Die kleine Büste der heiligen Bernardine aus dem späten 15. Jahrhundert mit dem schlichten Nonnenschleier und dem bestechend ruhigen Ausdruck mag unscheinbar sein. Sie ist aber Schlüssel zu den ästhetischen Wurzeln einer Frau, die die Geschichte der Mode des 20. Jahrhunderts wie keine zweite beeinflussen sollte.

Das Bildnis stammt aus dem kleinen französischen Ort Aubazine. Hier wuchs Gabrielle Chanel (1883 – 1971) mit ihren beiden Schwestern in einem Zisterzienserkloster auf. Auch die Idee zu der Ausstellung Culture Chanel, die derzeit im National Art Museum of China in Peking zu sehen ist, nahm hier ihren Anfang wie Kurator Jean-Louis Froment erklärt: "Ich stieß in einer Zeitschrift auf das Foto eines Models, das eine religiöse Kopfbedeckung trug – ein Entwurf von Karl Lagerfeld. Dass er so weit gehen würde, um den Geist von Chanel einzufangen, schien mir eine unglaubliche Entdeckung. Als ich später in einem Museum in der Nähe des Klosters von Aubazine diese Büste der heiligen Bernardine fand, wusste ich: Das ist die Ausstellung!"

So beginnt die Schau auch mit dem Aspekt des Ursprungs: Die Stille, die strenge Einfachheit des Klosters, in dem Chanel sieben Jahre ihres Lebens verbrachte, prägten ihr Leben und auch ihre Formensprache. So griff sie etwa die Symbole Stern, Mond und Sonne, die in dem Fußboden-Mosaik im Kreuzgang des Klosters dargestellt sind, immer wieder in ihren Entwürfen auf. Und ihre Vorliebe für schlichte, schwarze Kleider mit weißen Krägen erinnert an die Tracht der Nonnen und die Uniform, die sie als Mädchen im Waisenhaus getragen hatte.

Coco Chanel nahm die Umbrüche ihrer Zeit bewusst wahr und bezog ihre Inspiration aus unterschiedlichsten Quellen. "Mode besteht nicht nur aus Kleidern. (…) Mode hat mit Ideen zu tun, mit der Art, wie wir leben", sagte sie einst. Für das kleine Schwarze, das sie in den 1920er Jahren entworfen hatte, reduzierte sie die elegante Kleidung einer Frau auf das Minimum. "Immer etwas wegnehmen, niemals etwas hinzufügen", war ihr Motto. Mit ihren unangepassten Entwürfen, ohne einengende Mieder, dafür mit bequemen Schnitten und Materialien wie Jersey entwickelte sie die Kleidung der modernen Frau.

Die Ausstellung setzt die künstlerischen Strömungen ihrer Zeit und Chanels eigenen Kreationen in Beziehung. Entwürfe der Designerin sind neben Erinnerungsstücken aus ihrem Leben, Briefen, Fotografien und Kunstwerken ihrer Zeitgenossen zu sehen und bieten einen unmittelbaren Zugang zum kulturellen Kosmos Chanels. Erstaunlich etwa sind die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen ihren Entwürfen und der abstrakten Formensprache Mondrians. So erinnern das Cover des ersten Chanel-Katalogs von 1924 oder die Verpackung für die "Chanel N° 5"-Parfum-Puderdose von 1930 in ihrer minimalistischen Gestaltung an die strenge Geometrie seiner Arbeiten. Das verspiegelte Art-déco-Treppenhaus ihres Ateliers in der 31 Rue Cambon, erweckt die Illusion eines aus unzähligen Fragmenten zusammengesetzten, kubistischen Raums in dem sie sich gerne fotografieren ließ.

Dabei gab die weltberühmte Designerin freimütig zu, nicht zeichnen zu können – sie fertigte nicht einmal Skizzen ihrer Entwürfe an. Eigene künstlerische Ambitionen hatte sie nicht. "Chanel gab niemals vor, eine Künstlerin zu sein, im Gegenteil. Obwohl sie Kunst als etwas geradezu Heiliges wertschätzte, hat sie nie aufgehört, zwischen Kunst und Mode zu unterscheiden", so Jean-Louis Froment. Doch im Kreise ihrer Künstlerfreunde wie Picasso, Cocteau, Strawinsky und Dalí wurde sie respektiert und verehrt, obwohl oder gerade weil sie anders war.