Kunst und Mode Wie Coco Chanel ihr Logo fand
Von den Medici bis zur klassischen Moderne: Eine Ausstellung in Peking zeigt derzeit, wie groß der Einfluss von Kunst und Künstlerfreunden auf Chanel und ihre Mode war.

Vis-à-vis Mondrian: Chanel-Mantel aus weißem Tweed mit blauer Borte aus der Herbst/Winter-Kollektion 1996
Die kleine Büste der heiligen Bernardine aus dem späten 15. Jahrhundert mit dem schlichten Nonnenschleier und dem bestechend ruhigen Ausdruck mag unscheinbar sein. Sie ist aber Schlüssel zu den ästhetischen Wurzeln einer Frau, die die Geschichte der Mode des 20. Jahrhunderts wie keine zweite beeinflussen sollte.
Das Bildnis stammt aus dem kleinen französischen Ort Aubazine. Hier wuchs Gabrielle Chanel (1883 – 1971) mit ihren beiden Schwestern in einem Zisterzienserkloster auf. Auch die Idee zu der Ausstellung Culture Chanel, die derzeit im National Art Museum of China in Peking zu sehen ist, nahm hier ihren Anfang wie Kurator Jean-Louis Froment erklärt: "Ich stieß in einer Zeitschrift auf das Foto eines Models, das eine religiöse Kopfbedeckung trug – ein Entwurf von Karl Lagerfeld. Dass er so weit gehen würde, um den Geist von Chanel einzufangen, schien mir eine unglaubliche Entdeckung. Als ich später in einem Museum in der Nähe des Klosters von Aubazine diese Büste der heiligen Bernardine fand, wusste ich: Das ist die Ausstellung!"
So beginnt die Schau auch mit dem Aspekt des Ursprungs: Die Stille, die strenge Einfachheit des Klosters, in dem Chanel sieben Jahre ihres Lebens verbrachte, prägten ihr Leben und auch ihre Formensprache. So griff sie etwa die Symbole Stern, Mond und Sonne, die in dem Fußboden-Mosaik im Kreuzgang des Klosters dargestellt sind, immer wieder in ihren Entwürfen auf. Und ihre Vorliebe für schlichte, schwarze Kleider mit weißen Krägen erinnert an die Tracht der Nonnen und die Uniform, die sie als Mädchen im Waisenhaus getragen hatte.
Gabrielle Chanel portraitiert mit strengem viktorianischen Kragen im Jahr 1939.
Coco Chanel nahm die Umbrüche ihrer Zeit bewusst wahr und bezog ihre Inspiration aus unterschiedlichsten Quellen. "Mode besteht nicht nur aus Kleidern. (…) Mode hat mit Ideen zu tun, mit der Art, wie wir leben", sagte sie einst. Für das kleine Schwarze, das sie in den 1920er Jahren entworfen hatte, reduzierte sie die elegante Kleidung einer Frau auf das Minimum. "Immer etwas wegnehmen, niemals etwas hinzufügen", war ihr Motto. Mit ihren unangepassten Entwürfen, ohne einengende Mieder, dafür mit bequemen Schnitten und Materialien wie Jersey entwickelte sie die Kleidung der modernen Frau.
Die Ausstellung setzt die künstlerischen Strömungen ihrer Zeit und Chanels eigenen Kreationen in Beziehung. Entwürfe der Designerin sind neben Erinnerungsstücken aus ihrem Leben, Briefen, Fotografien und Kunstwerken ihrer Zeitgenossen zu sehen und bieten einen unmittelbaren Zugang zum kulturellen Kosmos Chanels. Erstaunlich etwa sind die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen ihren Entwürfen und der abstrakten Formensprache Mondrians. So erinnern das Cover des ersten Chanel-Katalogs von 1924 oder die Verpackung für die "Chanel N° 5"-Parfum-Puderdose von 1930 in ihrer minimalistischen Gestaltung an die strenge Geometrie seiner Arbeiten. Das verspiegelte Art-déco-Treppenhaus ihres Ateliers in der 31 Rue Cambon, erweckt die Illusion eines aus unzähligen Fragmenten zusammengesetzten, kubistischen Raums in dem sie sich gerne fotografieren ließ.
