Maskenbildnerin Die talentierte Ms. Ledermann

Für "Sex and the City" ließ Nicki Ledermann neurotische Frauen ihr Mascara verweinen, "Boardwalk Empire" verdankt der Deutschen seine Gangster-Gesichter – und einen Emmy. von Josefine Koehn

Verruchte Schönheit um 1920: Die Schauspielerin Paz De la Huerta als Lucy Danziger in einer Szene der US-Serie "Boardwalk Empire"

Verruchte Schönheit um 1920: Die Schauspielerin Paz De la Huerta als Lucy Danziger in einer Szene der US-Serie "Boardwalk Empire"  |  © Home Box Office Inc. All Rights Reserved.

Diese Hände mit den schmalen Fingern und kurz geschnittenen Nägeln haben schon viele berühmte Gesichter berührt. Die schmale Nase von Demi Moore, Mia Farrows hohe Wangen, Johnny Depps Piratenkinn, die Lachfalten von Meryl Streep. Heute ist Modedesigner Marc Jacobs dran, oder besser gesagt: sein Hals. Auf den zeichnet Nicki Ledermann kunstvoll eine Tätowierung – bis der Regisseur des Independent-Streifens mit dem Arbeitstitel Disconnected plötzlich entscheidet, dass die nächste Szene im Schnitt gespiegelt werden muss.

Ledermann zieht kurzerhand die Kapuze des Designers über das Tattoo, die Arbeit von Stunden – umsonst. Doch die Maskenbildnerin verzieht unter ihren kurzen schwarzen Haaren keine Miene: "Es ist wichtig, dass das Detail stimmt", sagt sie. "Man ärgert sich doch, wenn die Helden in einem Hollywoodstreifen nach einer Verfolgungsjagd immer noch aussehen, als kämen sie gerade frisch aus der Dusche." Oder eine Tätowierung da auftaucht, wo eigentlich gar keine ist. Wenn Ledermann am Set ist, passiert so etwas nicht.

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Seit mehr als 20 Jahren arbeitet die 43-Jährige als Maskenbildnerin in den USA. "Schon als Kind habe ich Make-Up geliebt", sagt sie. Mit 20 brach sie ihr Studium an der Münchner Hochschule für Musik ab und folgte einem Musikerfreund nach New York, wo sie bis heute lebt. Ledermann ist Autodidaktin, alles was sie kann, hat sie sich selbst erarbeitet.

Nicki Ledermann
Nicki Ledermann

Geboren 1968 in München, ging Nicki Ledermann 1988 nach New York um Maskenbildnerin zu werden. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Hollywood Make-Up Guild Award (2004), einer BAFTA Nominierung (2007) und dem Emmy für das beste Make-Up (2011) ausgezeichnet. In ihrer Freizeit spielt Ledermann Bass und entwirft Taschen. Sie ist mit dem Regisseur Alan Taylor verheiratet und hat drei Kinder.

"In Deutschland hätte ich meine Karriere so nicht machen können, da muss alles viel geradliniger laufen. In den USA brauchst du Talent, keine Zeugnisse." Nach einigen Jobs für die Abschlussfilme von Absolventen der New York University fing Ledermann im Jahr 1990 an, für TV-Produktionen zu arbeiten, später kamen Aufträge aus Hollywood. Im September 2011 gewann sie für die Pilotfolge von Martin Scorseses Boardwalk Empire (Ausstrahlung der zweiten Staffel in Deutschland ab 29.02.2012 auf TNT Serie) den Emmy Award für das beste Make-Up.

In einer Branche, in der es nur wenige zu etwas bringen, und der Arbeitsmarkt so überfüllt ist, dass es der US-Fachzeitschrift Make-Up Artist zufolge in den nächsten zehn Jahren akut an Arbeitsmöglichkeiten mangeln wird, hat Nicky Ledermann es an die Spitze geschafft. Für gut 60 Filme und Fernsehserien hat sie die Maske gemacht, darunter Der Teufel trägt Prada, Sex and the City oder Law and Order. Fragt man die burschikose Münchnerin, wie das ging, antwortet sie: "Der Trick ist, sich den Glamour nicht zu Kopf steigen zu lassen. Und seine Kontakte zu pflegen." Tatsächlich fragen viele der Regisseure, für deren Abschlussfilme Ledermann die Maske gemacht hat, noch heute nach ihr, die stets legere Jeans trägt und den Charme einer unkomplizierten Jugendfreundin versprüht.

