76 Tage verbringen Frauen damit, etwas in ihrer Tasche zu suchen
Die amerikanische Außenministerin ist mit ihrer signalrosa Lieblingstasche von Ferragamo bei öffentlichen Anlässen zwischen den dunklen Anzügen der Männer deutlich zu erkennen. Sie hebt sich bewusst von ihren Kollegen ab, auch wenn sie die Bedeutung ihrer Tasche herunterspielt: "Sie macht mich einfach glücklich. Mit einer rosafarbenen Tasche kann man doch nicht traurig sein." Hätte Anna Karenina, die Hauptfigur aus Leo Tolstois gleichnamigem Roman, das gewusst, dann wäre sie vielleicht lieber mit einer rosafarbenen Ferragamo zum Bahnhof gegangen – kurz vor Ende des Romans wirft sie erst ihre rote Tasche weg und dann sich selbst vor den Zug.
Auffällig an Clintons Tasche ist aber nicht nur die Farbe, sondern auch die Größe. "Die Handtaschen sind in den vergangenen Jahrzehnten mit den Ansprüchen an ihre Trägerinnen gewachsen", sagt die Modehistorikerin Adelheid Rasche. In den überdimensionierten Modellen waren eben nicht nur Lippenstifte und Kopfschmerztabletten. Sie waren Büro und Wickeltasche, Boudoir und Snackbar. 76 Tage ihres Lebens verbringen im Frauen im Schnitt damit, etwas in ihrer Tasche zu suchen. Eine internationale Untersuchung von 2009 listet auf, welche Dinge in den Handtaschen der Teilnehmerinnen gefunden wurden: darunter Ersatzstrumpfhosen, Laptops, Kinderspielzeug, To do-Listen, Liebesbriefe, Schweizer Taschenmesser, Sexspielzeug, Vielfliegerkarten und High Heels. Mary Poppins mit ihrer bodenlosen Tasche aus Teppich kann dagegen einpacken.
Zwischen 2003 und Jahr 2008 war das Gewicht von Taschen so um 38 Prozent gestiegen: der durchschnittliche Inhalt wog laut einer Studie 2,3 kg. Nur ein Jahr darauf ließ ein britisches Warenhaus erneut wiegen. Die durchschnittliche Tasche wog plötzlich nur noch 1,5 kg. "Das liegt an den Smartphones, die heute Zeitung, MP3-Player, Adressbuch, Taschenkalender und manchmal sogar das Laptop ersetzen", sagt Sigrid Ivo vom Taschenmuseum in Amsterdam. Das Taschen-Mutterschiff, in dem manchmal sogar noch eine kleineres Taschen-Beiboot als Ersatz untergebracht war, hat damit seine Funktion verloren.
In diesem Jahr werden die Taschen entsprechend kleiner. Die schmale Kuvertform, die Salvador Dalí für seine Gala kreierte, wird in einer moderneren Version von Lancel wieder aufgelegt. In der aktuellen Tom Ford-Kampagne reflektiert eine schützend vor das Modelgesicht gehaltene DIN-A-4-große Tasche das Blitzlicht. Prada wirbt mit Taschen, in die zwar ein iPad, aber keine Yoga-Matte mehr passt. Und für die jüngere Linie Miu Miu liegt die Schauspielerin Hailee Steinfeld träumend zwischen pastellfarbene Wildledertaschen als wären diese die verstreuten Seiten eines Liebesbriefs. Heißt das, dass das Leben für Frauen nun traumhaft einfach wird? Haben sie ihren Machtbereich so weit ausgedehnt, dass sie keine riesige Tasche mehr brauchen, um sich Raum zu verschaffen?
Vielleicht müsste man dazu Ann Timson befragen. Ganze 55 Jahre nachdem die zarte Grace Kelly ihre Tasche schützend vor sich hielt, demonstrierte die Engländerin, dass eine Handtasche nicht nur Sichtblende, sondern auch Waffe sein kann. Weil Passanten im Februar diesen Jahres nur zusahen, wie sechs junge Männer am helllichten Tag ein Juweliergeschäft ausraubten, schlug die 71-Jährige so lange mit ihrer Handtasche zu, bis die Räuber flüchteten. Welches Modell die ehemalige Marktfrau trug, ist nicht bekannt. Ann Timson hätte es jedoch verdient, dass man es nach ihr benennt.
Erschienen im Tagesspiegel
- Datum 11.10.2011 - 17:37 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle Tagesspiegel
- Kommentare 34
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:











.... 76 Tage ...., .... .
Gibt verlässliche Zahlen darüber, wieviel Lebenszeit Frauen aufwenden, überhaupt die "richtige Handtasche" ihr eigen nennen zu können.
