Anselm ReyleWarum Handtaschen keine Kunst sind

Anselm Reyle hat für Dior Accessoires entworfen. Ein Ausverkauf der Kunst an die Mode? Nein, ein lehrreicher Auftrag für eine verwandte Disziplin, sagt der Künstler. von 

Der Berliner Künstler Anselm Reyle bei der Arbeit an einer Handtaschen-Kollektion für Dior

Der Berliner Künstler Anselm Reyle bei der Arbeit an einer Handtaschen-Kollektion für Dior  |  © Promotion

ZEIT ONLINE: Herr Reyle, Sie haben für Dior für kommendes Frühjahr Taschen, Sonnenbrillen und Schuhe gestaltet. Was reizt einen Künstler an der Mode?

Anselm Reyle: Mir ist klar, dass Mode und Kunst als getrennte Welten gesehen werden. Als ich studiert habe, war beispielsweise der Bereich Design sehr negativ besetzt. Aber genau aus dem Grund hat mich die Zusammenarbeit interessiert – weil es gewissermaßen ein Tabu ist.

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ZEIT ONLINE: Sie würden also keine klare Trennung zwischen Modedesign und künstlerischem Schaffen ziehen?

Reyle: Ich glaube, dass es zwischen Mode und Kunst viele Parallelen gibt, die gar nicht gesehen werden. Kunst hat zwar den Anspruch auf Beständigkeit, Allgemeingültigkeit und Langlebigkeit. Sie gilt als etwas, das eigentlich unabhängig von Modeströmungen sein sollte. Aber wenn man sich die Moderne mal so ansieht, ging auch in der Kunst alles wahnsinnig schnell: Es fing an mit dem Impressionismus, dann Expressionismus, Kubismus, zwischendurch Pointillismus. Im Takt von ein, zwei, drei Jahren gab es neue Stile. Das waren genau wie in der Mode Strömungen, die hip waren.

ZEIT ONLINE: Dennoch gibt es doch sicher Vorbehalte unter Künstlern, für Modehäuser zu arbeiten, die in erster Linie Umsatz machen wollen.

Eine Handtasche aus der von Anselm Reyle gestalteten Dior-Kollektion

Eine Handtasche aus der von Anselm Reyle gestalteten Dior-Kollektion  |  © Promotion

Reyle: Ich habe da keine Berührungsängste. Im Gegenteil: Ich fand es spannend, etwas zu machen, das nicht an den Ausstellungsraum gebunden ist. Etwas, das darüber hinausgehen, sichtbar sein kann und auch Leute anspricht, die mit Kunst normalerweise nichts zu tun haben. Aber letztlich war es nicht ich, der den Kontakt gesucht hat, sondern Dior .

ZEIT ONLINE: Und Anselm Reyle und Christian Dior, das hat für Sie auf Anhieb zusammengepasst?

Reyle: Für mich war es besonders reizvoll, dass ausgerechnet Dior mich angesprochen hat: das Klischee eines luxuriösen Modehauses. Für mich sind Klischees nicht unbedingt negativ besetzt. Ich sehe sie eher positiv, als etwas, das viele Leute im Kopf haben und verbindet. Das war für mich auch ein Grund, das Angebot anzunehmen. Ich hätte nicht bei jeder Marke ja gesagt.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie mit den Accessoires Ihre Kunst auf die Straße bringen?

Reyle: Diese Taschen sind nicht unbedingt Kunstwerke. Nur weil ein Künstler etwas macht, ist das Ergebnis nicht automatisch Kunst. Es ging mir zunächst um das Ästhetische, um das Objekt an sich. Natürlich war mir klar, dass es kein Bild ist, sondern eine Tasche.

ZEIT ONLINE: Wann ist denn etwas Kunst?

Reyle: Etwas ist Kunst, wenn derjenige, der es gemacht hat, behauptet es sei welche. Man kann dann entscheiden, ob es gute oder schlechte ist. In diesem Fall habe ich einen Designauftrag bekommen. Ich hatte dabei nicht den Anspruch, dass die Taschen später Kunstwerke sind.

ZEIT ONLINE: Hat Dior Ihren Vorstellungen davon, wie ein luxuriöses Modehaus funktioniert, entsprochen?

Reyle: Ich war erstaunt über die Phase der Entwicklung, ich hatte mir den Entscheidungsprozess nicht so persönlich vorgestellt. In den Dior-Studios sitzt man wie in einem Bastelkurs um einen Tisch herum, schneidet mit der Schere verschiedene Stoffe aus und hält sie nebeneinander, das fand ich sehr sympathisch. Und es ist eine Arbeitsweise, die ich auch aus dem Atelier kenne.

ZEIT ONLINE: Haute Couture könnte man ja als Grenzbereich zur Kunst bezeichnen. Die Kleider werden nicht seriell, sondern einzeln hergestellt.

Reyle: Es wird wirklich alles in Handarbeit gefertigt, das fand ich sehr beeindruckend. Und umgekehrt gibt es in der Kunst durchaus serielle Produktionen. Siebdruck zum Beispiel, wie man ihn von Andy Warhol aus der Pop-Art kennt. Ich selbst arbeite zum Teil auch seriell.

ZEIT ONLINE: Steckt in der Mode also doch auch heute noch mehr Kunst, als oft angenommen?

Reyle: Ich halte die Vorbehalte gegenüber Design jedenfalls nicht für gerechtfertigt. Das ist ein Schutzmantel, den die Kunstwelt gerne aufrechterhalten möchte. Man muss sich aber nur das Bauhaus der Zwanziger Jahre anschauen, da war es egal ob man ein Bild machte, einen Tisch, einen Stuhl oder ein Kleidungsstück entwarf. Alles war gleichwertig und ich sehe keinen Grund warum das nicht auch heute noch so sein sollte.

ZEIT ONLINE: Trotzdem bleibt Mode – im Gegensatz zu Kunstwerken – etwas kommerzielles, ein Konsumprodukt.

Reyle: Sagen wir, es sind unterschiedliche Formen von kommerzieller Verwertung. Natürlich ist ein Bild für ein anderes Publikum gedacht und hat auch eine andere Funktion als eine Tasche. Aber ich glaube, dass Kunst immer auch geprägt oder sagen wir besser abhängig war von bestimmten Geldgebern. Früher waren das die Kirche oder private Mäzene. Ich persönlich betrachte Kunst als einen normalen Beruf, mit dem man auch Geld verdienen muss.
 

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Leserkommentare
  1. wie die ski- overalls aus den 80ern, knallige tarnfarbenmuster. mir tut das auge weh ))

    • ikonist
    • 06. Dezember 2011 16:03 Uhr

    von anselm reye keine kunst sind

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Andy Warhol | Christian Dior | Bauhaus | Mode | Modedesign | Pop-Art
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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