Auch mit Marc Jacobs plaudert Ledermann entspannt über Politik und Kunst, dann fachsimpelt man über Jacobs neues Parfum. Ledermanns Hände spielen dabei geschickt wie die einer Konzertpianistin über die Pinsel, Make-Up-Tuben und Schwämmchen. Manche Schauspielerinnen sind so vernarrt in die sympathische Ledermann, dass sie sich auch privat von ihr den Lidstrich ziehen lassen.

"In der Maske ist man nicht nur fürs Make-Up zuständig, man ist auch Babysitter und Seelenklempner", sagt Ledermann über ihre Rolle am Set. Sie kennt die Ticks und Macken vieler Hollywoodstars, manche findet sie liebenswert, andere anstrengend. Direkt ist Ledermann und unverstellt: Bei Sex and the City habe sich irgendwann alles ausschließlich um Modemarken gedreht, sagt sie, "das war so oberflächlich, überhaupt nicht mehr meine Welt."

Denn Ledermann geht es nicht um die perfekte Oberfläche. Sie will keine glatten, makellosen Gesichter auf die Leinwand bringen, sondern möglichst realistische Darstellungen. Für sie muss die Maske die Geschichte eines Films mittragen: Sie muss der Epoche entsprechen, bis ins kleinste Detail zum Charakter passen. Wochen verbringt Ledermann deswegen vor jedem Projekt mit akribischen Recherchen über die entsprechende Zeit, die Mode, Schönheitsideale, Schminkgewohnheiten.

Mit dieser Detailversessenheit hat sie auch Martin Scorsese überzeugt. Einen guten Monat verbrachte Ledermann damit, für Boardwalk Empire ein Lookbook über die Zwanziger Jahre und die einzelnen Charaktere der erfolgreichen Gangster-Serie zusammenzustellen. Sie recherchierte in Bibliotheken und privaten Fotoalben, um Bilder aus der Zeit der Prohibition zu finden. "Scorsese erwartet, dass die Leute in seinem Team wissen, was sie tun", sagt sie. Als sie dem Regisseur schließlich nervös gegenübersaß, hatte sie für jede Einzelheit eine Idee, vom richtigen Lippenstift bis zur Schamhaarprothese für einen toten Frauenkörper.

Als Ledermann dann für ihre Arbeit für Boardwalk Empire im September den Emmy entgegennahm, forderte sie von der Jury auch Urkunden für ihre Mitarbeiter. "Schließlich steckt immer ein Team dahinter", sagt sie. Nicky Ledermann ist zwar Maskenbildnerin, doch am wohlsten fühlt sie sich mit der ungeschminkten Wahrheit.

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Leserkommentare
    • 3cpo
    • 07. Dezember 2011 9:31 Uhr

    Ich mag Menschen, die sich Dinge alleine erarbeiten. Und vor allen Dingen mag ich Menschen, die Dinge hinwerfen, um Passionen zu folgen. Glückwunsch an Nicki Ledermann, dass sie beides getan hat und Mutter Erfolg hat dies wohlwollend anerkannt. Make-Up ist eine faszinierende Sache. Es ist schon sehr beeindruckend, was gute Make-Up Artist mit Puder, Farben, Pinsel etc. aus einem Gesicht machen können.

    cu

  1. und was ebenfalls toll ist: die tatsache, daß sie nach der emmy-verleihung auch urkunden für ihre mitarbeiter forderte! die frau hat charakter! leider ist es doch so, daß meistens einer für die arbeit/ideen der anderen kassiert (ehre plus geld).

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Martin Scorsese | Marc Jacobs | Demi Moore | Hollywood | Hollywoodstar | Meryl Streep
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