Ein erschwerender Einflußfaktor dürfte sein, dass -während- sie dies tun, die unpassenden Schuhe getragen werden.
Warum eigentlich ?
Die Welt da draussen ist so schlecht und noch geht es uns gut. Wer weiß, wie lange noch?
Da benötigt die heutige, endlich von Konventionen und Zwängen befreite (?) und unabhängige (?) Frau eben 100 Handtaschen. Denn uns macht es glücklicher, Grün zu wählen und 100 Handtaschen im Schrank zu haben, als Verzicht zu üben...
Was interessiert da schon waskommen wird?
Um die vielen It-Taschen schnell wechseln zu können, braucht man dringend eine gutes In-Tasche, in der schon mal alles drin ist, was man so braucht *-*
Moin,
ein weiteres wichtiges Accessoire der Frau ist neben der Handtasche die Papiertüte einer bekannten Kosmetikkette. Analog konstruierte Behältnisse anderer Firmen sind auch zulässig. Mindestbedingungen sind Lackpapier und dezent farbenfrohes Layout.
Analog designte Tüten eines Herstellers von sagen wir, Turbinen, gehen allerdings so was von gar nicht.
CU
ich bin mir nicht mehr sicher ob ich es in nietzsche, yalom oder wardetzki gelesen habe, aber einer behauptet dass die handtasche eine öffentliche darstellung der vagina bedeutet. ständig muss darin herumgewühlt werden. halb so schlimm, wir männer würden ja heute noch mit nem revolver rumlaufen. das wurde verboten. jetzt hauen wir uns eben mit nem aktenkoffer auf unsere schädel.
Sehr geehrte/r guentherotto,
es war Sigmund Freud, der 1905 der Handtasche eine sexuelle Konnotation zuschrieb. Seine Patientin Dora soll in den Sitzungen unbewusst an ihrer Handtasche herum gespielt haben.
Viele Grüße aus der Redaktion.
Sehr geehrte/r guentherotto,
es war Sigmund Freud, der 1905 der Handtasche eine sexuelle Konnotation zuschrieb. Seine Patientin Dora soll in den Sitzungen unbewusst an ihrer Handtasche herum gespielt haben.
Viele Grüße aus der Redaktion.
...haben etwas gemeinsam. Sie schränken die (Bewegungs-) Freiheit ein. Mir scheint, dass Damenoberbekleidung vielfach nur deswegen so unpraktisch ist, um Handtaschenerwerb zu forcieren. Schlüssel, Plastikkarten, Kohle und Kommunikationsmittel kann Mann am Körper tragen, nicht allzu exponiert und entschieden schwieriger zu rauben als eine Handtasche. Hände und Kopf bleiben frei für wichtigere Tätigkeiten. Dass Handtaschen Freiheit und Macht bedeuten sollen, erschließt sich demnach nicht.
Im Übrigen waren die junge Frauen, die ich in einem Club um ihre Handtaschen tanzen sah, nicht selbstvergessen, sondern verkrampft.
Der Sinn des Artikels ist wohl bloß ein unterhaltsamer Artikel zu sein. Das "Phänomen Handtasche" ist doch mit ein wenig Menschenverstand und Erfahrung leicht zu durchblicken...
Die wenigste Bekleidung für Frauen ist dazu geeignet irgendetwas darin zu verstauen. Selbst die Taschen an 0815-Jeanshosen sind meist viel zu klein um sinnvoll etwas da drin verschwinden zu lassen. Viele sind bloß aufgenähte Stoffteile.
Dasselbe bei Jacken...
Dabei muss auch eine Frau mindestens Geldbörse und Schlüssel irgendwo unterkriegen. Eine Tasche ist unabdingbar. Und wenn sie schonmal da ist, dann kann man sie auch füllen. Und was man immer mit sich rumschleppt wird irgendwann zur Gewohnheit...
Mal ehrlich, so kompliziert ist das doch nicht!
Mich nervt es schon lebenslänglich, dass diese Klamotten keine brauchbaren Taschen haben und mich zur braven Handtäschchenschlepperin machen. Hände frei zu haben, das bedeutet Macht und Handlungsfreiheit! Man was für eine Verblendung oder ..-blödung?
Mich nervt es schon lebenslänglich, dass diese Klamotten keine brauchbaren Taschen haben und mich zur braven Handtäschchenschlepperin machen. Hände frei zu haben, das bedeutet Macht und Handlungsfreiheit! Man was für eine Verblendung oder ..-blödung?
Ich weiß nicht, obs schon gesagt wurde: Die Lieblings-Handtasche sagt eigentlich alles über die Person ause, die sie für sich auserkoren hat.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren