Carine RoitfeldDie Anti-Pariserin

Ihre Art, Mode zu inszenieren, hat immer provoziert. Jetzt stellt die ehemalige Chefredakteurin der französischen "Vogue", Carine Roitfeld, ein Buch über ihr Leben vor. von 

Immer in der ersten Reihe: Carine Roitfeld bei einer Lanvin-Schau in Paris im Frühjahr 2010

Immer in der ersten Reihe: Carine Roitfeld bei einer Lanvin-Schau in Paris im Frühjahr 2010  |  © Francois Durand/Getty Images

Beim Zoll weiß Carine Roitfeld nie, was sie in die Papiere schreiben soll. "Ich bin einfach jemand, der für Modemagazine arbeitet. Mir geht es immer um Bilder. I am an image maker ." Eine Berufsbezeichnung, die in vielerlei Hinsicht zu der zierlichen Französin mit dem charakteristischen Mittelscheitel passt.

Als Stylistin und Langzeit-Chefredakteurin der französischen Vogue hat Roitfeld in den vergangenen 30 Jahren Hunderte Modestrecken veröffentlicht. Topmodels wie Natalia Vadianova, Chrystal Renn und Kate Moss hüllen darin mal verträumt, mal lüstern, mal ironisch ihre Weiblichkeit in die neuesten Kollektionen. "Bei mir sind die Models keine Objekte, sondern Schauspielerinnen. Ich gebe ihnen die Möglichkeit eine Seite von sich zu zeigen, die sie im Alltag verbergen," sagt Roitfeld. In diesem Januar hat sie nach zehn Jahren den Posten an der Spitze der Vogue verlassen. Freiwillig, wenn man sie fragt.

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Carine Roitfeld
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Hedi Slimane

Jetzt sitzt sie in Bleistiftrock und Kaschmirpullover im Restaurant des Berliner Hotel de Rome. Soeben erschien ihre Monographie Irreverent , ein 60 Zentimeter hoher Bildband mit ihren Modestrecken, Interviews, Privatfotos und vielen Dankeskarten von Fotografen, Models und Designern. Alle lieben Carine, die Respektlose. So will es schon der Buchtitel. Auch in Berlin kommen mehr als 150 Bewunderer zur Signierstunde in die Boutique The Corner.

Das Abziehbild der arroganten Chefredakteurin à la Der Teufel trägt Prada passt nicht auf die 57-jährige Pariserin. Sie erzählt lebhaft im Nähmaschinentakt, lacht. Zum Beispiel darüber, wie Mario Testino – Starfotograf und Weggefährte – und sie einmal Models mit Juwelen im Wert von Millionen im Schlamm ringen ließen. Obwohl sie aus einer großbürgerlichen Pariser Familie stammt, umweht Roitfeld nicht un air hautain , der kühle Habitus der wohlhabenden, feinsinnigen Pariserinnen.

Gerade diese hat Roitfeld von Anfang an vor den Kopf gestoßen. Sie steckt mit Vorliebe Männer in Lingerie, ließ Models in Kinderkleidern, mit offenen Mündern voller Pillen, im Schlachthaus oder einbandagiert wie nach einer Schönheits-OP fotografieren. Sie bricht die Unschuld einer weißen Bluse mit Piercings und nackten Brüsten, kombiniert Yves-Saint-Laurent-Anzüge mit Handfesseln aus dem SM-Shop. Ihre letzte Vogue im Dezember 2010 sorgte für öffentliche Entrüstung, weil darin Zehnjährige mit Smokey Eyes und schweren Colliers posierten. Diese Ausgabe war, gerüchtehalber, auch der Grund für ihren Weggang. Und Roitfelds Nachfolgerin Emanuelle Alt ließ anklingen, dass sich die Vogue unter ihr nun wieder mehr an der Pariserin orientieren würde.

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