Dabei gab die weltberühmte Designerin freimütig zu, nicht zeichnen zu können – sie fertigte nicht einmal Skizzen ihrer Entwürfe an. Eigene künstlerische Ambitionen hatte sie nicht. "Chanel gab niemals vor, eine Künstlerin zu sein, im Gegenteil. Obwohl sie Kunst als etwas geradezu Heiliges wertschätzte, hat sie nie aufgehört, zwischen Kunst und Mode zu unterscheiden", so Jean-Louis Froment. Doch im Kreise ihrer Künstlerfreunde wie Picasso, Cocteau, Strawinsky und Dalí wurde sie respektiert und verehrt, obwohl oder gerade weil sie anders war.
Mit Jean Cocteau war sie bis zu seinem Tod 1963 befreundet; sie entwarf etwa die Kostüme für sein Theaterstück Antigone (1922). Mit Dalí, zu dem sie ebenfalls eine enge Freundschaft pflegte, verbrachte sie 1938 vier Monate in La Pausa, ihrer Villa an der Riviera. Ihre gegenseitige Bewunderung führte zu einer Zusammenarbeit im Jahr 1939. Für sein Ballett Bacchanale fertigte Chanel die Kostüme. Ein reger kreativer Austausch bestand auch mit der im Pariser Exil lebenden russischen Avantgarde. Der den Dadaisten nahestehende Künstler und Verleger Ilia Zdanevich arbeitete von 1928 bis 1933 als Stoffdesigner für Chanel. Seine geometrischen Dessins orientierten sich an den Kompositionen der russischen Konstruktivisten. Für Serge Diaghilev und die Balletts Russes entwarf das Gespann 1924 die Kostüme zum Ballett Le Train Bleu, Picasso gestaltete den Bühnenvorhang.
Das Monogramm von Charles XI und Catherine de' Medici auf einem Bucheinband von 1561
Die Ausstellung zeigt Chanel als eine facettenreiche Persönlichkeit mit weitreichenden, teils paradoxen Interessen. Einerseits war sie eine emanzipierte und professionelle Geschäftsfrau, hatte aber andererseits ein Faible für Glücksbringer und Übersinnliches. Mit Leidenschaft sammelte sie Bücher esoterischen und mystischen Inhalts. Dalí schenkte ihr ein kleines Ölgemälde einer Weizenähre, ein Glückssymbol Chanels. Überraschend ist auch die große Bewunderung der sonst der Moderne verschriebenen Stilikone für die Herrscherinnen der Renaissance – allen voran für Katharina de' Medici, die vier Jahre lang Frankreich regierte: Eine Frau, die sich wie Chanel selbst in einer Männerdomäne durchzusetzen wusste, die genau wie sie das doppelte "C" als Monogramm führte und sich, nachdem sie Witwe wurde, nur noch in Schwarz kleidete, ganz der Vorliebe Chanels entsprechend.
Geradezu barock war der Einrichtungsstil Coco Chanels. Eine Aufnahme Cecil Beatons von 1965 zeigt sie in ihrem Apartment im Obergeschoss ihres Ateliers. Die zur Schau gestellte Opulenz ist frappierend: Sie liebte exotische Tierfiguren, ausladende Kronleuchter, kostbare Spiegel und vor allem chinesische Paravents, die sie sogar mit auf Reisen nahm. Obgleich nie in China gewesen, faszinierten sie die fernöstlichen Bildwelten. Beim Entwerfen ihrer Stoffe dienten der Modemacherin chinesische Motive oftmals als Inspiration.
Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe 14/2011
Die Vielschichtigkeit ihres Stils hat Man Ray in seiner Aufnahme von Chanel aus dem Jahr 1935 eingefangen. In maskuliner, geradezu provokanter Pose, Zigarette im Mund, die Hände lässig in den Hosentaschen, ist sie der Inbegriff der Emanzipation. Von Jean Cocteau sind zwei Porträts Chanels erhalten. Er zeichnete sie, die Facettenreiche und Rätselhafte, mit klaren Konturen, aber beide Male ohne Gesicht. Später sagte er über sie: "Auf wundersame Weise arbeitete sie in der Mode nach den Regeln, die eigentlich nur für Maler, Musiker und Dichter zu gelten schienen. Fast unmerklich hüllte sie das Lärmen der Welt in vornehmes Schweigen."
Die Ausstellung Culture Chanel läuft noch bis zum 13. Dezember 2012 im National Art Museum of China in Peking.
Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Weltkunst 14/2011 erschienen.
- Datum 09.12.2011 - 09:42 Uhr
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