Auf seinen Reisen durch Deutschland entdeckte der Fotograf Gregor Hohenberg historische Trachten als Kunsthandwerk. © Gregor Hohenberg

ZEIT ONLINE: Warum wird die Existenz von Trachten oft nur auf Süddeutschland reduziert?

Gregor Hohenberg: Das passiert, wenn man sich nicht unmittelbar mit Trachten beschäftigt. Die erste Assoziation, die man hat, ist das Oktoberfest mit Lederhosen und Dirndln. Letzten Endes ist das nicht Tracht im eigentlichen Sinne, sondern das, was man sich landläufig vorstellt, wenn der Begriff fällt.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie dazu motiviert, durch ganz Deutschland zu fahren, um die Trachten der verschiedenen Regionen fotografisch festzuhalten?

Hohenberg: 
Die deutsche Geschichte und Kultur waren schon immer Bereiche, die mich sehr interessiert haben. Dazu gehören auch die Trachten. Es ist so ein offensichtliches Thema. Ich war überrascht, dass es noch nie ausgiebig bearbeitet wurde. Meines Wissens gibt es keine umfassende Publikation zu Trachten in Deutschland.
Die erste Idee an ein Fotoprojekt zum Thema Trachten hatte ich im Urlaub auf Sardinien. Dort gab es zur Osterzeit viele Prozessionen und damit verbundene Volksfeste. Das sind Gelegenheiten, zu denen alte Bräuche gepflegt werden und junge Leute die Tracht der Region tragen. Dazu wird traditionelle Musik auf dem Akkordeon gespielt und die Menschen tanzen auf der Piazza. Es war eine sehr beeindruckende Atmosphäre. Ich habe damals angefangen, dieses Ereignis zu filmen und im Nachhinein hat mich das Thema so gefesselt, dass ich anfing, eine konkrete Idee zu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Das Vorhaben hört sich nach sehr viel Recherchearbeit an. Wie haben Sie sich auf das Projekt vorbereitet?

Hohenberg:
 Wir haben zwei bis drei Wochen nur recherchiert. Es gab zur Zeit des Zweiten Weltkriegs viele Publikationen zu Trachten und auch berühmte Trachtenfotografen wie Erich Retzlaff. Außerdem gibt es in Berlin die Lipperheidesche Kostümbibliothek. Sie ist Teil der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin und eine der bedeutendsten kostümhistorischen Sammlungen Europas. Ich habe mich mit der Kuratorin vor Ort getroffen und hatte die Möglichkeit in der sehr umfassenden Sammlung von Schwarz/Weiß- Fotografien aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu recherchieren.

ZEIT ONLINE: Für welche Art der fotografischen Inszenierung haben sie Sich schließlich entschieden?

Hohenberg:
Ich finde es interessant, Trachten in Museen zu sehen, aber es ist natürlich viel spannender, wenn sie getragen werden. Es zeigt, dass die Tracht lebt und nicht museal ist. Deswegen wollte ich sie am Körper des Besitzers zeigen. Eine Tracht wurde meistens für eine Person maßgeschneidert und begleitete sie bis zum Tod oder für einen bestimmten Lebensabschnitt – beispielsweise von der Konfirmation bis zur Hochzeit. Nach dem Tod wurde man mit ihr begraben oder sie wurde weitervererbt.

ZEIT ONLINE: Ihre Arbeit zeigt auch einige Landschaftsbilder und religiöse Motive. Wie viel romantischer Gedanke steckt in ihrer Darstellungsart der Trachten?

Hohenberg:
 Der romantische Hintergrund ist nicht von der Hand zu weisen. Es gehört alles zusammen. Man zeigt mit der Tracht eine fast verlorene Welt. Man plant einen Schwerpunkt für die Umsetzung und dann entwickelt es sich. Das klassische Trachtenfoto war mir zu verbraucht und trocken. Das Interessante sind die Menschen, die Gesichter der Region. Dazu gehört auch die Umwelt mit der Natur und den Gebäuden.
Ich wollte keinen Bruch, sondern ein Gefühl vermitteln, indem ich Orte gesucht habe, die zu den Kleidern passen. Nein, zu den Gewändern. Man darf nicht Kleider sagen. Kleider wäre auf eine gewisse Art eine Beleidigung. Außerdem wollte ich ganz dicht rangehen, um die Details zu betrachten, die Stickereien und den Schmuck. Allein der Schmuck wäre ein Thema für sich.

ZEIT ONLINE: Kann der Rückblick auf die Trachten heutige Designer in ihren Entwürfen ein Stück weit nach vorne bringen?

Hohenberg:
Allein die alten Handwerkstechniken zeigen, was an Verarbeitung möglich sein kann. Das ist genau das, was Designer wie Viktor & Rolf oder Bernhard Willhelm an der deutschen Tracht inspiriert. Dazu kommen die Drucke, Farbkombinationen, Applikationen, filigrane Stickereien, Raffungen, Faltenlegung und Kopfbedeckungen. Es gibt unendlich viele Dinge und ich finde, jeder modeinteressierte Mensch sollte sich mit Trachten beschäftigen, da sie einen über Jahre gewachsenen Reichtum darstellen. Die meisten Designer gehen jedoch relativ nüchtern an die deutsche Kultur heran und sehen ausschließlich den handwerklichen Aspekt.

ZEIT ONLINE: Hat sich ihr Blick auf Deutschland während ihrer Reise zu den verschiedenen Trachtenregionen verändert?

Hohenberg: 
Ich komme als Fotograf auch sonst viel herum und bin schon immer ein Deutschlandfan gewesen. Es ist ein schönes Land mit einer uralten Kultur und Geschichte. Es macht Spaß, die Spuren zu finden. Sich mit Trachten zu beschäftigen ist eine Spurensuche. Man erfährt letzten Endes auch etwas über sich.