Oktoberfest-Mode Die große Wadl-Schau

Was auf der Wiesn getragen wird, ist meistens Ramsch, sagt Andreas Wandinger. Warum Dirndl und Lederhosen trotzdem so viel Spaß machen, erklärt der Trachtenexperte auch.

Besucher des 178. Oktoberfestes in München

Besucher des 178. Oktoberfestes in München

ZEIT ONLINE: Herr Wandinger, sind die Oktoberfest-Wochen für Sie als Trachtenexperte eigentlich wie Weihnachten?

Alexander Wandinger: Ich bin eher amüsiert. Das Oktoberfest ist eine riesige Party, auf der – mittlerweile – Tracht als Partymode getragen wird. Leider kippt es gerade ins Dogmatische, es entwickelt sich ein Gruppenzwang zum Dirndl und zur Lederhose. Das finde ich bedenklich.

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ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Alexander Wandinger
Alexander Wandinger

Der Leiter des Trachteninformationszentrums Benediktbeuern machte sein Interesse am Thema Tracht direkt nach der Schulzeit zum Beruf. Nach langjähriger Feldforschung in Archiven und Trachtenvereinen gründete er im Auftrag des Bezirks Oberbayern das Trachteninformationszentrum. Im Jahr 2002 gab er den Sammelband Tracht ist Mode heraus.

Wandinger: Eine historische Wirklichkeit wird kreiert. Sie lautet: Zum Oktoberfest gehört die Tracht dazu. Auf historischen Bildern sehen Sie aber Männer in schwarzen Anzügen und Frauen in dunklen Kostümen. Die Entwicklung ist natürlich typisch für vieles, was Bräuche und Brauchtum angeht. Sie ist aber nicht unbedingt gut. Mit jedem Jahr äußern sich mehr sogenannte Experten zum Thema Tracht. Und da ist viel Blödsinn dabei. Zum Beispiel, dass die Schleife bei verheirateten Frauen rechts gebunden wird, bei Ledigen links und bei einer Jungfrau vorne. Das ist der allergrößte Schmarrn. Das entbehrt historisch jeder Grundlage.

ZEIT ONLINE: Was genau wird denn nun eigentlich getragen? Die Kleider sehen bei aller Farbigkeit doch ziemlich uniform aus.

Wandinger: Das liegt daran, dass die Oktoberfest-Dirndl fast alle von den gleichen Herstellern sind. Diese sehr verkitschten Dirndl mit knalligen Farben, vielen Rüschen. Sie haben in der Trachtenmode ja keine Modejournalisten oder Designer, die sagen: "Das ist jetzt das neue Dirndl." Die Mode machen die Hersteller. Leider ist vieles, was Sie auf dem Oktoberfest sehen, billigste Kleidung. Mit der Nachhaltigkeit und Qualität, die wir mit Tracht verbunden wissen wollen, hat das nichts zu tun. Dazu kommt, dass eine Lederhose für 79 Euro giftige Schwermetalle und Gerbstoffe enthält. Und ein stilvolles Dirndl muss eigentlich auf den Körper geschnitten sein. Das ist bei den billigen Modellen von der Stange natürlich nicht der Fall.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, die Hersteller machen die Mode. Haben die Wiesn-Dirndl von heute gar nichts mehr mit der historischen Vorlage gemein?

Wandinger: Das Dirndl geht auch jetzt noch auf die Trachtenmode zwischen 1915 und 1920 zurück. Da wurde das Dirndl bei uns, zuerst in der Stadt und dann auf dem Land, wirklich aktuell. Davor gab es das Dirndl nur in sehr wenigen Gebieten und nur als Arbeitsgewand. Über die österreichische Trachtenmode kam das Dirndl zu uns und schlug ein wie eine Bombe. Seither ist es ein Faszinosum, es macht alle Moden mit. Die aktuelle Version ist zum Beispiel ein Revival der Mini-Mode der sechziger Jahre. Man sieht auch gerade wieder die klassischere Dirndl-Länge der fünfziger Jahre.

Leser-Kommentare
  1. ich denke nicht, dass Dirndel und Lederhosen zum Gruppenzwang geworden sind! Es ist eine Modeerscheinung. Das Dirndel passt sich der Zeit an. Aber auch traditionelle Dirndel sind noch heiss begehrt. Im übrigen merken die meisten auf den Wiesn nicht wer das qualitativ hochwertige trägt und wer nicht...

  2. Wenn Herr Wandinger den fehlenden historischen Bezug für das Oktoberfest moniert, sollte er mal auf das Stuttgarter Volksfest kommen.

    Da ist die Dirndl-Quote inzwischen gleich hoch. Und das obwohl es da nicht mal mehr einen lokalen Trachten-Bezug gibt.

    Es ist halt einfach nur ein Spaß-Outfit, ein Dress-Code zur Party.

    Man sollte denken, dass eine emanzipierte Frau ein Kleidungsstück, das so auf das Weibchenschema abfährt, ablehnt.

    Die tragen dann - selber im Bekanntenkreis beobachtet - einfach Lederhosen. Transvestismus wird ja bei Frauen toleriert. Männer im Dirndl habe ich noch keine gesehen...

  3. Auf Wunsch des Verfassers entfernt. Die Redaktion/fk

  4. 4. Schade

    Aber kann ich verstehen, das man mein Kommentar löschte. Ich war zu böse, es war zu spät und ich geb mir ab nun mehr Mühe, nehme Rücksicht und bin verständnisvoll.

    Ich lebe in München und muss sagen, ich werde ab Heute die ganzen Dirndl vermissen. Hätte ich nicht gedacht. Vielleicht traut sich ja Frau in Zukunft einfach auch mal mehr das Dirndl grundlos anzuziehen. Denn was ist weiblicher als ein schönes Dirndl? Zum Glück hab ich viele Freundinnen, die viele und schöne haben.

    Ich zieh natürlich keine Tracht an, ich mag auch keine Faschingskleidung. Das Schlimmste: Mottopartys.

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