicht. Es gibt schon so viele gute und tragbare Sachen, das ist keine echte Herausforderung für mich.

ZEIT ONLINE: Was erwidern Sie Leuten, die Haute Couture für obsolet erklären?

Van Herpen: In der Mode läuft meiner Meinung nach nichts ohne Haute Couture. Hier kann man noch experimentieren und Dinge ausprobieren. Prêt-à-Porter ist so schnelllebig, dass sich einfach alles wiederholt. Es bleibt gar keine Zeit, um zum Beispiel eine neue Technik zu entwickeln, alles muss schon wieder für die nächste Saison fertig sein. Wenn es keine Plattformen für neue Ideen gäbe, gäbe es auch keine Mode. Damit ist für mich Haute Couture in gewisser Weise die Zukunft.